Was ist langweiliger als die Normalität? - Das dachte auch "Wiener Zeitung"-Redakteur Edwin Baumgartner und nahm sich in seinem neuen im Münchner Claudius-Verlag erschienenen Buch "Wiener Wahn" der Originale der Hauptstadt Österreichs an. Das Stelldichein von Kaisern, Bundeskanzlern, Bürgermeistern, Künstlern und Menschen ohne Prominenz, aber mit nicht geringeren Originalitäts-Potenzialen zeichnen ein Bild Wiens voller Humor - und voller Liebe zu der Stadt und den Menschen, die sie bewohnen und gestalten. Und manchmal gewährt der Autor, von irgendwo muss seine Neigung zur Skurrilität ja kommen, einen Blick in die eigene Familie. Da wäre zum Beispiel seine Großtante, die eine, sagen wir: überdurchschnittliche Leidenschaft für ihre Hobbys entwickelte. Im Nachfolgenden das Kapitel, kürzungsbedingt leicht modifiziert.

Jetzt muss ich Ihnen was erzählen, und zwar über die Tante Gusti.

Jeder Wiener hat in seiner Familie ein Original. Das ist so ein bisserl wie mit den tschechischen, slowakischen und ungarischen Vorfahren. Mit etwas Pech stammen die Vorfahren seit Generationen aus Wien. Wenn das so ist, ist man kein echter Wiener, weil zu einem echten Wiener halt dazugehört, dass er ein bisserl Tscheche und Ungar und Slowake, vielleicht auch Italiener und Kroate ist. Sozusagen gehört zum echten Wiener, dass er kein echter Wiener ist, vorfahrensmäßig, meine ich. Lassen Sie sich dadurch nicht verwirren. So, wie ein echter Wiener irgendeinen Vorfahren von jenseits der Wiener Grenzen hat, so hat er auch mindestens ein Original in der Familie. Deshalb erzähle ich Ihnen etwas über die Tante Gusti, die, genau genommen, meine Großtante gewesen ist.

Die Tante Gusti ist mit einem Mittelschullehrer für Deutsch und Mathematik verheiratet gewesen. Der Mann der Tante Gusti hat Franz mit Vornamen geheißen, er ist aber für alle nur "der Völkel" gewesen. Selbst die Tante Gusti hat ihn, wenn er nicht dabei war und sie über ihn gesprochen hat, "der Völkel" genannt. Die beiden haben miteinander vollkommen harmoniert. Sie haben auch immer gemeinsame Steckenpferde gefunden. Allerdings haben sich ihre Beschäftigungen jedes Mal über jedes normale Maß ausgeweitet. Auf dem Höhepunkt des Exzesses ist ihnen dann klargeworden, was sie treiben. Dann haben sie über Nacht ihr Hobby aufgegeben und sich einem anderen zugewendet.

Sittenlose Sittiche

Ihr erstes Hobby ist die Zucht von Sittichen gewesen. Das ist so gekommen: Die Tante Gusti hat gemeint, sie hätte gerne einen Sittich. Sie hat einen bekommen, ein Weibchen, das sie Sieglinde genannt hat. Dann hat der Völkel gesagt, ein Sittich allein wäre arm, es ist nicht gut, wenn der Sittich alleine ist, und da der erste ein Weibchen sei, müsse nun ein Männchen her, denn auch Sittiche bevorzugen die unsittliche Lebensweise. So kam Siegfried ins Haus, was eine völlig falsche Namensgebung gewesen ist, weil Siegfried ja der Sohn der Sieglinde ist und nicht ihr Mann. Unterschätzen Sie nie die Kenntnisse eines Sittichs in alten Sagen! Kein einziges Mal hat Siegfried die Sieglinde beschnäbelt. Das erregte das Missfallen des Völkel, der nun meinte, dass Sieglinde möglicherweise ein Sieglindus sei. Deshalb kam Roßweiße hinzu. Wie zu erahnen ist, hat der Völkel den "Ring des Nibelungen" von Richard Wagner sehr geschätzt. Roßweiße und Siegfried haben nun zu schnäbeln begonnen, Sieglinde indessen hat nur zugeschaut. Da haben die Tante Gusti und der Völkel beschlossen, ein weiterer Sittich müsse her, denn es sei für Sieglinde unzumutbar, beim Schnäbeln am Rande zu stehen. So ist Hunding für Sieglinde ausersehen worden. Zwischen Hunding Sittich und Sieglinde Sittich ist es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Nachwuchs hat sich eingestellt, sowohl von Roßweiße und Siegfried als auch von Hunding und Sieglinde.

Dann hat die Tante Gusti gemeint, ein Sittich solle nicht im Käfig sitzen, und der Völkel ist auf die Idee gekommen, das Zimmer in eine Volière umzubauen. Nach weiterem Nachwuchs der Sittichschaft haben die Tante Gusti und der Völkel ein zweites Zimmer als Volière umbauen lassen, und dann ein drittes. Mein Großvater hat gesagt, am Schluss würden die Tante Gusti und der Völkel im WC wohnen müssen, denn das sei der einzige Ort, der von seiner Funktion her unbedingt notwendig sei. Ganz so schlimm ist es aber nicht gekommen, weil die Tante Gusti und der Völkel nicht nur das WC, sondern auch noch die Küche und ihr Schlafzimmer für sich selbst reserviert haben. Kaum war der Rest der Wohnung in eine Volière umgewandelt, haben die Tante Gusti und der Völkel die Sittiche verkauft oder abgegeben, was weiß ich, und die Wohnung wieder in einen normalen Zustand zurückversetzt.

Als neues Hobby haben die Tante Gusti und der Völkel die Fotografie erkoren. Der Völkel hat ein Zimmer der Wohnung zu einer Dunkelkammer umbauen lassen, weil, haben die Tante Gusti und der Völkel befunden, die Fotogeschäfte ihre Bilder nicht ihren Ansprüchen gemäß entwickeln. Nachdem die Dunkelkammer eingerichtet gewesen ist und die Tante Gusti und der Völkel den ersten Film selbst entwickelt haben, mit staunenswertem Ergebnis, haben sie befunden, dass es genug sei. Sie haben die Dunkelkammer wieder ausbauen lassen, die Fotoapparate verschenkt, und nie wieder, nicht einmal im Urlaub, haben sie je wieder auch nur ein einziges Foto gemacht.

Willkommen im Aquarium!

Nachdem die Fotografie abgehakt war, ist das Aquarium gekommen. Am Anfang ist ein Goldfisch allein herumgeschwommen. Aber der Goldfisch soll nicht allein sein. Was weiter soll ich Ihnen erzählen? - Am Ende war es eine Aquarienanlage, die geeignet gewesen wäre, den Schönbrunner Tiergarten neidisch zu machen. Mein Großvater hat den Völkel einmal gefragt, ob er jetzt Haifische züchten wird oder vielleicht Pottwale. Die ungebührliche Bemerkung, nicht zu Unrecht als Ironie verstanden, hat zu einer gewissen Entfremdung zwischen den Familien geführt. Schließlich haben die Tante Gusti und der Völkel auch das Aquarienabenteuer beendet. Es ist ihre letzte Unternehmung vergleichbarer Art gewesen.

Schauen Sie nicht so, als würde ein Fiaker mit dem seligen Kaiser durchs Kaffeehaus fliegen. Ich garantiere Ihnen, von der Geschichte ist jedes Wort wahr. Das schwöre ich beim Kleinen Braunen, den ich mir gleich bestellen werde.