Die Kabarettistin Lisa Eckhart hat einen Roman geschrieben. Zur Vorstellung desselben wäre sie bei einem Literaturfestival eingeladen gewesen. Dort wurde sie - aus Angst vor linksradikalen Protesten - ausgeladen. Der Grund: Einem zwei Jahre alten Programm von ihr wird Antisemitismus vorgeworfen. Diese Kritik wurde, mit zwei Sätzen der Passage untermauert, unters Volk gebracht. Sieht man sich die ganze Passage - es geht eigentlich um MeToo - an, könnte man das differenzierter betrachten. Doch Lisa Eckhart hat sich als Feindbild für eine linke Klientel - die traditionell das Kabarettpublikum zu großen Teilen stellt - zu sehr bewährt. Dass ihre Unlust, das Publikum in dessen zurechtgelegten Weltanschauungen bequem suhlen zu lassen, treffsicher ist, zeigt manch Kommentar auf Twitter: "Ihr müsst euch nicht mühsam eine Meinung zu Lisa Eckhart bilden, ich hab das schon für euch gemacht", liest man da. Eine autoritäre Denkfaulheit, die sich nicht gut mit Eckharts Texten verträgt. Auf demselben Sozialen Medium wird Eckhart mittlerweile sogar angelastet, dass die Gefahr, vor der sich die Veranstalter gesorgt haben, gar nicht real bestanden habe. Über solche Absurditäten sprach die Autorin mit der Vorliebe für Versace-Muster mit der "Wiener Zeitung". Und wie es zur literarischen Hommage an ihre Großmutter, "Omama" (Zsolnay Verlag), kam.

Wiener Zeitung: Ich sag’s Ihnen ehrlich, meine Oma hätte Sie wahrscheinlich nicht gemocht. Zu dünn, zu künstlich, die Fingernägel, die Bluse zu weit offen und naja, eine Frau.

Lisa Eckhart: Ja, man würde glauben, das würde älteren Frauen passieren, aber in die Falle tappen auch jüngere, ich hab zunehmend den Eindruck, dass Frauen über 40 pauschal geschmeidiger mit mir sind als meine Altersgenossinnen.

Warum das?

Die pflegen einen Feminismus, der nicht der meine ist, da gibts ja auch oft Reibereien zwischen denen, die sind antifeministischer als jeder misogyne Mann, der Frauen abschätzig behandelt, weil er insgeheim extreme Angst vor weiblicher Lust hat. Bei jungen Frauen habe ich oft den Eindruck, dass sie das gänzlich leugnen. Also dass man eine reine Projektionsfläche für männliche Triebhaftigkeit ist, die sich überhaupt nicht unter Kontrolle hat und nicht umgekehrt, dass Männer sich eher zu hüten haben vor einer weiblichen Begierde, die sie sogar dazu bringt, uns zu verbrennen. Damals hat man Hexen vorgeworfen, dass sie mit einem Blick das männliche Gemächt wegzaubern, das hat sich pervers verkehrt in den "toxischen Blick der Männer". Natürlich ist es gut, dass man uns nicht mehr verbrennt, aber symbolisch gesehen haben wir da einiges an Macht eingebüßt.

Unsere Großmütter, auch unsere Mütter haben einen eher pragmatischen Feminismus gelebt - berufstätig, vielleicht alleinerziehend, ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein vorlebend. Was ist dann damit passiert?

Meine Großmutter war nicht an der Universität, und das Ganze ist schon ein sehr akademischer, intellektueller Diskurs. Wenn man sich jede Wirtin oder Kellnerin anschaut: Die wissen, wie man umgeht mit einer unzüchtigen Berührung, und die kommt postwendend zurück. Da scheint mir auch, dass man intellektuell verzüchtet und verhätschelt werden kann. Ich kann mir schon vorstellen, dass man in diesem speziellen Milieu, in dem alles sehr sicher und man in Watte gebettet ist, eine fast neurasthenische Zimperlichkeit entwickelt. Anstatt wirklich schwächere Frauen zu stärken - weil ein gewisses Maß an Beleidigungen, Zudringlichkeiten, das werden wir nicht gänzlich ausradieren können.

Sie sind in den ersten sechs Lebensjahren bei Ihren Großeltern aufgewachsen, wie prägt so etwas?

Sicherlich positiv. Ich bin ein sehr langsamer Mensch. Ich habe eine Unfähigkeit zur Spontaneität, was gar kein Defizit ist, was ich eher den Menschen heute anlasten würde, diese unreflektierte Spontaneität, der hysterische Wandel, immer das Neue, immer das Innovative. Ich bin auch gern zu Hause. Ich hatte damals auch kaum Kontakt zu anderen Kindern, weil meine Großmutter einfach eine große Freude mit mir hatte und diese Freude ungern geteilt hat. Das hat dazu geführt, dass ich eine Zeitlang von mir nicht als Kind gedacht habe, sondern: Ich bin eben kleiner als andere.

Gefällt der Roman Ihrer Oma?

In jedem Moment des Schreibens hab ich mich so gefreut auf den Moment, wenn sie ihn lesen wird. Nur gegen Ende hab ich kurz Angst gehabt, dass es missfallen könnte. Sie ist noch nicht fertig mit dem Lesen. Da war ich erst gekränkt, aber dann hat sie es mir erklärt und das fand ich sehr berührend: Sie liest nur am Abend, weil sie will sich den ganzen Tag freuen, und dann liest sie immer nur wenig, weil sie es so lang wie möglich hinauszögern möchte.

Wer weiß, ob das stimmt.

Ja, von irgendwem muss ich das Lügen ja haben. Das kann natürlich sein.

Die Großelternliebe ist ja auch mit Todes- und Trennungsangst verbunden, besonders, wenn wie in Ihrem Buch die Oma auch mit Todesdrohung "arbeitet".

Ja, aber ich habe das bei meiner Mutter auch. Ich habe mit ihr so eine enge Beziehung, dass angedacht ist, dass ich uns beide töten werde, weil ich keinen Tag auf sie verzichten werde. Das weiß sie auch schon. Nicht bald, sie soll ihr Leben voll auskosten, ich verzichte gern auf ein paar gesunde Jahre, solange ich nicht um meine Mutter trauern muss. Die Großmutter droht schon mit dem Sterben. Aber ich bin überzeugt davon, dass mich meine Großmutter überleben wird, deswegen nehm ich diese Drohung zur Kenntnis, aber ich weiß, die wird älter als die Zeit.

Was sagt die Oma zu den Angriffen, die Sie jetzt getroffen haben?

Das ist auch etwas, das sich durch diese Generation zieht. Die Großmutter ruft mich an und sagt: "Kinderl, du bist schon wieder in der Zeitung." Und das ist alles, was zählt. Was da drin steht, das ist völlig egal. Sie ist stolz.

In einem Programm sprechen Sie Ihr Publikum als links-links an und versichern sich, dass man hier eh "knietief im eigenen Ejakulat watet". Haben Sie Linke besonders auf der Schaufel oder sind die nur empfindlicher?

Das ist halt mein Publikum. Auf Menschen zu schimpfen, die nicht diesem Milieu entsprechen - die nehmen sich das doch keine Sekunde zu Herzen! Also ich kann mir nicht vorstellen, dass sich ein Kabarettist noch einbildet, dass er irgendwen bekehrt. Dass jemand von einer rechten Partei ein Kabarett sieht und sagt: "Ja, stimmt, ich bin ein Depp, aber jetzt nicht mehr, weil jetzt hab ich einen sehr guten Witz über mich gehört." Dieser Markt ist gesättigt, mir macht es Spaß, in den Wunden meines eigenen Milieus zu stierln und die Leute in die Bredouille zu stürzen und sie nicht mit einer selbstgefälligen Überheblichkeit nach Hause zu schicken. Das ist keine Herausforderung, das ist ja leicht, dass wir uns gegenseitig auf die Schulter klopfen. Wir wissen, die wir da sitzen, wir hegen keinen Hass auf bestimmte Personengruppen, und da muss man schauen, warum: Weil wir wirklich einen humanistischen Universalismus pflegen oder weil manche so neoliberal ich-verseucht sind, dass sie sich nicht mal mehr zum Fremdenhass aufraffen können, weil sie so mit sich selbst beschäftigt sind.

In dem inkriminierten Clip, der nun zur Ausladung beim Literaturfestival geführt hat, fällt auf: Bei den MeToo-Witzen, die auch als antisemitisch kritisiert werden, lachen die Leute ihr verhaltenes "Ich weiß, dass das falsch ist"-Höhö-Lachen, aber wenn es dann um die Pädo-Kirche geht, dann wird wieder fest Schenkel geprackt. Ist das eine Heuchelei des Humors?

Natürlich, das kann ich selber nicht mehr hören. Pädophilie und Homophobie in der Kirche ist so ein Kabarett-Tabu, das keins mehr ist, das garantiert einen Lacher. Ich finde interessant, zu differenzieren, was ist ein Tabu und was ist keins. Ich hab in der Nummer ein großes Tabu gebrochen, nur nicht das, was man mir unterstellt. Zu der Zeit, vor zwei Jahren, war es eins, sich gegen den Furor der MeToo-Bewegung zu richten, der auf alle rechtsstaatlichen Prinzipien verzichtet hat. Das ist heute vielleicht eine Kontextfrage, weil Weinstein mittlerweile verurteilt ist. Mir ist das schon nahegegangen, weil ich diese Nummer wahnsinnig gerne noch mal umgeschrieben hätte, als auf unsäglichste Art und Weise Autoren randaliert haben gegen die Autobiografie von Woody Allen. Da hätte ich gesagt: Seid ihr nicht Antisemiten?

Das hatte ich auch in der vorherigen Nummer, wo ich schon über MeToo gesprochen habe - die meisten Kritiker haben sich ja nicht die Mühe gemacht, sich mehr damit zu beschäftigen. Da hab ich festgestellt, wie schnell MeToo dem Antisemitismus die Pole Position der gesellschaftlichen Vergehen streitig gemacht hat. Da hab ich gesagt, ich könnte durch die Straßen ziehen und das Horst-Wessel-Lied pfeifen, solange ich es nicht einer Frau hinterherpfeife. Wie schnell die Hierarchien wechseln und wie leicht und leichtfertig ein entfesselter Mob auf die Figuren von MeToo losgegangen ist. Ich wollte denen ein bisschen den Spaß vergällen an der Hetze, denn der weiße Mann kann gut auch einer sein, der alles andere als privilegiert ist.



Sie sagen, Ihre Kritiker haben sich nicht die Mühe gemacht, sich näher zu beschäftigen. Wird es häufiger, dass ein differenziertes Betrachten dem schnellen Urteil im Weg steht?

Sie reagieren auf Reizworte. Da gibt es ein wüstes Beispiel, wo auch eine Petition gegen mich gestartet wurde. Am Anfang von Corona, wo es hieß, "ah das kommt aus China", hab ich eine Nummer gemacht, um zu zeigen, wie unsinnig das ist, auf Chinesen zu schimpfen: Vor allem, man weiß ja gar nicht, wo anfangen, man sieht ja nur mehr Schlitzaugen, man sieht Asiaten und Menschen, die Asiaten mit zusammengekniffenen Augen anschauen. Die Menschen haben "Schlitzaugen" gehört, und es gab böse Artikel. Die ganze Passage ging gegen Rassismus, und das eine Wort reicht. Da verliert man schon die Lust, sich zu rechtfertigen, weil man sieht, diese Menschen kann man nicht abholen, die sind an einem Ort, dahin komm ich nicht.

Gibt es eine Klassengesellschaft des Tabubruchs? Wenn es Jan Böhmermann macht, wird gejubelt.

Da werden gar keine Tabubrüche begangen, sondern da wird eine Klientel bedient. Es ist gar nicht so, dass ich diesen Kollegen das Moralisieren vorwerfe, im Maßgeblichen stört mich da ein Prêt-à-Porter-Opportunismus. So eine Haltung, die keinerlei Risiko eingeht, weil sie weiß, sie haben diese Leute hinter sich, die sich ja vermeintlich nur für das Gute äußern. Und dann sagt der Böhmermann, im Osten Deutschlands gibt es keine Hoffnung, über Deutschlands Osten muss man einfach Bomben abwerfen. Wenn ich das sagen würde, wäre es anders. Aber die Bomben werden ja abgeworfen, weil das sind ja alles Rechtsradikale, was ich auch für eine horrende Pauschalisierung halte, weil ich wohne im Osten, in Leipzig, und da sind viele Menschen nicht angetan von solchen Pauschalisierungen und viele Menschen, die wirr werden aus Trotz. Das ist reines Bedienen und Suhlen in seinem Publikum. Ich möchte schon mein Publikum vor den Kopf stoßen, aber versöhnlich enden. Vorher muss ich immer ein bisschen mit ihnen schimpfen.

Normalerweise reagieren Sie gar nicht auf Aufregungen wie die aktuelle. Aber von einem Plakat, das die AfD mit Ihrem Konterfei für deren Zwecke gestaltete, haben Sie und der Verlag sich nun distanziert. Warum diesmal?

Ich persönlich hätte kein Bedürfnis, mich davon zu distanzieren, weil ich mich als derart distanziert davon empfinde. Es gibt nichts Peinlicheres, als wenn ein Unschuldiger seine Unschuld beteuert. Die AfD wird sogar erwähnt in meinen Stücken, weswegen ich das nicht zuletzt als Retourkutsche betrachte. Mich überrascht das nicht, dass diese Menschen keinen Genierer haben. Ihr Ziel ist Negativwerbung durch mich, wenn ich wahnsinniges Aufsehen mache, dann können die sagen: Ah, jetzt ist sie auch in die Knie gegangen. Da trennen mich Welten, das muss ich gar nicht konstatieren. In einem Programm habe ich versucht, die von rechts zu überholen: Wenn ihr schon kokettiert mit den Nazis, dann muss ich euch sagen, "er" hätte sich in Grund und Boden geschämt für euch. Da habe ich ihnen alles vorgeworfen, dieses Abschotten, Deutschland den Deutschen, wo ist der Imperialismus! Wollt ihr nicht raus, wollt ihr nicht die Welt arisieren und nicht nur daheim zittern vor der Islamisierung! Ich habe alles gesagt.