Es gibt Bücher, deren Lektüre man nicht vergisst. "Im Schatten des Vaters" gehört dazu, eine Erzählung des 1966 (in Alaska) geborenen David Vann, die 2011 erschien. Im englischen Original war sie Teil eines Geschichtenzyklus gewesen, der den Titel "Legends of a Suicide" trug und sich in verschiedenen Versionen - man könnte auch sagen: Versuchsanordnungen - mit dem unauslöschlichen Trauma des Autors befasste: David Vanns Vater hatte sich umgebracht, als sein Sohn gerade einmal 13 Jahre alt war. Die Art und Weise, wie Vann dieses fürchterliche Erlebnis in dieser Erzählung verarbeitete - wo sich nicht der depressive, in seiner Hilflosigkeit fast kindliche Vater, sondern der innerlich viel reifere Sohn das Leben nimmt -, war eine ungeheuer eindrückliche Erfahrung, die sich tief ins Lektüregedächtnis eingebrannt hat.

Die nachfolgenden Romane Vanns waren dann gut, wenn sie sich auf die eine oder andere Weise weiter in literarischer Trauerarbeit übten, doch je weiter er sich von diesem autobiografischen "Urgrund" seines Schreibens entfernte, desto schwächer wurden sie (zuletzt der matte Roman "Aquarium"). Nun greift Vann den Selbstmord des Vaters noch einmal auf und rekonstruiert dessen letzte Lebenswochen.

Aus der Perspektive von Jim Vann, der sich und sein Leben als gescheitert, als fremdbestimmt betrachtet, der den falschen Beruf (Zahnarzt) wählte und mit Frauen kein Glück hatte, schildert er den unaufhaltsamen Weg in die Katastrophe. Der Vater wird sichtbar als Mensch, dem im Grund nicht zu helfen war und der in seinem Hin und Her zwischen Manie und Depression kaum auszuhalten ist.

Insgesamt aber wirkt dieser Roman wie ein bemühter Versuch, dem eigenen Trauma noch einmal literarisch zu Leibe zu rücken - ohne wirkliche Dramaturgie, mit viel Männlichkeitsgehabe und jeder Menge psychologisch-philosophischem Brimborium. Von der Intensität und Dichte der früheren Erzählung ist dieser verschwafelte Roman jedenfalls weit entfernt.