Köln, Rathenaupark, eine grüne Insel in der Altstadt-Süd. In einem Jugendstilhaus residiert der Doyen der österreichischen Literatur. Ohne Computer, ohne Internet, in einer Großwohnung mit Musik- und Schreibzimmer sowie Atelier im Souterrain. 1964 ist Gerhard Rühm aus Wien nach Berlin gezogen - man darf auch sagen: geflohen vor Anfeindungen, Missgunst, Unverständnis und der Chancenlosigkeit der radikalen Avantgarde. 1976 übersiedelte er an den Rhein. Von 1972 bis 1996 lehrte er als Professor Freie Grafik in Hamburg an der Hochschule für bildende Künste. Vor zehn Jahren, zum 80. Geburtstag, erhielt der Neu-Kölner die Ehrendoktorwürde der Uni seiner neuen Heimatstadt.

Nach Wien kommt er zu den Sitzungen des Österreichischen Kunstsenats, zu Empfängen für die Träger des Ehrenzeichens für Wissenschaft und Kunst sowie zu raren Auftritten mit Musik und Poesie. Im Februar 2020 wurde in Wien sein 90. Geburtstag gefeiert in den "3 Hacken" in der Singerstraße, seit den Fünfzigerjahren ein Lieblingslokal der "Wiener Gruppe". Er weiß noch nicht, dass das Traditionswirtshaus inzwischen verkauft und geschlossen ist. "Ich hoffe, da wird sich nichts ändern, die Innenräume waren ja so stimmungsvoll." Er hofft vergebens.

Gerhard Rühm und seine Frau Monika Lichtenfeld holen am 18. September ihr abgesagtes Wien-Konzert nach. - © Hans Haider
Gerhard Rühm und seine Frau Monika Lichtenfeld holen am 18. September ihr abgesagtes Wien-Konzert nach. - © Hans Haider

Rühm empfängt im Salon. An der Wand eine frühe Buntstiftzeichnung von Günter Brus, lange wie eine Fahne, mit drei Rühm-Porträts, das unterste mit dem Dichter in einer Gloriole. Rabenschwarzes Kurzhaar über dem starren runden Gesicht. Bisweilen stört das Augenfeuer eines mephistophelischen Schelms den Anschein chinesischer Weltweisheit. Oder ist es doch nur Common Sense jeder altgewordenen Pioniergeneration, wenn er klagt: "Wir leben in einer Zeit, in der alles ein bisschen bergab geht. In einer restaurativen Periode überhaupt."

Die "Wiener Gruppe" prägt die deutschsprachigen Avantgarde

Konkret erläutert er das am Beispiel des Westdeutschen Rundfunks - bei dem er 1984, als dort der legendäre Klaus Schöning Wortkunstchef war, "Welt. Ein deutsches Requiem" produzierte und damit den Hörspielpreis der Kriegsblinden gewann. Die klassische Moderne, Zwölftonmusik, Schönberg, Berg, Webern oder Edgar Varèse, werde im WDR so gut wie überhaupt nicht mehr aufgeführt. "Wenn, dann von Schönberg nur Jugendwerke, bis zur ,Verklärten Nacht‘. Das große Hauptwerk, das spätere, wird totgeschwiegen. In den Siebziger-, Achtzigerjahren war es dauernd am Programm."

Der Kinderspielplatz vor Gerhard Rühms Fenstern im Hochparterre ist seit Corona mit Baugittern abgeriegelt. Kein junges Ohr lauscht jetzt dem alten Herrn, wenn er vormittags eine Stunde Klavier spielt - barocke Musik, Neue Musik. "Ich übe auch eigene Sachen, die muss man doch in den Fingern behalten", sagt der Sohn eines Solobassisten der Wiener Philharmoniker, der mit 22 beim Zwölftöner Josef Matthias Hauer Privatunterricht nahm. Doch das bevorzugte Instrument bei seinen Auftritten, viele gemeinsam mit seiner Frau Monika Lichtenfeld, ist seine Stimme.

Beider für April im Wiener Museumsquartier angekündigtes Konzert fiel aus. Am 18. September wird es nachgeholt in der Reihe "452 Jahre Wiener Gruppe" in der "Alten Schieberkammer" auf der Schmelz: Erste Hälfte solo, zweite Hälfte Sprechduette. Wie kam die Organisatorin Ulrike Tauss auf 452? Sie zählte die Jahre seit der Geburt von Friedrich Achleitner, H. C. Artmann, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener zusammen. Am 20. September treten dort Rühm und Wiener zur Diskussion über Literatur und Revolution an - die Überlebenden der "Wiener Gruppe", und beide Kulturkampfveteranen.

In Industrie und Handel würde man Gerhard Rühm den Markenführer der "Wiener Gruppe" nennen. Er stellte 1967 die erste Selbstdarstellung der fünf für ein Rowohlt-Buch zusammen. Davor als Allererste das Etikett "Wiener Gruppe" in eine Zeitung gebracht zu haben, rühmte sich Dorothea Zeemann, die Lustleidensgefährtin von Heimito von Doderer - der für den ersten Sammelband von Dialektgedichten Achleitners, Artmanns und Rühms 1959 ("hosn rosn baa") ein Vorwort beitrug. Rühm über die frühen Jahre: "Wir waren sehr radikal und auch unduldsam, vom heutigen Standpunkt aus gesehen. Mit jemandem, der normale Gedichte geschrieben hat, haben wir uns nicht beschäftigt. Auch nicht persönlich. Wir haben uns damals schon regelmäßig privat und in Kaffeehäusern getroffen. Ich war besonders streng. Wenn jemand nicht wusste, wer August Stramm oder wer Anton Webern ist, durfte er sich gar nicht an unseren Tisch setzen. Für mich war entscheidend die konstruktive Wortkunst des ,Sturm‘-
Verlags in Berlin mit Herwarth Walden als Herausgeber."

Markentreue Gruppenbildung setzt Abgrenzung, auch Ausgrenzung voraus. So von Eugen Gomringer, der als Begründer der Konkreten Poesie gefeiert wird. "Gomringer", sagt Rühm, "kam viel mehr vom Französischen her, so wichtig wie für mich August Stramm und Kurt Schwitters, war für ihn Mallarmè, vor allem sein großartiger ,Würfelwurf‘."

Die Wiener Gruppe sei zwar von den Kollegen immer freundlich behandelt und sogar zu Veranstaltungen eingeladen worden, "aber wir galten als verrückt, man sagte uns nach, dass das, was wir machen, mit Literatur nicht mehr viel zu tun hat."

Die Empfindlichkeiten
von "Onkel" Ernst Jandl

Ernst Jandl schrieb im Gedicht "verwandte": "der vater der wiener gruppe ist h. c. artmann / die mutter der wiener gruppe ist gerhard rühm / die kinder der wiener gruppe sind zahllos / ich bin der onkel". Rühm ahnt die Frage: Warum war Jandl nicht dabei? "Er hat bis damals eher konventionelle, aber nicht immer schlechte Gedichte geschrieben - Stadtgedichte, wir nannten das ,Trümmerlyrik‘. Ich habe mit Ernst darüber diskutiert, dass man so nicht mehr schreiben kann. Er hat mich etwa 1956 zu sich eingeladen, in eine düstere Wohnung, in ein Zimmer mit vielen Büchern. Das war ein ganz entscheidendes Treffen. Ich habe damals auf ihn eingeredet. Er hat überhaupt erst nach unserem Gespräch begonnen, seinen Stil zu entwickeln."

Rühm blieb ein kritischer Beobachter. "1957 schrieb Jandl sein erstes neues Gedicht: ,bestiarium‘, mit Tiernamen, das hat er mir gezeigt und mir gewidmet. Später erschien es im Buch ,laut und luise‘ - ohne die Widmung. Ich habe ihn darauf angesprochen. ,Dir hat’s ja nicht gefallen‘, hat er gesagt. Ich war gewohnt, so zu diskutieren, doch Ernst war sehr empfindlich. Wir hatten aber menschlich immer eine sehr gute Beziehung, waren gut befreundet und haben viele gemeinsame Veranstaltungen gemacht. Ich war in der Wiener Gruppe eigentlich der Einzige, der Jandl wirklich geschätzt hat. Und der H. C. natürlich auch. Obwohl er in einem anderen Boot gesessen ist. Der Handke hat ja nie ein Wort über die Wiener Gruppe verloren, außer dass es ,Werkstatt-Lyrik‘ sei; dass man so was schreibt und dann erst richtig loslegt."