Auf der Bühne ist es einfacher!

Auf der Bühne treten Kostüm und Maske zwischen den Autor und seine Figur. Der Zuschauer erkennt mühelos, dass der Autor eine Figur meint. Wenn die Figur auf der Bühne pöbelt und gegen jede politische Korrektheit verstößt, weiß der Zuschauer, dass es nicht zwangsläufig die Meinung des Autors ist. Rolle und Autor sind erkenntlich getrennt, selbst dann, wenn der Autor doch sich selbst in die Rolle hineingeschrieben hat. Schiller war ganz bestimmt ein bisschen Wilhelm Tell.

Prinzipiell aber kapiert der Zuschauer, dass Sophokles keineswegs das Lebend-Begraben von Gesetzesbrecherinnen befürwortet. Der Zuschauer kapiert, dass Shakespeare nicht selbst der üble Antisemit gewesen ist, der Shylock übel mitgespielt hat. War Goethe Faust oder Mephisto - oder gar der Gott des Prologs im Sinne des Dramenschöpfers und damit eines distanzierten Betrachters des Geschehens? Brecht war nicht Mutter Courage, Dürrenmatt nicht Claire Zachanassian. Werfel kann seinen Oberst Tadeusz Boleslav Stjerbinsky als Antisemiten zeichnen, ohne dass ein Zuschauer Werfel des Antisemitismus zeihen würde. Zumal er ohnedies eines jeden Herz für den Juden Jakobowski schlagen lässt. (So ganz ohne Juden-Klischees geht das übrigens nicht ab. Sie sind lediglich ins Positive gewendet.)

Das alles also begreift der Zuschauer dank Bühne, Kostüm und Maske.

Zumindest sollte es der Zuschauer kapieren.

War das aber eine Aufregung mit Jean Genets Hautfarbenverwirrstück "Die Neger"! 1958 geschrieben, Aufregung bei den Wiener Festwochen 2014. Da sind, trotz Bühne, Kostüm und Maske, erstaunlich viele Hüter der politischen Korrektheit dem Autor auf den Leim gegangen. Ein ähnlich gelagerter aktueller Fall ist der des Skandals um die steirische Kabarettistin und Autorin Lisa Eckhart, der Antisemitismus vorgeworfen wird. Dazu später - bitte einen Moment Geduld.

Zuerst eine andere Frage: Was geschieht, wenn der Monolog des Schurken von der Bühne herabsteigt und zum Ich-Erzähler eines Prosawerks, einer Kurzgeschichte, einer Novelle oder eines Romans, wird? - Dann hat man einen Fall von Rollenprosa. Und die kann der gefährlichste Balanceakt sein, den ein Autor zu unternehmen wagt.

Was nämlich der Zuschauer im Theater unwillkürlich akzeptiert, nimmt der Leser des Romans viel weniger wahr. Der Leser stellt sich mit dem Autor sozusagen auf Du-und-Du. Er geht von der Prämisse aus, der Autor würde ihm seine ureigensten Gedanken anvertrauen. Das kann gehörig nach hinten losgehen.

Herr Karl wurschtelt sich durch

Gedankenexperiment eins: Nehmen wir an, dass der "Herr Karl" kein Bühnenmonolog wäre, den der Mitautor Helmut Qualtinger grandios vorträgt, sondern eine Erzählung von Qualtinger und Carl Merz. Nehmen wir ferner an, es gäbe nur ein paar trockene Lebensdaten als Information über die Autoren. Dann ließe sich der "Herr Karl" lesen als Hohelied auf das ganz und gar wienerische Durchwurschteln eines genial begabten Durchwurschtlers. Nicht als Karikaturisten der tiefschwarzen Wiener Seele könnten Qualtinger und Merz dann empfunden werden, sondern als deren Apologeten.

Unmöglich? - Wo ist doch gleich die Grenze zwischen dem Autor und seinem Ich-Erzähler bei Thomas Bernhard, etwa in "Alte Meister"? Meint er das alles selbst? Spielt er eine Rolle? Hat er, im umgekehrten Verhalten eines Schauspielers, die Rolle zu seinem Selbst verwandelt? Es ist der doppelte und dreifache Boden, der Rollenprosa so aufregend macht!

Zu Zeiten der DDR etwa war der kindlich-naive Erzähler ein beliebter Trick regimeskeptischer Autoren. Sie ließen den Buben oder (ganz selten) das Mädchen allerhand sagen, was sich gegen die SED richtete. Klopfte man den Autor seitens der Behörde unsanft auf die Finger, konnte der Schriftsteller entschuldigend sagen: Ja, aber es ist doch ein naives Kind, ich wollte den Blick dessen zeigen, der die Wahrheit über das Arbeiter- und Bauernparadies erst noch erkennen muss.

In diesen Fällen war die Rollenprosa die Rettung der Regimekritik. Bei Rudyard Kipling hingegen führte sie zu einem schrägen Blick auf den Autor: Kipling, einer der geschliffensten Stilisten der englischen Sprache, siedelt einen großen Teil seiner Geschichten im britisch verwalteten Indien an, das er aus eigener Erfahrung gut kannte. Wiederholt treten bei ihm britische Kolonialbeamte und Militärangehörige auf, die keinen Zweifel daran lassen, dass sie weiße Engländer als überlegene Spezies ansehen. Ist das Kiplings eigene Meinung? Oder hat er seinen Landsleuten genau aufs Maul geschaut? Kipling gibt kein Hilfsmittel an die Hand, wie er es wirklich meint. Allerdings ist es nicht die Sache eines Autors, selbst sein Werk zu erklären.

Gedankenexperiment zwei: Nehmen wir an, diese mühsam als solche erkannte Rollenprosa macht einen Sprung aus der Erzählung heraus auf die Bühne und wird dort vorgetragen vom Autor höchstpersönlich.

Oder von der Autorin - womit wir beim Fall Lisa Eckhart sind. Ihr wird unterstellt, dass sie in einem Kabarettprogramm antisemitische Aussagen getätigt hat. Verkürzt hat sie in Zusammenhang mit der MeToo-Debatte mit Seitenblick auf Harvey Weinstein gesagt, man habe immer geglaubt, Juden ginge es nur ums Geld, jetzt aber müsse man feststellen, es ginge ihnen nur um die Frauen, und dafür würden sie Geld brauchen.

Ist das eine antisemitische Aussage? - Ja. Ja, aber... Lisa Eckhart schlüpft in eine bestimmte Rolle, nämlich in die des selbsternannten Tugendwächters, der seine politische Korrektheit wie ein Hemd an- oder eben auch auszieht. Es schwingt da etwas mit von: "Also doch die Juden..." Nur, dass Lisa Eckhart das als Figur sagt, nicht als davon überzeugtes Ich.

Wer zustimmt, ist ertappt

Während die meisten Kabarettisten das Einverständnis des Publikums voraussetzen auf der Basis "Wir unten gegen die oben", dreht Lisa Eckhart das Verhältnis um: Sie setzt die Distanz des Publikums voraus. Wer zustimmt, ist ertappt. Im "Herrn Karl" war die Rollenprosa durch Qualtingers Vortrag und das Wissen um seine Position klar als solche zu erkennen. Bei Lisa Eckhart indessen ist es ähnlich wie bei Kiplings Kolonialbeamten: Das Ich der Autorin bzw. des Autors verschwindet hinter dem der von ihr bzw. ihm geschaffenen Figur. Es ist am Leser, respektive am mitdenkenden Zuschauer, die Bewertung vorzunehmen.

Anders gesagt: Man stelle sich vor, Captain Hook würde die Geschichte von Peter Pan erzählen oder Darth Vader die von Obi-Wan. Rollenprosa gibt eben fallweise den Schurken eine Stimme. Und dass sich ein Schurke nicht gleich als Schurke einführt, ist Schurkenart. Es liegt am Leser, es zu erkennen.

Auf der Bühne ist es einfacher!

Oder eben auch nicht.