Legende und Historie mehrerer Jahrhunderte verschmelzen im neuen Roman von Juri Andruchowytsch. - © CC/Vodnik
Legende und Historie mehrerer Jahrhunderte verschmelzen im neuen Roman von Juri Andruchowytsch. - © CC/Vodnik

"Samijlo (Samuel) Nemyrytsch, dieser zu früh verdorrte und unglücklich vergessene Spross am Baum unseres nationalen Banditentums, zieht vor allem stilistisch Aufmerksamkeit auf sich, und die außergewöhnliche Schönheit seiner Verbrechen gründet auf absoluter Freiheit."

Der erste Satz scheint zu Jean Genet zu führen, indem er als ästhetische Grandezza preist, was bürgerlicher Moral als verwerflich gilt. Das bleibt beileibe nicht die letzte falsche Fährte, die der mehrfach ausgezeichnete ukrainische Autor Juri Andruchowytsch in seinem neuen Buch legt. Das Werk firmiert als "Parahistorischer Roman in achteinhalb Kapiteln", hat aber keinen durchgehenden Handlungsfaden, sondern reiht Episoden aus unterschiedlichen Epochen vom ausgehenden Mittelalter bis zu den 1960er Jahren aneinander.

Kosmos Galizien

Der Wanderzirkus, der in jeder von ihnen vorkommt, hat nur in einer einzigen Geschichte Handlungsrelevanz - vielmehr symbolisiert er eine Stimmung: Alles ist Gaukelei, Trug und (Ver-)Blendung. Auch dass hin und wieder, Musik-Samples nicht unähnlich, kurz auf Figuren und Geschehnisse aus anderen Kapiteln zurückgegriffen wird, ist weit eher der atmosphärischen Verdichtung als einer semantischen Funktion geschuldet: Diese Geschichten spielen, während sich ihr zeitlicher Rahmen über Jahrhunderte erstreckt, im ehemaligen Galizien (der heutigen Westukraine) in einem engen Kosmos mit Echos seiner Vergangenheit, seinen Mythen und Legenden.

Die beschriebenen Ereignisse und ihre Protagonisten sind großteils historisch verbürgt wie der KGB-Agent und Auftragsmörder Bohdan Staschynksyj, der mit seiner deutschen Geliebten am Tag des Mauerbaus in Berlin in den Westen überläuft (und vermutlich heute in den USA lebt). Ebenso sehr sind sie aber von Autorenhand geformt, indem Andruchowytsch sie in Netze aus schicksalhaften Fügungen, Intrigen und wahnwitzigen Zu- und Einfällen verwebt: Wenn etwa die attraktive Ehefrau eines erfolgreichen Händlers durch den Zauber eines karpatischen Magiers mit Fortschreiten der Zeit immer jünger wird, bis sie das Stadium eines zehnjährigen Kinds erreicht hat und ihr Mann wegen Pädophilie angeklagt wird, überstrahlt die Schöpfung die historische Wahrhaftigkeit. Insofern stimmt jedenfalls das Attribut "parahistorisch".

Die halbe Portion unter den "achteinhalb Kapiteln" ist die letzte Geschichte: Sie beschreibt die Kindheit des 1960 geborenen Autors in der westukrainischen Kleinstadt Iwano-Frankiwsk, deren Alltag durch den Fund einer kopflosen Leiche und die darum sich rankenden Gerüchte und Spekulationen aufgeschreckt wird. Da Andruchowytsch mangels Kenntnis keine Auflösung des Falls anbieten kann, muss er dieses Kapitel unvollendet - "halb" - lassen.

Im Buchtitel "Lieblinge der Justiz" schwingt ein zynischer Unterton mit. "Opfer der Justiz" wäre treffender - aber allein der Begriff "Justiz", verstanden als geordnetes Rechtssystem, ist irreführend, denn statt eines solchen werden barbarische Strafrituale und politischer Terror exerziert. Verbrechen sind das wahre Thema - und es sind nicht allein die Angeklagten, die welche begehen. In einer Geschichte, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts spielt, wird ein hochkultivierter, aber entstellter und seinen Mitmenschen verhasster Mann der Ermordung mehrerer Mägde schuldig gesprochen und gerädert. Ob er die Untaten, die er unter Folter gestanden hat, wirklich begangen hat, ist höchst fraglich, da zahlreiche entlastende oder die Anklage relativierende Indizien unterschlagen worden sind.

Andere kommen mit allen ihren Verbrechen durch, wie der eingangs erwähnte Samuel Nemyrytsch, der im frühen 17. Jahrhundert mit seinen Spießgesellen sein Unwesen treibt, mordet, plündert, Gästen in Weinschenken die Bärte an den Tresen nagelt, die Knochen bricht und Augen ausschlägt, in ihr Bier pisst, Leute zwingt, ihre Exkremente zu essen, einen Ratsherren in einen Kessel frisch gebrühten Kaffees und einen korrupten Richter in eine Latrine tunkt: Er beendet sein Leben friedlich, wenn auch von der Liebe enttäuscht, im Kloster.

Weniger Glück hat wiederum der als Priester getarnte Betrüger und Dieb Albert Wiroziemski, der seine Klugheit überschätzt, in die Falle einer rachsüchtigen Geliebten tappt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird.

Sarkasmus & Ironie

In diesen achteinhalb Geschichten wird entsetzlich gefoltert und gemordet, verraten, gelogen. Das ist dank Andruchowytschs Sarkasmus und unbändiger Fabulierlust ziemlich lustig. Lediglich manche illusionslösenden Pointen an den Enden der Geschichten erscheinen - offensichtlich der romantischen Ironie verpflichtet - allzu bemüht: Die versteckte Kamera, die Namyrytschs Tod 1632 "für eine künftige Veröffentlichung bei YouTube" festhält; oder die Himmelsboten, die mit der Asche des verbrannten Betrügers Wiroziemski in ein jenseitiges Brandschutzzentrum entschweben.

In der längsten, besten und bedrückendsten Geschichte allerdings sinkt die Temperatur des Erzähltons weit unter den Gefrierpunkt: Eisig, präzise und lakonisch schildert Andruchowytsch den Terror der Nazis in seiner eben noch von den Sowjets und kurz von den Ungarn geknechteten Heimatstadt. Ausgehend von einem dilettantischen Attentatsversuch kontrastiert der Autor die Gräuel der Besatzer mit der verqueren Philosophie eines ukrainischen Widerständlers, der seine Gefolgsleute verrät und Folter und Tod ausliefert, weil er vermeint, ihr Leid werde den Widerstand gegen die Okkupatoren stärken. Als er seinen Irrtum erkennt, ist es naturgemäß viel zu spät.