Als Hans Karl Zeßner-Spitzenberg nach seiner Verschleppung ins Konzentrationslager Dachau am 15. Juli 1938 vom Lagerkommandanten gefragt wurde, warum er hier sei, antwortete er: "Weil ich im Glauben an Gott und an ein christliches Österreich unter der Führung des Hauses Habsburg die einzige Rettung für die Unabhängigkeit und Selbständigkeit meines Vaterlandes sehe." Hans Karl Zeßner-Spitzenberg war, wie er mit diesen Worten selber zum Ausdruck bringt, vor allem ein konservativer Katholik und Monarchist - Reaktionär in mancherlei Hinsicht. Seine Profession war Professor an der Hochschule für Bodenkultur Wien. Darüber hinaus war er bis 1938 Herausgeber der Wochenschrift "Der Ständestaat" sowie ein hoher Funktionär der Vaterländischen Front. Diese knappen Zuschreibungen zur Person Hans Karl Zeßner-Spitzenberg mögen bei den einen Sympathien, bei den anderen Skepsis und Ablehnung hervorrufen. Manfried Welan und Peter Wiltsche haben die Lebensgeschichte des 1885 in Böhmen geborenen Barons in ihrem Buch über diese Etikettierungen hinaus unter die Lupe genommen.

Manfried Welan im Zeßner-Spitzenberg-Park. - © P. Wiltsche
Manfried Welan im Zeßner-Spitzenberg-Park. - © P. Wiltsche

Welan amtierte zwischen 1977 und 1993 mehrere Funktionsperioden als Rektor der Universität für Bodenkultur Wien (Boku). Zeßner-Spitzenberg war dort 1931 bis 1938 als ordentlicher Professor für Verwaltungslehre und Verwaltungsrecht einer von Welans Vorgängern auf dessen Lehrkanzel gewesen. Seit seiner Berufung auf den Lehrstuhl im Jahr 1968 beschäftigte sich der an der Erforschung der Geschichte seiner Institution in hohem Maße interessierte Jurist mit dem Leben und Wirken seines Vorgängers, 1977 initiierte Welan den von der Österreichischen Gesellschaft für Agrar- und Umweltrecht vergebenen "Hans-Karl-Zessner-Spitzenberg-Preis" für Arbeiten auf dem Gebiet des Agrar- und Umweltrechts. Co-Autor Peter Wiltsche bringt sich im Buch als Leiter des Boku-Archivs mit seiner Expertise ein.

In seiner Karriere als Verwaltungsbeamter in Wien hatte Hans Karl Zeßner-Spitzenberg Berührungspunkte mit bedeutenden Persönlichkeiten wie Karl Renner und Hans Kelsen, bei seiner späteren Laufbahn als Hochschullehrer trat der Ordinarius für Verwaltungslehre und Verwaltungsrecht in verschiedenen Bereichen als Agrarrechtler hervor.

Zeßner-Spitzenberg war in turbulenten Zeiten an die Boku berufen worden. Bei seiner Ernennung zum Ordinarius im Jahr 1931 war er als Legitimist, Katholik, CVer und Befürworter von Österreichs Eigenständigkeit mit Hörern konfrontiert, die mehrheitlich deutsch-national, wenn nicht schon nationalsozialistisch, eingestellt waren. Als am 7. März 1933 im Festsaal der Boku eine von der Deutschen Studentenschaft organisierte "Anschlusskundgebung" stattfand, protestierten von der 27-köpfigen Professorenschaft nur Zeßner-Spitzenberg und ein weiterer Kollege.

Spannend zeichnet das Buch die düstere Hochschulgeschichte der Jahre bis zum "Anschluss" nach. Zeßner-Spitzenberg, der als Disziplinaranwalt der Hochschule gegen ausschreitende Studenten vorging (mehrere nationalsozialistische Hörer wurden auf seinen Antrag hin vom Studium ausgeschlossen), war in zunehmendem Maße dem Terror studentischer Nazis ausgesetzt. Nachdem er schon in den frühen 30er-Jahren das Verbrecherische und Gottlose am Nationalsozialismus erkannt hatte und publizistisch dagegen aufgetreten war, wurde er nach dem "Anschluss" Österreichs ans "Dritte Reich" sogleich vom Dienst als Hochschulprofessor enthoben. Noch in der Nacht vom 11. auf den 12. März 1938, unmittelbar vor dem "Anschluss" Österreichs ans "Dritte Reich", hatte sich Otto Habsburg telefonisch bei Zeßner-Spitzenberg gemeldet und ihm geraten, die Flucht zu ergreifen. Zu spät: Die Tragödie nahm bereits ihren Lauf. Hans Karl Zeßner-Spitzenberg starb am 1. August 1938 an den Folgen von Misshandlungen und war damit einer der ersten Österreicher, die im KZ Dachau ums Leben kamen.