Das Leben hatte viel vor mit Zheng He. Sein Aufstieg vom Hof-Eunuchen der Ming-Dynastie zum Helden der Seefahrt mutet an wie ein Märchen. He dirigierte Chinas legendäre Schatzflotten. Die riesigen Dschunken waren beladen mit Seide, Porzellan und Kunstobjekten. Sie nahmen Kurs auf Indien, den Persischen Golf und Ostafrika, um ihre Fracht gegen fremdenLuxus einzutauschen: Elfenbein und Edelhölzer, Edelsteine und Perlen, Weihrauch und Arzneien. Zengh Hes Seekarten und Aufzeichnungen sind von großem historischen Wert, nur wenige blieben erhalten.

Seefahrer führen Buch über ihre Reisen, und das seit Jahrhunderten. Sie schreiben Logbücher und zeichnen Portolankarten. Sie dokumentieren Seekriege und Schiffbrüche, malen das Meer und seine Bewohner. Sie halten Bordszenen und Landgänge fest, konterfeien "Exoten" und leben Sehnsüchte in Tagebüchern aus. Ihre Notate bekunden Abenteuerlust und Forschergeist. Sie sind Ausdruck hegemonialer Strategien und wilder Fantasien. Marinemaler, Expeditionszeichner und Kartografen setzten Triumphe und Tragödien der Seefahrt virtuos ins Bild. Doch auch Walfänger, Freibeuter und Schiffsärzte erwiesen ihr Geschick im Umgang mit Pinsel und Feder.

Der britische Historiker Huw Lewis-Jones (Jg. 1980) hat Bibliotheken, Privatsammlungen und Seekisten nach diesen Schätzen durchforstet und seine Funde in einem prächtigen Band publiziert: "Das Buch des Meeres" liegt nun auf Deutsch vor. Es richtet den Fokus auf die Illustrationen und stellt die einzelnen Seefahrer in knappen Porträts vor. Über sie würde man gerne mehr erfahren, doch dafür gibt es ja die Unendlichkeit des World Wide Web.

Lewis-Jones ist ein erfahrener Polarreisender; er war Kurator am Scott Polar Research Institute in Cambridge und am National Maritime Museum in London. Sein "Buch des Meeres" entfaltet ein faszinierendes Panorama. Es reicht von den Paradiesen der Südsee bis zu den Schreckenszonen der Arktis; es zeugt von schwülen Matrosenfantasien und von bewegenden Seemannsdramen. Der Leser reist im Kielwasser legendärer Entdecker und Freibeuter, er folgt den Berichten couragierter Frauen und einfacher Seeleute, erschaudert beim Anblick von Skorbut-Kranken oder entzückt sich am Wunder alter Seekarten.

Auch wenig bekannte Facetten der großen Seefahrer gilt es zu entdecken. Wer hat nicht von der Meuterei auf der Bounty gehört! Kapitän William Bligh, mit 18 Mann in ein Beiboot ausgesetzt, navigierte dieses an sichere Gestade. Nun kann man sich auch von seinen Zeichenkünsten überzeugen. Vielleicht ist Ihnen sogar der Name Tupaia ein Begriff. Er war Priester und Seemann, seine Heimat Polynesien. Als Invasoren sein Eiland überfielen, floh er nach Tahiti. Wenig später gingen dort James Cook und der Naturforscher Joseph Banks an Land. Tupaia half Banks beim Sammeln botanischer Proben, machte sich als Übersetzer und als kundiger Navigator nützlich.

Aus Adriaen Coenens "Visboek". - © Koninklijke Bibliotheek, Den Haag
Aus Adriaen Coenens "Visboek". - © Koninklijke Bibliotheek, Den Haag

Er begleitete Cook nach Neuseeland, Australien und Batavia (Jakarta). Dort war für Tupaia Endstation. Seine letzte Ruhestatt auf Edam (Insel vor Batavia) ist nicht mehr erhalten, seine "naiven" Zeichnungen sehr wohl. Es sind Seekarten, Szenen aus Tahiti, auch von australischen Fischern - und von interkulturellen Begegnungen. So zeigt eine Skizze Joseph Banks beim Tauschhandel mit Indigenen. Der porträtierte Forscher meinte dazu in einem Brief, das Bild bezeuge "jenes Gespür fürs Karikieren, das alle Wilden besitzen".

Kurz erwähnt sei auch noch Adriaen Coenen. Der Fischhändler aus Scheveningen machte mit seinem "Visboek" (Fischbuch) Furore. 1577 begonnen, schwoll es auf 800 Seiten an, randvoll mit Bildern, maritimem Wissen und Seemannsgarn. Geschäftssinn bewies der Holländer obendrein. Er stellte sein Werk im Rathaus von Den Haag zur Schau - allerdings nur gegen Eintritt. Lewis-Jones’ "Buch des Meeres" verbindet berauschende Bilderwelten mit packenden Geschichten. Eine absolute Empfehlung für diesen Sommer.