Jhumpa Lahiri schreibt ihre Bücher auf Bengali, Englisch oder Italienisch. - © CC Lynn Neary
Jhumpa Lahiri schreibt ihre Bücher auf Bengali, Englisch oder Italienisch. - © CC Lynn Neary

Bekannt geworden ist die US-amerikanische Schriftstellerin Jhumpa Lahiri, Tochter bengalischer Einwanderer, mit Geschichten, die vom Zwiespalt erzählen, in denen Menschen mit mehr als einem Heimatland leben. Gleich ihr erster Erzählungsband "Melancholie der Ankunft" erntete viel Lob bei der Kritik und wurde mit dem Pulitzerpreis gewürdigt.

Das ist jetzt schon zwanzig Jahre und einige Romane her. Zuletzt veröffentlichte Jhumpa Lahiri schmale Bücher, die sie auf Italienisch schrieb. Neben ihren Muttersprachen Bengali und Englisch verliebte sie sich nämlich als erwachsene Frau heillos in die Sprache und Kultur Italiens.

In "Mit anderen Worten" erzählt sie von dieser Reise in einen anderen Kosmos. Auch ihr neues Buch, "Wo ich mich finde", hat sie auf Italienisch geschrieben, und es ist gut möglich, dass sein feinnervig tastender und suchender Stil dem Schreiben in einer Fremdsprache geschuldet ist.

Es ist ein zauberhaftes Buch geworden, das die Poesie des Alltäglichen beschwört. Eine Frau, Italienerin, Mitte vierzig, erzählt in Ich-Form von ihrem Leben, von den Orten, die ihr So-Sein charakterisieren. Sie ist eine Einzelgängerin par excellence und eine leidenschaftliche Flaneurin.

In 46 Kapiteln, eines für jedes Lebensjahr, erzählt sie von den Friktionen ihres Alltags. Es sind kurze Kapitel, zwei bis vier Seiten lang. Überschrieben sind sie etwa mit: "Auf der Straße", "In der Buchhandlung", "Bei der Kosmetikerin", und sie erzählen von Begegnungen und Geschehnissen ebendort. In jedem Kapitel erfährt man ein bisschen mehr über die Erzählerin, unter anderem, dass sie allein lebt, als Professorin arbeitet, mit der Liebe abgeschlossen hat und eine schwierige Beziehung zu ihrer Mutter pflegt.

Aus den Alltagsbeobachtungen schält sich peu à peu eine Persönlichkeit heraus. Die kurzen Kapitel gleichen wundersamen Tagebucheinträgen: Das erzählende Ich nimmt das Frausein scharf in den Fokus und aus den Kapiteln ergibt sich ein collagierter weiblicher Lebenslauf, der Exemplarisches und Exzeptionelles vereint. Dabei bergen die Einträge auch manch ein Rätsel, ein Mann taucht auf, zuerst als Fremder auf der Brücke, dann als Ehemann der Freundin, dann als Streitender im Supermarkt. Es ist wohl derselbe, oder bildet sie sich das nur ein?

Die Erzählerin zeigt sich als manische Menschenbeobachterin; sie spinnt die Leben der Passanten weiter, so wie Schriftsteller und Schriftstellerinnen das eigene und fremde Leben weiterspinnen. Unendlich behutsam nimmt Lahiris Erzählerin sich und ihre Umgebung in den Blick, zart, schwebend, gedämpft, nicht frei von Melancholie. Es geht um die Dinge des Lebens und den verdammten Rest.

Wie nebenbei bringen diese Kürzest-Short-Stories und Selbsterkundungssentenzen den grauen Alltag zum Funkeln. Jhumpa Lahiri erweist sich einmal mehr als langmütige Menschenkennerin, die eminent anregend dem Rätsel der eigenen Existenz huldigt.