Für seine Fans war Charles Bukowski ein Kultautor. - © Getty Images/Ulf Andersen
Für seine Fans war Charles Bukowski ein Kultautor. - © Getty Images/Ulf Andersen

Will man in einem Gespräch über Literatur jäh stehen gelassen werden, muss man nur sagen: Ich lese Charles Bukowski. Kaum einem Schriftsteller hängt ein so übler Geruch an. Ein Säufer, dessen Leber ein biologisches Wunder war. Ein Frauenfeind, der Simples herunterhackte. Ein Ekel, das sich in den hinterletzten Bars herumschlägerte. Und so derangiert aussah, als würden seine Körperzellen nur noch von gutem Willen zusammengehalten. Barbet Schroeders Film "Barfly" von 1987 nach einem Bukowski-Treatment tat ein Übriges, die Klischees einzubetonieren.

So weit die Legenden. So weit die Missverständnisse seines Erfolgs. Bukowski hatte dank seines Vermittlers und Übersetzers Carl Weissner aus Mannheim vor allem im deutschsprachigen Raum Erfolg. Und ob des 1969 gegründeten Zweitausendeins Versands. Wieso ausgerechnet die Deutschen der Siebziger und Achtziger ihn so liebten und lasen, blieb Bukowski ein Rätsel.

Vielen hat sich bis heute ein anderes Rätsel nicht offenbart: Der am 16. August 1920 geborene Schriftsteller war belesen, gebildet, sensibel, auch da, wo er rüde, laut, geil war. Diese stilistische Direktheit war das, was er wollte. Er war der Barde des abgeranzten Los Angeles, der Homer dreckiger Hintergassen. Einmal wurde er gefragt, ob er nicht in eine der netten, gepflegten Vorstädte umziehen wolle. "Zum Teufel, nein!", sagte er. "Ich liebe die Anarchie dieser Stadt, den Schmutz, die schlechte Luft, die Gefahr auf den Straßen. Auf dem Lande würde ich wahnsinnig. Ich brauche lautes Autohupen und dreckige Bürgersteige!" Er war ein Mythenschöpfer und, so sein Biograf Neeli Cherkovski, der mit ihm lange befreundet war, er akzeptierte, Teil dieses Mythos zu sein. Seine wichtigste Figur Henry Chinaski - kein Zufall, dass sie denselben Vornamen trägt wie er, Henry Charles Bukowski - ist ein selbstverächtlicher Heiliger und Sünder, der Los Angeles nur selten verlässt und stets über sich selbst witzeln kann.

Poesie der Wahrheit

Im ganzen Werk Bukowskis wird der Gesellschaft der grundlegende Vorwurf gemacht, dass Menschen aus Angst vor den sozialen und wirtschaftlichen Folgen ihres Verhaltens Demütigungen und Niederlagen hinnehmen. Sie akzeptieren Positionen, die sie ihrer Individualität im Leben berauben, und finden sich allmählich sogar freiwillig mit Knechtung durch Höhergestellte ab. Bukowski: "Die Lügen meines Vaters veranlassten mich, in meiner Poesie die Wahrheit zu schätzen und auf Wahrheiten zu achten, wenn man über das menschliche Dasein schreibt."

In Los Angeles gehört Bukowski zum kulturellen Erbe. - © CC/Marika Bortolami
In Los Angeles gehört Bukowski zum kulturellen Erbe. - © CC/Marika Bortolami

Als die USA in den Zweiten Weltkrieg gezogen wurden, kam der Einzelgänger mit der sehr schwierigen Kindheit - gewalttätiger Vater, duckmäuserische Mutter, ein von Aknenarben schwer gezeichnetes Gesicht - nicht auf die Idee, sich freiwillig zu melden. Der trinkfeste 21-Jährige, der eine sehr hohe Einberufungsnummer gezogen hatte, Wahrscheinlichkeit des Kriegsdienstes somit fast null, schlug sich jahrelang mit Gelegenheitsarbeiten und Hilfsjobs durch. Literarisches Erweckungserlebnis jener Jahre war Fjodor Dostojewskis "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch".

Tagsüber hackeln, abends trinken und unablässig schreiben. Die Dokumente aus dieser Zeit sind spärlich, er, so seine Erinnerung, war "immer besoffen, ich kam dauernd in Raufereien. Ich wusste ja kaum, dass noch Krieg war." Er hungerte. Er schrieb weiter. Im Frühjahr 1944 wurde die erste Geschichte veröffentlicht. Seine Einflüsse waren James Thurber, Autor sanft absurder Kurzgeschichten, und der Romancier John Fante, der in ungekünstelter Sprache über das schrieb, was ihn umgab, Einsamkeit, Alkohol, Armut, Angst, Leere, Huren.

Auch nach 1946 in Los Angeles, weiterhin schäbigste Unterkünfte, ständiger Halb- bis Vollrausch, dann und wann tippte Bukowski eine Geschichte. Er lernte eine Frau kennen, die genauso viel trank wie er. Ende 1952 fand er eine Stelle als Aushilfs-Postbote. Nach drei Jahren wurde er vollangestellt. Kurze Zeit später starb er fast an einer massiven Magengeschwürblutung. Leidlich genesen, kündigte er. Und begann wieder Gedichte zu schreiben. Die Motive lagen für ihn auf der Hand: schäbige Bars, verdreckte Gassen, extrabillige möblierte Zimmer, die abgewrackten Kumpane durchsoffener Nächte. Seine Lyrik schilderte die reale Welt ganz handgreiflich, nie überhöht, nie metaphysisch aufgeladen.

Zwischen Qualm und Alkohol: Charles Bukowski bei einer Lesung in Hamburg 1978. - © dpa/B1991 Cornelia Gus
Zwischen Qualm und Alkohol: Charles Bukowski bei einer Lesung in Hamburg 1978. - © dpa/B1991 Cornelia Gus

Dann eine Kurzzeitehe mit einer texanischen Nymphomanin. Ende 1958 starb sein Vater, die Mutter war schon länger tot. Das Elternhaus verkaufte Bukowski, das Geld vertrank und verspielte er bei Pferdewetten so schnell wie möglich. Die folgenden zwölf Jahre arbeitete er wieder bei der Post als Briefsortierer.

Damals gewöhnte er sich Disziplin an. Jeden Tag reservierte er eine exakt bemessene Zeit fürs Schreiben. Nach und nach druckten Underground-Magazine seine Gedichte. 1960 erschien sein erstes, schmales Büchlein, eher ein Heft. Er war 39 Jahre alt und hauste in einem ramponierten kleinen Zimmer in East Hollywood. Ein halbes Jahr später feierte er seinen 40. Geburtstag auf angemessene Weise: völlig allein, erst zwölf Bier in einem Striplokal, dann zog er die restliche Nacht durch die Bars: "$ 1.25 pro Bier, trank ich wie Wasser, Wasser, verdammt, ich trinke kaum Wasser."

Freiwillig abseits

Er hielt sich bewusst fern von literarischen Zirkeln, schlug Lesungen genauso aus wie Einladungen zu Lyrik-Workshops. Aus dem Bauch heraus schreiben, das war seine Manier, Impulsivität sein Impetus. Intuitiv erfassen, nicht brav nachmachen, niemanden imitieren. Die Poeme der Beat-Autoren wie Allen Ginsberg oder Gregory Corso ließen ihn kalt. Dafür bewunderte er Robinson Jeffers, den einsamen und schwierigen Autor anspruchsvoller Langgedichte. Diesen Poeten, der sich im kalifornischen Carmel eigenhändig einen Schreib-Turm aus Granit gebaut hatte, verehrten übrigens auch der in Berkeley lehrende polnische Dichter, Dozent und Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz und die Beach Boys.

Ab 1962 erschienen in Kleinst-Verlagen in Kleinst-Auflagen Zusammenstellungen seiner Gedichte. Deren Ton: schnoddrig, alltäglich, die Sujets vollgesogen mit schmutziger Wirklichkeit, der Autor präsentierte sich, als Stimme oder in Person auftretend, als harter Hund. Dazu kamen Abgebrühtheit und Humor. Etwa im Gedicht "no title at all...": "Ich kenn jemand, der sprach mit Picasso, / er wohnt zimmer 309, / seine läufer sind voller farbe, / bei ihm gibt’s farbe sogar im klo. / aber was er malt, taugt nicht einen scheiß, / pablo."

Mitte der 1960er Jahre schrieb Bukowski nach fast fünfzehnjähriger Pause wieder Prosa. In "anti-literarischem" Stil, sofern darunter eine Art spätmodernistische Literatur verstanden wird. Er führte so eine uramerikanische Dichtungstradition fort, die von Mark Twain bis in die Gegenwart führt. Dezidiert untagespolitisch war Bukowski: "Als Dichter bin ich nur mir selber verantwortlich." Und: "Wenn ein Mensch beim Schreiben zu viel Ideologie übernimmt, kommt Mist raus. Mit anderen Worten: Ich fordere, dass man an keinen festen Standpunkt gebunden ist. Ich habe kein Interesse daran, die Welt zu retten."

1966 erschien erstmals etwas von Bukowski bei Black Sparrow Press. Dieses kleine Unternehmen sollte vier Jahrzehnte lang seine verlegerische Heimat bleiben. Der Verleger zahlte "Buk" pro Gedicht 30 Dollar - bei der Post verdiente Bukowski damals weniger als 100 Dollar in der Woche. Kolumnen machten ihn bekannt. Der Mythos Bukowski entstand, auch von ihm selbst genährt: der genialische dauerbesoffene Poet, der Lyrik raushaut, wie andere atmen, und im Suff sich gerne prügelt.

- © CC/Tintin1994
© CC/Tintin1994

1970 kündigte er seinen Job bei der Post. Am ersten Tag nach der Kündigung begann er den kaum verschleierten autobiografischen Roman "Post Office" zu schreiben, auf Deutsch "Der Mann mit der Ledertasche". Hier hat sein Alter Ego Henry Chinaski, Angestellter bei der Post, seinen ersten Auftritt, ein Anti-Held, schikaniert von dummtyrannischen Vorgesetzten, der versucht, seine Würde zu behalten und nach eigenen Regeln und Gesetzen zu leben. Das Buch, innert drei Wochen fertig, wurde ein Longseller.

Die Titel seiner vielen Bücher der nächsten zwanzig Jahre - Bukowski starb am 9. März 1994 - waren sprechend, so "Kaputt in Hollywood", "Fuck Machine", "Das Leben und Sterben im Uncle-Sam-Hotel", "Der größte Verlierer der Welt". Seine Autobiografie "Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend" nahm der nobelpreisträgerreiche Münchner Carl Hanser Verlag ins Programm. Aktuell bemühen sich der Maro Verlag mit der Neuauflage von NeeliCherkovskis Porträt sowie der S. Fischer Verlag um Bukowski, dort erschien zuletzt "Das weingetränkte Notizbuch".

Autor mit Disziplin

Der Bukowski-Kult - der auf hohem flüssigen Niveau Dauerilluminierte mit der zerstörten Visage, den nur der Bartresen aufrecht hält - verschattete seine Bücher. Was falsch war und ist und den Blick auf einen disziplinierten, hochproduktiven Schriftsteller verstellt. Rund 5600 Gedichte von ihm haben sich erhalten, aberhunderte dürften verloren gegangen sein. Er schrieb 560 Storys. Es erschienen 133 Bücher. Er publizierte in 1414 Zeitschriften und Magazinen. Seine Briefe sind gar nicht erfassbar. Die Korrespondenz war Ventil für exzessive Konfessionen: "Der Teil von mir, der Poesie ist, die schreiende Aktualität dessen, was ich schreibe, ist Kot und Schlacke und Speichel und alte versinkende Kriegsschiffe." Bukowski erzählt Geschichten mit einer Kargheit wie Ernest Hemingway in "Fiesta" und mit der Wildheit und dem Instinkt für die ungekünstelte menschliche Sprache eines Nelson Algren ("Der Mann mit dem goldenen Arm").

Bukowskis Grab im Green Hills Memorial Park in Rancho Palos Verdes, Kalifornien. - © CC/Marika Bortolami
Bukowskis Grab im Green Hills Memorial Park in Rancho Palos Verdes, Kalifornien. - © CC/Marika Bortolami

Auf seine Grabplatte ließ Bukowski unter Namen und Lebensdaten "Don’t try" meißeln, erzwing’s nicht. Das hatte er einst geantwortet, als er gefragt wurde: "Wie schreiben Sie, wie werden Sie kreativ?" Er sagte: "Erzwing’s nicht. Das ist sehr wichtig: Es nicht erzwingen, gilt für Cadillacs, Kreativität oder die Unsterblichkeit. Warten, und wenn nichts passiert, länger warten. Das ist wie eine Fliege an der Wand. Man wartet, bis sie zu einem kommt. Und wenn sie nah genug ist, ausholen, zuschlagen, killen. Oder wenn sie dir gefällt, mach das Ding zum Haustier."