"Aus Gründen der Chronologie fangen wir in Manhattan an, und um die Erzählung nicht sinnlos zu zerfleddern, sondern der Bahn der Ereignisse vielmehr pfeilgerade zu folgen, geht es erst einmal nur um Sophonisbe." Schon mit dem ersten Satz trudelt man in den Text, ohne recht zu wissen, wie einem geschieht. Obwohl er wie hingeworfen wirkt, weiß man, dass man dranbleiben wird.

Und man wird nicht enttäuscht. Vor allem sprachlich entfaltet Iris Hanikas Erzählung einen faszinierend dichten Sog, während die Geschichte inhaltlich eher ziel- und absichtslos dahinmäandert, womit die Autorin die pfeilgerade Ausrichtung, die am Beginn in Aussicht gestellt wird, charmant unterläuft.

Die "Bahn der Ereignisse" ist ebenfalls ein wenig übertrieben angesichts der eher unspektakulären Begebenheiten: Leute verreisen, begegnen einander, machen sich Gedanken, verwickeln sich in mehr oder weniger tiefgängige Gespräche, schreiben Tagebuch, ziehen zusammen, verreisen wieder. So entstehen wie nebenbei zwei fiktive Frauen- und Künstlerinnenporträts (Sophonisbe und Roxana), zwei brillant skizzierte Städteporträts (New York und Berlin), und es ploppen zeitrelevante Themen auf wie Gentrifizierung, Altern, Rollenbilder, Kriegshandlungen in der Ukraine und die auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich.

Außerdem kommen Psychologie und Mythologie zum Einsatz, denn in den Echokammern der Gesellschaft wird nicht nur viel nachgeplappert, sondern auch aus Neugier und Eitelkeit Wesentliches und Unwesentliches gespiegelt.

Ein weiteres bestimmendes Thema ist das Schreiben. Roxana, bei der sich Sophonisbe nach ihrer New-York-Reise als Untermieterin einnisten wird, hat sich ein kleines Vermögen mit Ratgeberliteratur erwirtschaftet. Sophonisbe ist eine nicht mehr ganz junge Dichterin, die von der Lyrik zur Prosa wechseln will und glaubt, in New York dafür die bestmögliche Inspiration zu bekommen.

Tatsächlich gibt sich das Leben prosaisch, wenn man in einem winzig kleinen Zimmer auf die Ziegelwand des Hauses gegenüber starrt. Andererseits sind in New York die Engel nicht weit, die zu einem Empfang bei Weltstars einladen, etwa bei der Pop-Sängerin und Schauspielerin Beyoncé.

Stilistisch hat sich Sophonisbe für ein kunstvolles Radebrechen entschieden, aber das Thema macht ihr vorerst größere Probleme: "Offenbar hatten nicht nur über Auschwitz alle ihre Kollegen schon ein Buch geschrieben, sondern alle auch schon eins über New York. Als wären das die beiden Grenzpfosten, zwischen denen die deutsche Befindlichkeit sich spannt, als wäre es dies, was ein deutscher Dichter zu leisten habe (erst die Arbeit, dann das Vergnügen, erst die Vergangenheit, dann die große Welt)."

Damit hat auch Iris Hanika ihre dichterische Pflicht erfüllt, Auschwitz zumindest erwähnen zu müssen, und kann sich ganz dem Vergnügen hingeben, beschwingt und leichthändig von der großen und kleinen Welt zu erzählen, wie sie sie sieht. Oder ihr Ich-Erzähler? Oder ihre Erzählerin? Am Ende weiß man gar nicht mehr so genau, wer worüber berichtet hat. Aber egal. Das Buch der in Berlin lebenden, 1962 in Würzburg geborenen Autorin ist, wie es ist: herausfordernd, ungewöhnlich, sprachgewandt, politisch, unterhaltsam und mittlerweile auf den Bestenlisten bereits ganz oben.