Bestsellerautor Ilija Trojanow gilt als einer der vielseitigsten und engagiertesten Autoren deutscher Sprache. Der Kosmopolit und Wahl-Wiener erhielt 2018 den Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln. Nach seinem Kultroman "Der Weltensammler" schrieb der leidenschaftlich Reisende Bücher über den Islam, den Kampf der Kulturen, Datenschutz und den Klimawandel und nicht zuletzt ein groß angelegtes Gesellschaftspanorama Bulgariens über den ideologischen Überlebenskampf im Sozialismus. Literarisch virtuos wie kein anderer spielt der gebürtige Bulgare, der in Kenia aufwuchs, nun in seinem neuen Buch "Doppelte Spur" mit Fakten und Fiktionen und führt uns dabei vor Augen, wie sehr wir durch Fake News zu Komplizen der Macht werden.

"Wiener Zeitung": Herr Trojanow, was hat Sie gereizt, Ihren Roman im Whistleblower-Milieu anzusiedeln?

Ilija Trojanow: Whistleblower sind, in meinen Augen, die ambivalenten Helden unserer Zeit. Alle großen Enthüllungen der vergangenen Jahre basierten auf Material von ihnen, angefangen bei Edward Snowden. Aber dem Ganzen haftet natürlich auch immer der Ruch von Verrat an. Was sind die Motive dahinter, sind sie wirklich immer rein, oder sind es persönliche oder unter Umständen gar gelenkte? Leaks bilden ja geradezu ein neues Subgenre. Aber das englische Wort "leak" ist mehrdeutig. Es bedeutet ja auch undichte Stelle. Und da haben wir schon die Komplikation. Denn diese, das wissen wir, findet man nicht so leicht.

Haben Sie dabei auch kurz überlegt, einen Roman über Trump zu schreiben?

Mehrere Bücher aus England und USA haben das bereits tatsächlich mit klassischen literarischen Mitteln, wie Groteske oder Satire, versucht. Und sie sind daran gescheitert. Denn Trump ist quasi seine eigene groteske Überspitzung. Deswegen bin ich einen völlig anderen Weg gegangen. Ich baue einen Roman auf, der nur aus Fakten besteht. Aber wie diese Fakten kuratiert werden, ist durch und durch literarisch. So baue ich ein Luftschloss aus sehr handfesten Ziegelsteinen.

Glauben Sie niemandem?

Bei meinen Vorträgen werde ich immer wieder gefragt: "Welcher Website oder Zeitung vertrauen Sie am meisten?" Und ich antworte immer: Gar keiner. Denn es ist schon ein kapitaler Fehler, zu glauben, man könne sich in die Hand einer einzigen wahrhaftigen Quelle von Information begeben. Das galt schon immer. Aber heute zählt das noch mehr. Das Kuratieren, Einordnen und Bewerten von Fakten und vermeintlichen Fakten muss man selbst übernehmen. Das ist es, was mein Roman aufzeigt. Nur so hat man eine Chance darauf, ein Narrativ zu entwickeln, das halbwegs glaubwürdig ist. Deshalb zeige ich, wie aus einem klitzekleinen Keim eine Verschwörungstheorie aufblüht und eine unglaubliche mediale Dominanz entwickelt.

Aber Fake News gab es doch früher auch.

In dem Ausmaß nicht. Selbst wenn einem Politiker, wie damals Willy Brandt, alles Mögliche unterstellt wurde, war an den Affären immer noch ein kleiner Teil Realität.

Was halten Sie von Verschwörungstheorien, die sich später als real erweisen?

Es gibt ja zwei Aspekte zu diesem Thema. Zum einen ist es eine unbestreitbare Tatsache, dass manche durchs Internet produziert und enorm verbreitet werden. Gleichzeitig existiert ein zweiter Aspekt, über den wir viel seltener reden. Dass gerade diejenigen, die daran beteiligt sind, dieses Wort benutzen, um jede Form der Analyse zu diskreditieren. Mit dem Wort Verschwörungstheorie nivelliert man den Unterschied zwischen einer völlig abstrusen und einer investigativen Recherche, die seriös mit viel Aufwand hinter die Kulissen der Macht blickt. Das ist ein enormes Problem für eine demokratische Gesellschaft. Ich erlebe das persönlich. Wenn ich in irgendeiner Weise etwas Ungewohntes formuliere und darauf hinweise, da läuft etwas ab, das nicht evident ist, kommen immer ein paar Leute mit dem Vorwurf an: Ja, du mit deinen Verschwörungstheorien. Das heißt, dass alles, was in die Tiefe geht, was man nicht gleich belegen kann, potenziell als Verschwörungstheorie verunglimpft wird. Manchmal sogar von jenen, die selbst zu einer Inflation von Verschwörungstheorien beitragen. Oder wie es in dem Roman heißt: "Wer wirr über die Wirren redet, stiftet Verwirrung."

Zurück zu Trump, der ja ein Auslöser für Ihr Buch war. Glauben Sie, dass er über Seuchenpolitik stolpert und nicht mehr wiedergewählt wird?

Corona wird ihm das Genick brechen. Da hat er keine Chance. Er versucht es, aber man erkennt ja gerade, wie seine sonst so erfolgreiche Strategie in die Hose geht. Einer Pandemie gegenüber kann man nicht mit Zaubertricks, rhetorischen Ablenkungen, Empörungen, Strategien des Scheins arbeiten. Das Spannende an unserer Reaktion auf Corona ist ja, dass diese Pandemie medial ungeheuer viel Unsinn provoziert. Aber sie hat einen absoluten Seins-Kern, der nicht abgestritten werden kann. Es infizieren sich Menschen, es sterben Menschen. Das ist eine Realität, an der er scheitern muss, weil die Bilder von vollen Krankenhäusern und unzähligen Gräbern jenseits von jeglichem Spiel mit Finten und Täuschungen, von Illusionen und Legitimierungen liegen. Er hat den Gegner gefunden, dem er überhaupt nicht gewachsen ist. Ich glaube, es wird sogar einen Erdrutsch für Biden geben.

Ihnen wurde 2013 die Einreise in die USA verweigert. Sie haben das in Ihrem Plot verwoben. Sie haben damals vermutet, weil Sie sich kritisch über die NSA-Überwachung geäußert haben. Wissen Sie heute mehr?

Es ist genauso, wie ich es im Roman dargestellt habe. Es hieß: Sie stehen nicht im System, und ich fragte, wie das denn sein könne. Aufgrund einer großen kritischen Öffentlichkeit hatte also die Behörde das eigene Archiv inzwischen gesäubert. Das ist ja eine der vielen bürokratischen Techniken, diese Blackbox. Deshalb benutze ich auch Schwärzungen in meinem Roman. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass selbst das Leak zensiert wird. Es ist eine Blackbox in einer Blackbox in einer Blackbox.

Mit Ihrem Opus Magnum "Macht und Widerstand", einem groß angelegten Gesellschaftspanorama Bulgariens, wollten Sie mehr Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit Bulgariens erreichen. Was erhoffen Sie sich von Ihrem neuen Roman?

Ich erwarte nie etwas. Ich weiß nach dreißig Jahren, dass die Rezeption einen immer überrascht. Ich bekomme auf einmal ein E-Mail von irgendwoher und ein Mensch erklärt mir, wieso mein Buch wichtig war für ihn. Das ist das Wunderbare an Literatur. Ich weiß von ihrer enormen Kraft, aber auch von ihrer völligen anarchischen Vielfalt.

Sie haben auf verschiedenen Kontinenten gelebt. Warum haben Sie sich für Wien entschieden?

Weil es so wunderbar zentral am Rand liegt. Wofür steht Österreich mit seiner Hauptstadt heutzutage? Ist es ein verklungenes Märchen einstiger Größe oder eine Erfolgsstory bei der Öffnung nach Osten und dem Zusammenwachsen von Europa, ist es ein dynamischer moderner Kleinstaat oder eine Traditionsstätte wichtiger Elemente europäischer Kultur? Gerade diese produktiven Widersprüche und die charmante Raffinesse mancher Österreicher, wie sie damit umgehen, ziehen mich an. Hier hat mich noch niemand gefragt, wo ich herkomme, wenn ich meinen Namen nenne. Ilija Trojanow könnte als Wiener durchgehen. Ich glaube, es ist ein Ort, der zu mir passt.