Die Schriftstellerin Lotte Ingrisch feiert am Montag, 20. Juli, ihren 90. Geburtstag. Zu Beginn des Jahres ist mit "Die Quantengöttin. Wellen und Teilchen - ein Geheimnis" ihr jüngstes Buch erschienen; Geburtstag gefeiert wird coronabedingt allerdings nur im kleinen Kreis, wie es seitens des Gottfried von Einem Museums, das sich dem Andenken von Ingrischs Ehemann widmet, auf Anfrage heißt.

Ingrisch wurde 1930 in Wien als Charlotte Gruber geboren. Von 1949 bis 1965 war sie mit dem Philosophen Hugo Ingrisch verheiratet und veröffentlichte in dieser Zeit unter dem Pseudonym Tessa Tüvari drei Unterhaltungsromane. Größeren Publikumserfolg erzielte sie mit ihren eingängigen Theaterstücken, meist Einaktern, darunter "Damenbekanntschaften" und die im Akademietheater aufgeführten "Vanillekipferln". Mitte der sechziger Jahre lernte sie den Komponisten Gottfried von Einem kennen, den sie 1966 heiratete.

Im Mai 1980 kam ein gemeinsames Werk des Künstlerpaars auf die Bühne: Die Mysterien-Oper "Jesu Hochzeit" löste bei ihrer Uraufführung im Theater an der Wien wegen "blasphemischer Textstellen" einen Skandal aus. Das "gotteslästerliche Libretto" war laut Franz Fuchs auch der Grund, warum der Attentäter 1996 eine Briefbombe an die Verfasserin schickte - allerdings irrtümlich an eine alte Adresse.

Die bereits in "Jesu Hochzeit" vertretene Idee der Einheit von Leben und Tod manifestierte sich in weiterer Folge in Ingrischs esoterischen, sehr persönlichen Texten der 80er-Jahre, dem Bestseller "Reiseführer ins Jenseits" (1980), dem "Nächtebuch" (1986) und vor allem dem "Donnerstagebuch" (1988), das ihr, so erklärte sie, vom 1986 verstorbenen Wiener Stadtrat Jörg Mauthe "aus dem Jenseits diktiert worden" sei. Wegen der namentlichen Nennung Mauthes auf dem Cover des Buches reichte der Sohn des Stadtrats Klage ein.

Schule der Unsterblichkeit

1990 wurde im Wiener Ronacher von Einems und Ingrischs Kinderoper "Tulifant" uraufgeführt, und 1998 hob die Wiener Kammeroper das letzte gemeinsame Bühnenwerk, "Luzifers Lächeln", aus der Taufe. Dass man auch über dem Sterben nicht den Humor verlieren muss, postulierte Ingrisch, die auch Lyrik, Fernseh- und Hörspiele verfasst hat, in "Der Himmel ist lustig". Verscherzt, zumindest mit einer Reihe etablierter Wissenschafter, hat sie es sich allerdings mit dem wissenschaftlichen Anspruch ihrer 2004 erschienenen "Physik des Jenseits".

1993 gründete die Grenzgängerin eine "Schule der Unsterblichkeit", um den Menschen die Angst vor dem Tod zu nehmen: "Sterben für Anfänger", "Sterben für Fortgeschrittene" und "Gespenster-Knigge" lauten Auszüge aus dem Kursprogramm. Ingrisch unterhält sich laut eigenen Angaben nicht nur mit Hexen, Hausgeistern, Feen und Engeln, sondern auch mit ihrem 1996 verstorbenen Mann. Ihre Dialoge mit von Einem gab sie 1997 unter dem Titel "Ratte und Bärenfräulein - Die Jenseitsreise des Gottfried von Einem" heraus. Zu ihrem 85. Geburtstag erschien das Buch "Als ich merkte, dass ich gestorben bin", heuer im Frühjahr erschien das gemeinsam mit Helmut Rauch verfasste Buch "Die Quantengöttin. Wellen und Teilchen - ein Geheimnis", der Nachfolger des 2017 erschienenen "Der Quantengott. Dialog über eine Physik des Jenseits".

Dem Gedenken ihres Mannes und der Pflege seines Werks widmet Ingrisch sich auch mit der Gottfried von Einem Stiftung. Sie schenkte das Haus in Oberdürrnbach, in dem von Einem seinen Lebensabend verbracht hatte, der Gemeinde Maissau. Seit 1999 ist die Gedenkstätte zudem Schauplatz der jährlichen "Gottfried von Einem Tage", die heuer allerdings aufgrund der Coronakrise pausierten.(apa)