Mit Bob Dylan zu Donald Trump: Stefan Kutzenberger. - © EK
Mit Bob Dylan zu Donald Trump: Stefan Kutzenberger. - © EK

In Anbetracht der Möglichkeiten ist die Zahl der Verschwörungstheorien im Pop-Universum relativ überschaubar. Okay, der Bluesmusiker Robert Johnson hat seine Seele einst in Clarksdale, Mississippi, an den Teufel verkauft, Elvis lebt nach wie vor und Paul McCartney ist bereits seit 1966 mausetot. Natürlich stimmt auch mit diesem Club 27 etwas nicht - und aktuell wissen wir, dass Britney Spears mit versteckten Instagram-Botschaften auf ihre Gefangenschaft hinweisen will, Stichwort #FreeBritney.

Dass bisher noch niemand auf die Idee gekommen ist, eine Konspiration aus dem Gesamtwerk Bob Dylans herauszulesen, ist in diesem Zusammenhang allerdings schwer verdächtig. Immerhin steckt das Wort "Loge" bereits in den sogenannten Dylanologen, deren Hang zur Exegese des Meisters uns ohnehin längst merkwürdig hätte vorkommen müssen.

Konspiration, Konfusion

Im innersten Zirkel, also quasi im schwarzen Block des Milieus, handelt es sich dabei um Menschen, die ihr Geheimwissen bei Konzerten aus den vorderen Reihen heraus zwanghaft mit Songerkennungsapplaus unter Beweis stellen müssen - auch wenn dem Sänger im Falle eines besonderen Auto-Dekonstruktionsversuches selbst noch nicht so recht klar sein sollte, was er da gerade anstimmt und -richtet. Kurz gesagt, auch die Seherqualitäten der Jünger Bob Dylans liegen in den Mehrzweckhallen der Welt bereits seit Jahrzehnten offen vor uns.

Es hat dann aber doch den aus Oberösterreich gebürtigen Schriftsteller und Literaturwissenschafter Stefan Kutzenberger und dessen nun vorliegenden zweiten Roman "Jokerman" gebraucht, um diesbezüglich Licht ins Dunkel zu bringen, das sich - "It’s not dark yet / but it’s getting there" - aber bald wieder verfinstern wird. Immerhin ist nicht nur laut Fred Sinowatz alles sehr kompliziert. Auch in Bob Dylans "All Along The Watchtower" von 1967, dem zweiten zentralen Anlasssong des Romans neben dem titelgebenden "Jokerman" vom Anfang des Endes der sogenannten christlichen Phase, heißt es: "There’s too much confusion / I can’t get no relief." Und nicht zuletzt die Natur der Verschwörungstheorie selbst, auf Verwirrung zu bauen und diese zu stiften, wird in diesem Roman noch so hervorragend in unser "postfaktisches" Zeitalter des Fakes und der Fälschung passen, dass am Ende alle Fäden zwangsläufig beim US-Präsidenten zusammenlaufen müssen.

Zunächst lässt Stefan Kutzenberger die aus seinem Debütroman "Friedinger" von 2018 bekannte autofiktionale Hauptfigur Kutzenberger aber einen Vortrag im Rahmen eines Bob-Dylan-Panels versemmeln, bevor er dennoch zum legitimen Nachfolger der vor ihm bereits als Medium instrumentalisierten Sängerin Amy Winehouse wird und ihn ein Roadtrip nach Island führt. Dort soll der Autor Texte des US-Songwriters für eine mysteriöse Bob-Dylan-Gesellschaft analysieren.

Showdown mit Giftstift

Während sich Kutzenberger faktenverdrehend durch die Seiten flunkert, indem er etwa das Aus des Deuticke Verlags auf den angeblichen Misserfolg seines Romanerstlings zurückführt, und es auch zur Wiederbegegnung mit einem daraus bekannten Scheidungsgrund namens Clelia kommt, erweist sich in der prächtigen nordischen Landschaft zwischen Dampfquelle und Jökull bald aber eines: Nichts ist so, wie es scheint - und die Wahrheit ist nirgendwo da draußen. Ein Geheimbund aus Bob-Dylan-Fanatikern deutet und steuert das Weltgeschehen über Botschaften aus dessen Werk. 9/11, der Fall der Berliner Mauer? Ja, natürlich! Nur die Sache mit dem Coronavirus (im Text) - Stefan Kutzenberger hat den Roman bis zuletzt aktuell gehalten - und der Veröffentlichungstermin des Romans (im echten Leben), PR-technisch günstig drei Monate vor der US-Präsidentschaftswahl angesetzt, gehen auf kein Komplott zurück. Am Ende dieser auf 352 Seiten äußerst kurzweiligen Langprosa wird der als Joker enttarnte Kutzenberger den Auftrag erhalten, den Trumpf zu stechen, also Donald Trump zu ermorden.

"There must be some way out of here": Spätestens mit Kutzenbergers Amerika-Reisen, den Begegnungen mit Bill und Hillary Clinton oder Salman Rushdie und mit einer Rückblende zum Konzert Bob Dylans am 15. Juni 1991 in der Sporthalle Linz als MacGuffin entwickelt sich eine Art Schelmen-Thriller, der mindestens im doppelten Wortsinn komisch ist. Wir lernen noch rechtzeitig vor dem Showdown mit Giftstift im Weißen Haus, dass Hillary Clinton die Linzer Kapu kennt und warum es buchstäblich heißt, "mit jemandem in die Kiste zu steigen".

Über seinen im Jahr 1983 von Mark Knopfler produzierten Song "Jokerman" hat Bob Dylan einmal gesagt: "That could have been a good song." Stefan Kutzenberger muss dieses Resümee für seinen Roman nicht ziehen. Ihm gelingt es, über Musik als etwas zu schreiben, das uns ans Licht bringt, während er Protagonisten und Leserschaft gleichzeitig hinter das Nämliche führt. Es geht außer um die Wahrheit und deren Behauptung immer auch um die unterschiedliche Les- und Deutbarkeit im Grunde eines jeden Textes - und darum, was Literatur vermag. Am Ende lauern mit Søren Kierkegaard noch die Moral, ein Verzerreffekt namens Erinnerung und die gute alte Wiederholung als Repeat-Button, der trotzdem ein Korrektiv sein kann.

Den Titel für die skurrilste literarische Sexszene nicht nur dieses Jahres (Neigungsgruppe Fußfetisch!) hat Stefan Kutzenberger damit sowieso in der Tasche. Oder um es mit Bob Dylan zu sagen: "Oh, oh, oh, Jokerman!"