An diesem Kirchturm fährt keiner vorbei, ohne anzuhalten und Fotos zu machen. Doch nicht seine schlichte Architektur lässt Touristen auf die Bremse treten, sondern seine Unvollständigkeit. Nicht weit vom Ufer des Reschensees ragt nur seine obere Hälfte mit dem Spitzpyramidendach aus dem Wasser. In seinem berührendem Drama "Ich bleibe hier" schildert der 42-jährige Mailänder Autor Marco Balzano die Hintergründe des Staudammprojekts im Vinschgau und die bewegte Geschichte Südtirols wie sie seine Ich-Erzählerin Trina schmerzvoll erlebt. Ihr Geburtsort ist das Bauerndorf Graun. Italienisch sprach damals niemand in Südtirol - es gehörte bis 1918 zu Österreich. Als die Faschisten ihr verbieten, als Lehrerin tätig zu sein, unterrichtet sie heimlich in Kellern und Scheunen. Und als ein Energiekonzern für einen Stausee Felder und Häuser rücksichtslos überfluten will, leistet sie Widerstand. Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem Lehrer für Literatur über verdrängte Historie und die Sprache als Mittel zum Widerstand.

"Wiener Zeitung":Sie stammen ursprünglich aus Apulien. Wie entstand die Idee, einen Roman über das Südtiroler Bergdorf Graun zu schreiben?

Marco Balzano:An einem Sommertag, vor vier Jahren, bin ich versehentlich in der Gegend gestrandet, weil ich mich verfahren hatte. Der Glockenturm, der scheinbar auf dem Wasser schwimmt, ist ein Bild von großer narrativer Kraft. Es schien mir, als würde er einem surrealistischen Rahmen entspringen. Ich blieb stundenlang und schaute gebannt darauf. Der Glockenturm erinnerte mich daran, dass dazu quasi eine untergetauchte Geschichte existiert. Schließlich macht ein Schriftsteller letztlich nichts anderes, als Geschichten lebendig werden zu lassen, die unter Wasser, verschwiegen in Vergessenheit geraten sind. So gesehen ähnelt er einem Taucher, der Versunkenes an die Oberfläche holt.

Und wofür steht in Ihren Augen Graun und sein Schicksal im Länderdreieck Italien-Österreich-Schweiz?

Das Schicksal von Curon, wie Graun auf Italienisch genannt wird, ist interessant, weil es zeigt, was sich an Grenzregionen oft abspielt. Faschismus, Diktatur und Krieg verwandelten das einst florierende Gebiet in ein Land voller Gewalt. Grenzgeschichten sind immer sehr kompliziert und daher für einen Schriftsteller wie mich sehr ergiebig. Hier zerstören Politik, Krieg und Diktatur Identitäten, Gemeinschaften, Beziehungen und gegenseitige Zuneigung. Ich wollte denjenigen, die unter diesen Gewalttaten leiden, eine Stimme geben, um ihre Gefühle, ihre Frustration und ihre Empörung widerzuspiegeln. Südtirol ist insofern historisch gesehen besonders, weil es zu den wenigen Orten zählt, wo zwei Diktaturen aufeinanderfolgten: zuerst der italienische Faschismus Mussolinis, dann der barbarische deutsche Nationalsozialismus. Für mich bedeutet Literatur, von den Seiten zu erzählen, die in den Geschichtsbüchern fehlen, herausgerissen oder ganz ausgespart wurden.

Was war die größte Herausforderung?

Die Geschichte mit der Stimme einer Frau zu erzählen. Ihren Blick auf die Welt, ihr Land und ihre Söhne authentisch widerzugeben. Gleichzeitig hat mich das auch sehr gereizt. Ich weiß nicht warum, aber es war einer meiner Träume, der mich dazu brachte und mir suggerierte: Erzähle aus der Perspektive einer Frau.

Gibt es ein historisches Vorbild für Ihre Hauptfigur, die Lehrerin Trina?

Nicht direkt. Aber eine Frau, die in Curon lebt, zeigte mir das erschütternde Bild einer alten Frau, die in ihrem Haus Zuflucht suchte, als das Dorf überflutet wurde. Auf dem Foto sieht man sie, wie sie mit nassen Beinen auf ihrem Küchentisch kniet. Sie klammert sich verzweifelt an den Fensterrahmen ihres Hauses und schreit die an, die ihr alles wegnehmen wollen. Für mich war es, als würde sie rufen: "Ich bleibe hier!" Daraus entstand für mich nicht nur der Titel des Buches. Ich wollte auch einen Charakter wie diesen, mit diesem Mut im Mittelpunkt meines Romans. Das Ganze aus der Sicht einer Frau zu erzählen, barg freilich ein gewisses Risiko. Es war wie ein Glücksspiel. Gleichzeitig war ich mir sicher, dass sich dadurch alles radikaler, emotional wahrhaftiger, anfühlen würde und das reizte mich.

Haben Sie noch jemanden getroffen, der sich als Angehöriger einer österreichischen Minderheit wie ein Südtiroler fühlt und einen italienischen Pass besitzt, wie Reinhold Messner, wahrscheinlich der berühmteste Südtiroler?

Ich bin Messner noch nie persönlich begegnet, aber natürlich habe ich mit Leuten gesprochen, die sich so fühlen. Ich habe Zeitzeugen befragt, die alle schon sehr alt waren. Es war nicht leicht. Eine Frau weinte, eine andere wollte nichts sagen, ein Mann sagte zu mir: "Ich sehe vom Fenster meines Hauses kein Wasser, ich sehe immer noch das Haus meines Vaters." Als ich das Buch in Südtirol vorgestellt habe, war ich anfangs unsicher. Ich dachte, die Menschen würden vielleicht meinen, dass ich mich in ihre Angelegenheiten eingemischt hätte. Doch sie bedankten sich bei mir dafür, dass ich diese Geschichte erzählt habe, und gestanden: "Unsere Eltern haben das nie über sich gebracht."

Die Lösung der Südtirol-Frage gilt als internationales Beispiel für eine Lösung von Minderheitenkonflikten. Was ist Ihre Meinung?

Meiner Ansicht nach wurde das Thema von der italienischen Politik nie wirklich angesprochen. Es wurde immer versucht, die ganze Angelegenheit unter den Teppich zu kehren, zum Schweigen zu bringen.

Die Sprache spielt in Ihren Romanen eine herausragende Rolle. Wie wichtig sind Ihnen Sprache und Dialekt?

Der große sizilianische Dramatiker und Nobelpreisträger Luigi Pirandello sagte, dass Dialekt die Sprache der Gefühle ist, Hochsprache die Sprache der Sachlichkeit. Ich stimme ihm zu. Sprache ist der einzige Weg, um unsere Einzigartigkeit auszudrücken. Populismus, Faschismus und Werbung wollen, dass wir alle gleich sind und alle zu ruhiggestellten Konsumenten mutieren. Die Sprache zu kontrollieren bedeutet, die Gedanken zu beherrschen. Das gilt auch heute. Die Sprache wird jeden Tag von sozialen Medien, Politik und Werbung verunglimpft und mit Füßen getreten. Politiker wie Donald Trump oder Matteo Salvini wären nie dort, wo sie jetzt sind, ohne diesen sprachlichen Verfall. Demokratie ist ein komplexes System. Damit sie wirklich funktioniert, braucht man engagierte politische Teilhabe von allen und aufmerksame Auseinandersetzung, nicht zuletzt im Umgang mit der Sprache. Wenn diese Dinge fehlen, ist sie bedroht.

In Ihren Romanen geht es um Sprachverlust, um Schweigen. Schweigen aus Angst, Schweigen zwischen den Generationen. Warum?

Die Aufgabe eines Schriftstellers ist es, dieses Schweigen zu durchbrechen und die Dinge dahinter zum Reden zu bringen. Was verschwiegen wird, erzählt viel über uns. Jedes Mal, wenn wir nicht in der Lage sind, Situationen und Gefühle in Worte zu fassen, sind wir wie Gefangene, eingesperrt in dieses Schweigen. Und denken Sie daran, dass die Wörter nicht genau die Idee, den Gedanken sagen können. Es gibt immer eine Lücke zwischen diesen beiden Dingen und die Lücke ist Stille.

Die Corona-Krise hat die Digitalisierung vorangetrieben. Sie arbeiten als Lehrer. Statistiken besagen, dass junge Menschen in unserem digitalen Zeitalter immer weniger lesen. Wie können wir sie dazu bringen, wieder Lust auf Bücher und Literatur zu bekommen?

Meine Schüler lesen viel. Am Anfang verpflichte ich sie dazu, jeden Monat einen Roman zu lesen und mit mir darüber zu diskutieren. Dadurch finden sie einen Zugang zum Lesen und tatsächlich Freude daran. Nach und nach entwickeln sie eigene Vorlieben und ich muss sie nicht mehr dazu motivieren. Wenn Erwachsene selbst gerne lesen und wissen, wie man Geschichten erzählt, lesen auch die Jungen. Ich mache mir viel mehr Sorgen um lesefaule Erwachsene.