Sechshundertfünfzehn Seiten - und kein Wort zuviel, das ist das Fazit des großartigen Romans der amerikanischen Autorin Rebecca Makkai, ebenso wie für die Arbeit der Übersetzerin Bettina Abarbanell, die die Geschichte ins Deutsche übertragen hat.

Makkai, die bisher im deutschen Sprachraum kaum in Erscheinung getreten ist, entwickelt in "Die Optimisten" (im Original "The Great Believers", 2018) drei Handlungsstränge, die im Paris der 1920er Jahre, im Chicago der 1980er Jahre und wieder in Paris im Jahr 2015 angesiedelt sind. Der packende, aber unaufdringliche Erzählfluss lässt den Leser durch die Kapitel treiben, die verzahnt an beiden Orten spielen, wobei man jeweils am Ende derselben bedauert, dass diese Geschichte nicht sofort weitergeht, sondern die andere fortgesetzt wird.

Die Geschichte in Chicago spielt im Schwulenmilieu zu Beginn der Aids-Krise, es sind die schönen jungen Männer dort, die sich aus althergebrachten gesellschaftlichen Konventionen befreien und ihre eigenen Vorstellungen von Leben verwirklichen wollen, und die gleichzeitig am Rand einer Katastrophe tanzen und Party machen. Rock Hudson ist schon gestorben, man weiß, dass Aids eine Erkrankung des Immunsystems ist und wie man sich infizieren kann. Es gibt erste verlässliche Nachweistests, aber keine adäquate Behandlung oder medizinische Versorgung, und jede Diagnose bedeutet ein Todesurteil.

Vor diesem Hintergrund agiert die Clique dieser Chicago Boys: einmal wird gefeiert, dann die Wohnung eines verstorbenen Freundes ausgeräumt oder eine alternative Trauerfeier organisiert, denn die homosexuellen Partner und Freunde der Verstorbenen sind in den Familien keineswegs immer willkommen. Allein der Besuch der Familientoilette kann eine Krise und Panik vor Ansteckung auslösen. Das Grüppchen schmilzt dahin, denn nichts scheint diese Erkrankung aufzuhalten.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht Yale, ein Collegeboy, der für eine renommierte Einrichtung eine Kunstsammlung samt Galerie aufbauen soll. Durch Fiona, die kleine Schwester eines verstorbenen Freundes, kommt er mit ihrer Großtante in Kontakt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Kunststudentin und Modell in Paris gelebt hat und so zu zahlreichen Skizzen und Zeichnungen heute berühmter Maler gekommen sein soll. Das wäre ein großartiger Start für die Galerie, aber das Unternehmen erweist sich als schwierig, denn es gilt das Vertrauen und die Zuneigung der alten Dame zu gewinnen, die ihr Leben einer großen Liebe gewidmet hat, für die sie eine späte öffentliche Anerkennung fordert und entsprechende Bedingungen an die Übergabe der Bilder knüpft.

Lange bleibt unklar, ob die Werke überhaupt echt oder von Wert sind, und so beginnt eine kriminalistische Recherche über deren Provenienz und ein Poker mit der restlichen Familie, die ein Mäzenatentum verhindern möchte und alle Register von Gemeinheit zieht. Gleichzeitig geht das Privatleben weiter, man liebt, streitet, stirbt. Yale ist mit dem älteren Charly liiert, der sich äußerst besitzergreifend gebärdet, was der Jüngere, hungrig nach Liebe und Harmonie, willig akzeptiert. Die beiden haben sich Paarbeziehung und Monogamie geschworen, was als Versicherung gegen das Virus dienen soll, zudem trifft es sich mit der romantischen Vorstellung von Yale, der von einem Häuschen, trauter Zweisamkeit und Grillabenden auf der Veranda träumt.

Einige reagieren auf die Bedrohung mit politischen Forderungen, Protesten und Gay-Pride- Märschen, andere mit Exzess und Ausschweifung. Über allem kreist die Frage der Schuld: infiziere ich jemanden, werde ich infiziert und habe ich es gar verdient? Viele aus der Freundesgruppe tragen einen ungesunden Anteil an Selbsthass in sich, der sich fatale Wege bahnt. Die mangelnde Akzeptanz und Unterstützung durch Gesellschaft und Politik schweißt die Gruppe mehr und mehr zusammen und lässt sie zur Ersatzfamilie werden, und Fiona rutscht immer stärker in die Rolle der Vertrauensperson und Nachlassverwalterin, eine Aufgabe, die sie sich bis zur Selbsterschöpfung zumutet.

Auch wenn die Autorin ein durch und durch humanistisches Anliegen vertritt, geschieht dies in distanzierten Nebensätzen; beiläufig wird die aktuelle Situation der HIV-Infektionen in Afrika erwähnt, beiläufig sinniert einer aus der Freundesgruppe darüber, dass Aids auch seine guten Seiten habe, weil man nun auf der Straße aus Angst vor möglicher Ansteckung nicht mehr angepöbelt oder verprügelt werde. Makkai hat ausführlich zur Aids-Krise der 1980er Jahre in Chicago recherchiert und viel davon fließt in die Geschichte ein, auch wenn die Protagonisten fiktiv sind. Manches davon ist Spezialwissen, seien es Gegebenheiten vor Ort oder etwa die Erwähnung von Jesse Helms, einem erzkonservativen amerikanischen Politiker mit ausgeprägter Homophobie.

Versöhnliches Ende

Fiona treffen wir im Jahr 2015 in Paris wieder, sie hat mittlerweile eine gescheiterte Ehe hinter sich und ist auf der Suche nach ihrer verschwundenen Tochter, die einer Sekte beigetreten sein dürfte. Unterkunft findet sie bei einem alten Freund, dem Fotografen Richard, der durch seine Bilddokumentation der homosexuellen Community und des Leidens von Aids-Kranken internationale Berühmtheit erlangt hat und vor der Retrospektive seines Lebenswerkes steht. Hier erfahren wir auch die Auflösung der Geschichte, das Ende vieler Schicksale aus den Chicago-Jahren; und dieses ist - trotz allen Leids - ein versöhnliches, denn "Optimisten sind die, die schon viel erlebt haben und dennoch daran glauben, dass sie die Dinge verändern können".

Makkais Figuren sind fein gezeichnet und lassen ausreichend Raum für die Projektionen des Lesers. Ohne große Gesten entwickelt die Autorin einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Für den Eisele-Verlag hat sich "Die Optimisten" als wahrer Glücksgriff erwiesen; Parallelen zu einem anderen Virus, das die Gesellschaft aktuell in Geiselhaft hält, können natürlich gezogen werden, sind aber keineswegs verpflichtend. Julia Eisele, Chefin des kleinen Verlags, ist übrigens durch Zufall auf diesen Roman gestoßen: er wurde ihr von einer französischen Kollegin "als das Beste, das sie seit Jahren gelesen habe", empfohlen.