Einer der berühmtesten Sätze der Philosophiegeschichte stammt von Ludwig Wittgenstein: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." Schriftsteller sehen das naturgemäß anders, und so formuliert Zsófia Bán denn auch das genau gegenteilige Credo: "Nein, meine Lieben, so geht das nicht. Worüber man nicht reden kann, darüber sollte man vielleicht versuchen zu reden, nicht wahr, dafür haben wir schließlich diese beschissene Sprache bekommen, sie ist es, die uns über die Tiere erhebt, darauf berufen wir uns, von wegen, die Sprache, nicht wahr. Dann sollte man sie aber auch benutzen, dann, wenn eine Schwierigkeit auftaucht, dann, wenn etwas kompliziert ist."

Um Worte verlegen ist die ungarische Autorin in der Tat nicht, vielleicht gerade weil ihre Erzählungen oft durchaus kompliziert sind. Denn nur die wenigsten der insgesamt 19 Prosastücke im neuen Band "Weiter atmen" erzählen wirklich Geschichten, also Begebenheiten, die man in eine knappe Inhaltsangabe fassen könnte.

Etwa die von der Flüchtlingsfamilie aus Syrien, die ins wenig gastfreundliche Ungarn kommt, und dem Pensionsbesitzer József, der aus durchaus eigennützigen Gründen bereit ist, die Not der Geflohenen zu lindern. Oder die titelgebende Erzählung von einem vermutlich autistischen Roma-Kind, das jeden Tag unbedingt seine Finger in ein Stück Seife krallen und den Seifenduft einsaugen muss, um weiter atmen, weiter leben zu können.

Oder die abgründige Miniatur aus einem Schwitzbad, wo vor lauter Dampf kaum etwas zu sehen ist und am Ende fast beiläufig ein Mord geschieht: "Man muss nicht immer wissen, man muss nicht immer sehen, es reicht, wenn man spürt, es reicht, wenn man jetzt nur spürt, spürt, dass man existiert. Aber dann gerät doch immer irgendwie ein Haar in die Suppe, denn die Augen können wir zwar schließen, aber die Ohren, unsere armen, fehlbaren Ohren, die stehen stets sperrangelweit offen wie eine halb verfallene alte Stalltür."

Zsófia Bán ist eine ungeheuer sinnliche Autorin - atmen, riechen, spüren, lauschen, das ist es, was ihre meist weiblichen Figuren tun, und entsprechend sinnenfroh gerät auch ihre Sprache (von Terézia Mora wieder wunderbar übersetzt). Manche dieser oft nur ein paar Seiten umfassenden Geschichten bleiben rätselhaft, manchmal auch spröde, sie wirken wie Spiegelkabinette, aus denen man am Ende reichlich verwirrt heraustaumelt.

Bán spielt gern mit intertextuellen Verweisen, etwa auf ihren Landsmann Péter Esterházy, sie rekurriert auf historische Ereignisse oder eine plötzlich aufgetauchte Photographie von Arthur Rimbaud und zaubert daraus so etwas wie Phantomgeschichten - Erzählansätze, Handlungsfäden, Geschehnisse, Spekulationen, die sich aber nicht zu etwas Ganzem fügen, sondern immer bruchstückhaft in einer sehr poetischen Schwebe bleiben.

Vielleicht sollte man diese Erzählungen so lesen, wie die namenlose Erzählerin in der Geschichte "Gelb" einst die Romane von Gabriel Garcia Márquez las: "Sie saugte die Sätze aus dem Buch unter der Bank ein, als hätte man sie an ein Beatmungsgerät angeschlossen, der Sauerstoff strömt, wird in die Lungen gepumpt, der ganze abgelagerte Schmutz wird hinausgespült, die Linien des Lachens, der Liebe, der Verliebtheit glänzen auf den Buchseiten und das Gefühl, dass es nie zu spät ist, oder es sowieso von Anfang an zu spät ist, und dann ist es egal, soll es tönen, hinaus in die Welt. Melancholische Lebensfreude entströmte den Seiten in einer noch nie gehörten Tonart."

Das Bán’sche Erzähluniversum zeichnet sich durch ein gehöriges Maß an Unkonventionalität, an Verspieltheit aus. Es ist der Eigensinn der Literatur, der hier aus jeder Zeile spricht, und man muss sich auf diese Eigenwilligkeit einlassen, um nicht darin verloren zu gehen: "Nun denn, man muss nur wollen, croyez l’impossible."

Ja, glauben wir das Unmögliche, tauchen wir ein in diesen wilden Kosmos. Denn darin gibt es zum Glück nichts, wovon man nicht sprechen könnte.