Seit dem EU-Referendum fragt man sich, was mit den Briten los ist. Die deutsche Schriftstellerin Nele Pollatschek versucht, das zu erklären. Sie hat an den Eliteunis Oxford und Cambridge, kurz Oxbridge, studiert. In ihrem Buch "Dear Oxbridge" beschreibt sie die britische Mentalität und was die Schnösel von Oxbridge mit dem Brexit zu tun haben.

"Wiener Zeitung": Warum wollten Sie in Oxbridge studieren?

Nele Pollatschek: Ich habe mich sehr früh in die englische Literatur verliebt und gedacht, ich möchte gerne so schreiben können wie die Autoren, die ich liebe und die alle in Oxford oder Cambridge waren.

Nele Pollatschek hat in Oxbridge Literatur und die Leute studiert. - © Pollatschek
Nele Pollatschek hat in Oxbridge Literatur und die Leute studiert. - © Pollatschek

Um die guten Karrierechancen ging es Ihnen nie?

Nein, so habe ich in dem Alter nicht gedacht, aber Oxbridge öffnet tatsächlich viele Türen. In England funktioniert so ein Abschluss als genereller Befähigungsnachweis für so ziemlich alles, außer vielleicht Kfz-Mechaniker. Ich habe englische Literaturwissenschaft studiert und mir wurden sehr oft Jobs angeboten, für die ich definitiv nicht qualifiziert war, wie bei einer Bank. Eine Studienkollegin berechnet heute, wie Medienkonzerne andere kaufen können, ohne gegen das Monopolrecht zu verstoßen.

Was hat englische Literatur mit Monopolrecht zu tun hat?

In Oxbridge lernst du vor allem, wie du große Mengen an Daten verarbeitest, Positionen beziehst und diese argumentierst. Das ist natürlich genau das Richtige, wenn du ein Monopolrecht ausheben willst.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Debattieren zu den Königsdisziplinen gehört.

In den Debattier-Clubs lernen die späteren Eliten ihr Handwerk. Hier geht es darum, eine Position einzunehmen, die du nicht mal selber glauben musst, um den anderen rhetorisch zu zerstören. Das ist wie bei jungen Tieren, die miteinander kämpfen, um das spätere Jagdverhalten zu üben. Diese juvenile Art sieht man im englischen Unterhaus, hier gebärden sich die meisten zeitlebens wie 17-Jährige. Boris Johnson lernte in der "Oxford Union", wie man Wahlen gewinnt, als er beim zweiten Anlauf ihr Präsident wurde. Es ist kein Zufall, dass 75 Prozent aller Premierminister in Oxbridge studiert haben.

Was meinen Sie, ist Boris Johnson vom Brexit selbst überzeugt?

Nein, der Brexit ist ihm egal, er wollte Premierminister werden. Die absolute Nachlässigkeit, mit der Johnson Großbritannien Richtung Brexit getrieben hat, erinnert an sein Verhalten, als er noch Mitglied in der elitären Studentenverbindung "Bulligdon Club" war. Hier ist privilegierten Jungs kein Schaden zu teuer für das eigene Vergnügen. Angeblich gehört zur Aufnahmeprüfung, eine Hundert-Pfund-Note vor einem Obdachlosen anzuzünden.

Woher kommt dieses Verhalten?

Die moderne Upper Class ist geprägt von einem neuen neoliberalen Individualismus. Früher war das Motto des Adels, dass Gott ihm diese Position gegeben und dass er deswegen eine Verpflichtung den Ärmeren gegenüber hat. Heute, wo die Kirche immer unwichtiger wird, meinen viele der englischen Oberschicht, dass sie sich alles alleine erarbeitet haben. Das führt zu einer Gnadenlosigkeit gegenüber allen anderen. Ich habe Studenten in Oxbridge erlebt, die sich Jogginghosen angezogen und sozialer Wohnbau gespielt haben. Die finden das wahnsinnig witzig. Diese Verachtung sieht man auch in der englischen Politik. Sie meinen, wer arm ist, hat es sich eben nicht verdient und ist nicht so gut wie sie.

Sie schreiben, dass der Brexit auch ein Putschversuch gegen die Eliten von Oxbridge war.

David Cameron hat bei einem Vier-Gänge-Menü und Champagner, auf einem goldenen Thron sitzend, verkündet, dass man den Gürtel deutlich enger schnallen müsste. Das ging damals durch die Medien. Leute wie er sehen diese Perversion gar nicht. Er wollte sich dann als EU-Freund mit dem Referendum seine Position in der Partei stärken lassen. Den weniger Privilegierten hat es gereicht, sie stimmten gegen den Schnösel aus Oxford, der in der EU bleiben wollte. Das Problem ist, jetzt haben sie Boris Johnson, der eine noch viel schlimmere Oxbridge-Elite-Version ist. Der stellt sich ja wirklich hin und sagt öffentlich, dass die ärmsten 20 Prozent alles Asoziale, Alkis und Idioten sind.

Ist es Zufall, dass der Anführer der Anti-EU-Bewegung, Nigel Farrage, nicht in Oxbridge war?

Nein, der Protest wurde dadurch begünstigt, weil er ein Mann des Volkes ist. Er konnte die Revolution anführen, das Machtvakuum nach Cameron aber nicht füllen. Der "Pöbel" kann den König köpfen, aber der "Pöbel" kommt nicht auf den Thron. Die Eliten und das an Herrscherklassen gewöhnte Volk nehmen einen wie ihn, der nicht in Oxbridge war, gar nicht ernst.

Wie passt da Margret Thatcher rein? Sie studierte zwar in Oxford, war aber selbst aus der Mittelschicht und bekämpfte als "Eiserne Lady" den Sozialstaat.

Sie hat sich vieles mit eisernem Willen erarbeitet, hat Chemie studiert, sich in der Partei hochgearbeitet und angeblich nur vier Stunden pro Nacht geschlafen. Sie hat bestätigt, was die Tories denken: Man kann es schaffen, wenn man nur sehr hart arbeitet. Das ging aber nur, weil sie ein Stipendium hatte. Der Witz an der Sache ist, dass sie später solche sozialstaatlichen Maßnahmen gekürzt hat. Ihr Weg wäre heute kaum mehr möglich. Wenn Leute sich etwas erarbeiten, dann glauben sie oft irgendwann, dass sie sich einfach alles selbst erarbeitet haben.

Lassen Sie uns über die britische Mentalität sprechen. Man hat das Gefühl, dass sich Briten nie beschweren.

Stimmt. Briten sitzen eher beim Tee und beschweren sich bei einander. Aber nicht so, dass sich auch etwas verändert. Wenn du in einem deutschen Zug sitzt, beschweren sich alle, wenn der sieben Minuten verspätet ist. In England ist es mir passiert, dass der Zug von Oxford nach Gatwick sechs Stunden Verspätung hatte und keiner hat eine Miene verzogen. Sich aufzuregen ist peinlich. In England wird auch nicht in Infrastruktur investiert, weil sich niemand beschwert.

Woher kommt diese Schicksalsergebenheit?

Ein Professor hat mir einen interessanten Anstoß dazu gegeben. Die britische Mentalität sei geprägt vom Blitzkrieg und der Rationierung. In Deutschland haben die Alliierten Nahrung rationiert, um die Bevölkerung zu schwächen. Die Deutschen konnten sich darüber beschweren. In England wurde Nahrung von der eigenen Regierung rationiert mit dem Gedanken, dass man den Volkskörper erhalten will. Deswegen haben Männer weniger bekommen und Frauen und Kinder mehr. Bei Kritik wendest du dich also nicht gegen einen Feind, sondern gegen das eigene Volk. Die Tugend von "mustn’t complain" wurde von der Nachkriegsgeneration weitergegeben. Auch heute appellieren Politiker noch daran.

Inwiefern?

Boris Johnson hat ein Buch geschrieben, in dem er die Allegorie aufstellt, dass er gegen die EU kämpft wie Churchill gegen die Nazis und sagt darin Sätze wie: "Die EU ist Hitler mit anderen Mitteln." Das Schöne am Brexit ist, der Engländer darf sich nicht über den Engländer beschweren, aber die EU ist ja nicht England. Im Sinne dieser Kriegsmentalität darfst du sagen, dass alles gut ist, wenn nur die EU nicht wäre. Wir müssen jetzt leiden, um uns gegen den Feind aufzulehnen, aber danach wird’s besser.