Es ist wundersam, dass man als Leser des zweiten Bandes von Hilary Mantels eindrucksvoller Tudor-Trilogie ("Falken") über hunderte Seiten wider besseres Wissen momentweise gehofft hat, Heinrich VIII. könnte sich sozusagen nach 500 Jahren eines Besseren besinnen und seine zweite Frau, Anne Boleyn, doch nicht köpfen lassen. Doch Hilary Mantel erweckt die Geschichte "nur" zum Leben, sie schreibt sie nicht um. So lautet denn der erste Satz des dritten Bandes schlicht: "Sobald der Kopf der Königin abgetrennt ist, geht er davon."

"Er", das ist auch für die etwas mehr als tausend Seiten des dritten Bandes "Spiegel und Licht" die Hauptfigur Lordsiegelbewahrer Thomas Cromwell, der Sohn eines Schmieds aus Putney, hoch aufgestiegen in einer Gesellschaft, in der die Zugehörigkeit zu bestimmten Familien alles bestimmt. Heinrich sagt zwar: "Lord Cromwell könnte mir nicht mehr bedeuten, wenn er mit mir verwandt wäre." Und er macht seinen höchsten Diener reich und verleiht ihm Titel. Doch "er" weiß, dass nur Heinrichs Gunst sein Schutzschild ist. Heinrich zu stärken, liegt folglich im ureigensten Interesse Cromwells.

Ergebener Diener

Gegner hatten "Crumb", wie ihn der König nennt, als "Metzgershund" bezeichnet: "Ein Metzgershund ist stark und tut, was von ihm erwartet wird. So bin ich, und ich bin ein guter Hund. Sage mir, ich soll etwas bewachen, und ich tue es." Und Jane Seymour, nach Anne Boleyn die nächste Königin, beschreibt die Verhältnisse so: "Der König tut nie etwas Unangenehmes. Das macht Lord Cromwell für ihn."

Cromwell organisiert die Ehen des Königs, kümmert sich um den Staatshaushalt, um die Beziehungen zu Karl V. in Spanien und Franz I. in Frankreich und nicht zuletzt zum Papst in Rom. Er beschafft dem ständig klammen König Geld, indem er Klöster auflöst und deren Vermögen der Krone zuführt, und er ist in der von Heinrich angeführten anglikanischen Kirche sein Stellvertreter.

Hilary Mantel hat das Genre des historischen Romans schon vor Jahrzehnten mit "Brüder", einer umfangreichen und geradezu schmerzlich lebensnahen Darstellung der Französischen Revolution, in die höchsten Höhen der zeitgenössischen Romankunst geführt. Wie aus Kupfer treibt sie Cromwells ambivalenten Charakter in vielen Facetten heraus: Einerseits ist er charmant, klug, gebildet, menschenfreundlich, und andererseits doch skrupellos und rachsüchtig bis auf den Tod. An seiner Person zeigt die Autorin, dass Machtpolitik ein Spiel ist, aus dem man nicht ohne weiteres aussteigen und sich vielleicht aufs Land zurückziehen kann.

Mantels Sprache ist schlank, geradlinig und zielorientiert. Handlung und Atmosphäre erschließen sich durch ein dichtes Gewebe von direkter Rede. Weil der Leser all diese Gespräche, Streitigkeiten, Überlegungen, Debatten und Gedankenkaskaden mitverfolgt, hat man am Ende den kuriosen Eindruck, als würde man die handelnden Personen kennen, als hätte man miterlebt, wie sie reden und leben. Cromwell ist etwa ein großer Freund von schönen Dingen, von gutem Essen und insbesondere von rarem Obst. Hin und wieder wollte man am liebsten selbst zugreifen, wenn er dem Gesandten Karls V. Trauben oder Beeren anbot.

Selbstredend lernt man bei dieser Zeitreise viel über die Tudor-Zeit, aber noch mehr über das Wesen der Politik, die bekanntlich nach Bismarck die Kunst des Möglichen ist. Und da der oberste Herr zur Maßlosigkeit neigt und sein Diener überaus geschickt und keineswegs zimperlich in der Wahl seiner Mittel ist, werden auch Dinge möglich, die man lieber nicht sähe. Das Rechtssystem der Zeit löst sich unter der Einwirkung von intellektueller Wendigkeit und physischer Brutalität in Willkür auf, und wenn es den Zielen Heinrichs und seines obersten Dieners dient, kommen auch Unschuldige unter die Räder.

Immer wieder liest man auf den über tausend Seiten von "Spiegel und Licht" Sätze, die man unweigerlich als Vorahnung des Endes deutet. Doch der, den es betrifft, taktiert und plant so weiter, als ob er es in der Hand hätte, seinen Kopf im richtigen Moment aus der Schlinge zu ziehen. Er hält die rivalisierenden Adelsfamilien in Schach und macht selber Politik in religiösen Fragen. Und das ist stets gefährlich. Denn das Feuer verbrennt in dieser Zeit nicht selten religiöse Abweichler.

Selbst als sich die Anzeichen mehren, dass Heinrichs Gunst schwindet, kann Cromwell den Ernst seiner Lage und die Unausweichlichkeit der in Gang gekommenen Intrigen nicht erkennen. Zwei seiner eigenen Günstlinge wenden sich schließlich gegen ihn, und er wird des Verrats angeklagt. "Verrat lässt sich mit jedem beliebigen Stück Papier nachweisen, wenn der Wille dazu da ist. Eine Silbe reicht. Die Macht liegt in der Hand des Lesers, nicht des Verfassers." Cromwell hat den König etwa dadurch verraten, dass er dessen illegitimem Sohn Richard einmal erklärte, dass es keine Hexen gebe. "Wo wir doch alle wissen, welchen Schaden sie unserem König zugefügt haben."

Gnade der Axt

Heinrich soll wiederholt bereut haben, sich seines fähigsten Dieners entledigt zu haben. Vielleicht war es ihm ein Trost, dass er Cromwell wenigstens die Gratifikation hat zukommen lassen, die der Lordsiegelbewahrer stets für die Delinquenten erbeten hatte: "Sir", sagt ihm der Wachhabende im Tower, "der König lässt Gnade walten, was die Art Ihres Todes betrifft. Es wird die Axt sein."

Für die ersten beiden Bände der Trilogie, "Wölfe" und "Falken", hat die 1952 in Glossop bei Manchester geborene Hilary Mantel jeweils den renommierten Man Booker Prize erhalten. Für ihr Gesamtwerk hat man ihr noch eine Reihe weiterer Preise zugesprochen, und 2014 ernannte sie die englische Königin zur Dame Commander des Order of The British Empire. Falls man in Stockholm nach einer würdigen Kandidatin suchen sollte, hier würde man fündig.