Können Bücher, die heute erscheinen, in Wahrheit aus der Zukunft stammen? Die Frage ist nicht ganz so sinnlos, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Denn wenn Menschen irgendwann in ferner Zukunft eine Art Zeitmaschine zu bauen imstande sind - was jedenfalls nicht absolut unmöglich ist - dann wäre natürlich rein theoretisch denkbar, dass auch ein in der Zukunft verfasstes Manuskript in den Bücherregalen der Gegenwart landet.

Ein Werk, das man verdächtigen könnte, auf diesem für uns Heutige etwas ungewöhnlichen Wege entstanden zu sein, ist das jüngst erschienene "Handbuch für Zeitreisende" der deutschen Schriftstellerin Kathrin Passig und des in Schottland lebenden Astronomen Aleks Scholz.

Tipps im Umgang mit Dinos

Das Buch ist genau, was sein Titel verspricht: Ein Reiseführer, geschrieben in einer nicht näher definierten Zukunft, in der Zeitreisen so normal sind, wie es zwei Wochen Badeurlaub in Thailand bis vor wenigen Monaten in der Gegenwart waren.

Es ist eine Zukunft, in der Reisende in die Hochgebirge des Pleistozäns (vor ungefähr einer Million Jahren) zum Skifahren reisen können, mit dem Vorteil unberührter Natur und dem Nachteil der Abwesenheit von Übernachtungsmöglichkeiten. Oder ins Erdmittelalter, um dort Dinosaurier zu beobachten, was freilich besondere Vorsicht erfordert, will der Zeitreisende nicht den Speiseplan der Dinos bereichern (dem berüchtigten T-Rex entkommen Reisende mit etwas Glück, weil der nicht schneller als 20 Stundenkilometer laufen kann). Oder in das Neapel des Jahres 1737, als dort das prächtigste Opernhaus der Welt eröffnet wurde. "Erwarten Sie nicht, dass Opern dort so klingen, wie Sie es kennen. Bewundern Sie stattdessen die bombastische Architektur, die zu sensationellen Klangeffekten führt" (Noch dazu, wo das Handy noch nicht erfunden ist und kein Klingeln droht. Dafür stinkt es damals in der ganzen Stadt mörderisch übel). Oder einfach nur ein kurzes Stück zurück in die DDR der 1980er-Jahre, besonders sehenswert die langen Schlangen vor den Geschäften.

Ergänzt wird das riesige Angebot an interessanten Destinationen durch einen kurzen Anhang nützlicher Tipps für die Praxis, die Zeitreisende beachten sollten. So erfahren wir unter "Benehmen", dass die Vergangenheit zwar meist äußerst gewalttätig war, das Erlernen des Fechtens aber trotzdem nicht ratsam ist, weil heutige Sportfechter einen Kampf, wie er damals üblich war, keine Minute überleben würden.

Bei Reisen in die jüngere Vergangenheit wiederum, lernen wir unter "Geld" ist darauf zu achten, keine Geldscheine zu verwenden, die ein in der Zukunft liegendes Datum tragen: "Mittlerweile abgeschaffte Währungen können Sie bei Münzsammlern oder im Zeitreisebedarf erwerben". Und unter "Toilettenfragen" schließlich, dass im alten Rom "die Fähigkeit zur Benützung öffentlicher Latrinen erwartet wird. Öffentlich bedeutet, dass man die anderen Anwesenden bei ihren Verrichtungen sehen kann."

Ein winzig kleines Handicap des "Handbuches für Zeitreisende" ist der Umstand, dass es sich hier um den wahrscheinlich einzigen Reiseführer der Welt handelt, dessen Destinationen für den Leser völlig unerreichbar bleiben. Und trotzdem ist das Buch weit davon entfernt, nutzlos zu sein. Es erfreut den Leser mit einer Fülle an historischen Details, die in wohltuend intelligenter, aber nie anmaßender Sprache vorgetragen werden, die Fantasie anregen und Verständnis für unsere Vorfahren schärfen, ohne belehrend daherzukommen. Es ist dies jene Form von sinnlosem Wissen, die höchsten Luxus und konzentrierte Kultiviertheit darstellen.

Auf der letzten Seite ihres Buches behaupten die Autoren übrigens: "Dieser Reiseführer stammt aus der Zukunft". Das erscheint nun doch eher unglaubwürdig, denn keine Zeitreise geht in ein Jahr nach 2020. Und dass die nähere Zukunft keine interessanten Ziele für Reisende aus künftigen Epochen bietet, das ist nun doch eher wenig plausibel.