Eigentlich wollte Martin Schläpfer an seinen Sehnsuchtsort in den Bergen im Tessin ziehen. Einen umgebauten Stall hat er sich als Alterswohnsitz ausgesucht. Doch nun wird es stattdessen Wien werden: Ab September leitet der 60-jährige Schweizer das Wiener Staatsballett. Just vor seinem Amtsantritt ist eine Biografie erschienen, die den Tänzer, Choreografen und Ballettdirektor auch hierzulande vorstellt.

Es war eines seiner effektiven Interviews, das in einer Kürze von 17 Minuten "Material für eine ganze Seite lieferte", das die Journalistin Bettina Trouwborst auf die Idee brachte, einen "biografischen Gesprächsband" zu verfassen. Also führte sie zwischen Juni 2019 und April 2020 mit Martin Schläpfer sehr ausführliche Interviews, die nun im Buch "Mein Tanz, mein Leben" nachzulesen sind. Der Choreograf erzählt darin über seine Kindheit, seine außergewöhnliche Karriere, seine Identitätssuche. Er erklärt seinen Kunstbegriff, seine Ansicht über Technologien, den Einfluss von Literatur auf seine Kreationen und seine Erwartungen und Hoffnungen an Wien.

Und es ist auch ein personalisierter Einblick in die Tanzgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, wenn Schläpfer über seine Erfahrungen als spätberufener Ausnahmetänzer - er startete erst mit 15 seine Ballettausbildung - über Choreografen plaudert. Etwa sein Engagement als Erster Solist beim Ballett Basel unter Heinz Spoerli: Mit "ich war (. . .) Heinz Spoerli gegenüber aggressiv und bockig. Ich verhielt mich manchmal wie eine Diva", zeichnet Schläpfer ein sehr ehrliches Bild seiner damaligen Persönlichkeit unter dem psychischen Druck seiner Identitätssuche. "I was a mess", fasst er zusammen.

Auch bieten die Gespräche Einsicht in wenig bekannte, aber äußerst relevante Fakten der Tanzwelt, die nur Insider kennen, wenn er etwa David Howards Trainingscenter in New York City beschreibt, in dem Größen wie Mikhail Baryshnikov oder Gelsey Kirkland in offenen Klassen trainierten. Das besondere daran: Diese Klassen waren für jedermann frei zugänglich.

Schonungslos ehrlich

Ein Kapitel - beziehungsweise Interview der insgesamt neun -, beschäftigt sich mit dem gerade im Tanz brisanten Thema des Körpers, seiner Wahrnehmung und Verletzungen. Auf die Frage wie er denn vorgehe, wenn er Defizite bei einem Profi-Tänzer wahrnehme, antwortet Schläpfer auch hier schonungslos ehrlich: "Inzwischen bin ich da unglaublich direkt. Und zwar so unverblümt direkt, dass es nicht jedem gefällt." Im Älterwerden sei es immer richtiger, keine Kompromisse bei der künstlerischen Arbeit einzugehen.

So hart auch manche Antworten nachklingen, zeigt das Buch den Künstler als sensiblen Zeitgenossen, der im Zwiespalt zwischen Bühne und Privatheit lebt, in dessen Schaffen sich kulturelle und politische Entwicklungen anschaulich widerspiegeln. Erkennbar wird auch, wie Schläpfers Ballette entstehen, wie er unterrichtet und mit seinen Tänzern arbeitet. Trouwborst gelingt es, feinfühlig auf den Künstler einzugehen, auch einmal bestimmt nachzufragen, und sie zeichnet ebendarum ein umfassendes Porträt.