Albert Einstein, hier während einer Reise durch die USA 1925, brillierte auch an der Violine. - © ullstein bild/Imagno
Albert Einstein, hier während einer Reise durch die USA 1925, brillierte auch an der Violine. - © ullstein bild/Imagno

Es ist keine ganz neue Erkenntnis, dass Wissenschafter, deren Entdeckungen die Welt auf den Kopf stellen, oft heftigem Widerstand begegnen. Schon Galilei und Darwin bekamen bekanntlich keinen ungeteilten Applaus von ihren Zeitgenossen. Und auch Albert Einstein nicht. Als ihm 1922 der Nobelpreis für Physik zugesprochen wurde, erhielt er ihn für die Beschreibung des Photoelektrischen Effekts.

Die Relativitätstheorie, die ihn weltberühmt gemacht hatte, war zwar durch die Sonnenfinsternis vom 29. Mai 1919 bereits bestätigt, aber sie war einigen Angehörigen seiner Zunft immer noch nicht ganz geheuer. Dass Einstein gegen die Gepflogenheit deutscher Gelehrter verstoßen hatte, Politik und Wissenschaft getrennt zu halten, dürfte auch eine Rolle gespielt haben: Er hatte sich 1920 als Anhänger der Zionisten deklariert.

Gefährliches Göteborg

Marie Hermanson. - © Uwe Dettmar/Suhrkamp Verlag
Marie Hermanson. - © Uwe Dettmar/Suhrkamp Verlag

Die schwedische Schriftstellerin Marie Hermanson hat nun, entlang historischer Fakten, einen auf Krimi getrimmten Roman mit Lokalkolorit geschrieben, dessen Hauptschauplatz Göteborg und dessen erzählerischer Flucht- und Höhepunkt die Nobelpreisrede ist, die Einstein umständehalber dort - nicht in Stockholm - im Juli 1923 gehalten hat. "Der Sommer, in dem Einstein verschwand" ist der etwas zu viel versprechende Titel des Buches. Er bezieht sich darauf, dass Göteborg im Sommer 1923 das 300-jährige Gründungsjubiläum mit einer großen Ausstellung feierte, deren atmosphärisch sehr dichter Beschreibung sich der Roman widmet. Und andererseits darauf, dass Einstein in Schweden in existenzielle Nöte gerät: Seine Gegner wollen ihn beseitigen.

Bessere Voraussetzungen für ein Buch als die Kombination von außergewöhnlichem Schauplatz und einmaligem Ereignis, von berühmtem Protagonisten und packendem Plot, sind nur schwer vorstellbar. Bessere Voraussetzungen, um hinter entsprechend hohen Erwartungen weit zurückzubleiben, allerdings auch nicht. Man darf darum nicht verschweigen, dass Marie Hermanson zwar wacker auf aufklärendem Kurs segelt, aber - bemüht, möglichst viele Leserinnen und Leser aus ihrer Heimatstadt Göteborg mit an Bord zu nehmen - auch in seichten Gewässern herumkreuzt.

Aber niemand ist perfekt, auch Einstein nicht, der im Verlauf der sinister gestimmten, aber von leisem Humor getragenen Erzählung nicht immer bella figura macht. Hermanson stellt ihn - es ist Februar 1923 - als völlig Erschöpften vor, der gerade erst von einer "unmenschlich anstrengenden" Vortragsreise rund um die Welt zurück nach Berlin gekommen ist: Bei den Mahlzeiten hatte er "die Relativitätstheorie mit eigens eingeladenen Physikern diskutieren müssen und war fast nicht zum Essen gekommen. Abends Empfänge mit erstaunlich ahnungslosen Menschen der besseren Gesellschaft, die ihm ihre persönliche Deutung seiner Theorie mitteilen wollten." Und wenn sich der derart Gequälte endlich zurückziehen will, erwartet man von ihm, "um ein Uhr nachts, fast ohnmächtig vor Müdigkeit, als Geiger aufzutreten".

Warum macht sich der weltberühmte Wissenschafter derart zum Affen? Warum zieht es Einstein vor, als "reisender Unterhalter und Salonlöwe" durch die Welt zu tingeln, statt bequem in Berlin zu bleiben, Vorlesungen an der Universität zu halten und sich in seinem Ruhm zu sonnen?

Antisemitismus

Zu den Passagen, die dem Buch ordnende Tiefe geben, zählen jene, in der Hermanson plausible Antworten auf diese Fragen gibt - und dabei die desaströsen Verhältnisse in der an den Folgen der Weltkriegsniederlage und der allgemeinen Verunsicherung leidenden deutschen Hauptstadt beschreibt: "Berlin war eine gefährliche Stadt. Die Menschen waren hungrig und verzweifelt. Die Lebensmittelpreise stiegen täglich, Frauen plünderten die Läden, Arbeiter streikten." Und, schlimmer noch, kommendem Unheil vorgreifend: "Mord war an der Tagesordnung: politische Morde, antisemitische Morde, Raubmorde."

Zur allgemein gefährlichen Situation kommt bei Einstein auch noch eine konkrete Drohung: 1922 erhält er den Rat, "Berlin möglichst schnell zu verlassen", weil er auf "der Todesliste der Ultranationalisten" stehe. Er, ganz Elfenbeinturmbewohner, nimmt das anfangs "nicht sehr ernst".

Erst der "Mord an seinem Freund Walter Rathenau zwei Monate danach" erschüttert ihn nachhaltig. Und darum wird aus Albert Einstein, dem berühmten Wissenschafter, bereits zehn Jahre vor der Machtergreifung Hitlers und ein Jahr, bevor er die Nobelpreisrede in Göteborg hält, ein "wandernder Jude".

Einsteins Feind

Neben Walter Rathenau und Niels Bohr, die jeweils nur kurz auftauchen, tritt in der Folge eine wenig bekannte reale Figur ins Rampenlicht: Paul Weyland, der in den 1920er Jahren Führer einer geistigen "Bewegung" gegen Einstein war. Der reale Paul Weyland hielt sich im Frühjahr 1923 tatsächlich in Schweden auf. Aber hat ihn damals schlicht der Zufall dorthin verschlagen? Und wo verläuft in Marie Hermansons Erzählung, in dem Weyland die Rolle des Erzbösewichts zukommt, die Grenze zwischen Erfindung und Realität?

Am Ende des aus vier Perspektiven erzählten Romans erhellt die Autorin mit einem Kommentar diese Fragen. Bis ins letzte Detail reicht ihre Orientierung aber nicht. Und man ahnt, gerade dieser Unschärfe wegen, warum eine Erkenntnis jenes Wissenschafters, der in Göteborg der Laudator für Einstein war, auch heute noch von manchen Menschen ignoriert wird: Svante Arrhenius hat 1896, als Erster, auf den Einfluss des Menschen auf die Erderwärmung hingewiesen.

Marie Hermanson hält zwar, was die Ernsthaftigkeit ihrer Geschichte anbelangt, nicht durchgängig die wünschenswerte Tiefe. Das Janusköpfige der Wissenschaft bleibt bei ihr aber gut im Blick.