Armer Gustav Mahler, trägt Geweih wie von hundert Hirschen und sterbenskrank ist er und an einer letzten Sinfonie schreibt er.

Armer Dmitri Schostakowitsch, Symphonien gegen Stalin können nur in Depressionen enden.

Armer Anton Bruckner, hin und her gerissen zwischen keuscher Gottesverehrung und unbesiegbarer Libido.

Und das sind nur drei. Von denen einer sogar gut ist. - Nämlich drei Romane über Komponisten.

Was, zum Kuckuck, ist für einen Schriftsteller an einem Künstlerkollegen aus einem anderen Fachbereich gar so interessant? So, als ob ein Biologe sich ins Medizingeschäft einmischt oder ein Botaniker in das des Zoologen oder ein Mathematiker in das des Physikers.

Aber wenn die Kunst ruft, ist alles anders. Da schreibt der Schriftsteller über Komponisten und kann sich ein bisserl rächen dafür, dass ein Komponist einen Schriftsteller auf den Pädophilen-Trip schickt und einem jämmerlichen Cholera-Tod überantwortet, wie es Benjamin Britten in seiner Oper "Death in Venice" macht.

Apropos: Die originale Novelle, also "Der Tod in Venedig", stammt von Thomas Mann, und dass der Schriftsteller von Aschebach mit Vornamen Gustav heißt, ist kein Zufall. Mann übertrug die Züge Gustav Mahlers auf einen Autor, weil er, Mann, sich, nach dem Motto "Schuster, bleib bei deinem Leisten", bei einem Angehörigen der eigenen Zunft schreiberisch sicherer fühlte. Luchino Visconti hat in seiner Verfilmung den Schriftsteller dann wieder gegen den Komponisten getauscht und aus der Ahnung ein Faktum gemacht.

Liebe und Tod

Dabei kannte sich Thomas Mann in musikalischen Dingen genug aus, um zu wissen, wen er fragen musste, wenn er sich nicht mehr auskannte. So ist Manns "Doktor Faustus" unter Mithilfe des komponierenden Philosophen Theodor Adorno entstanden.

Aber Mann ist ein schlechtes Beispiel für das fast regelmäßige Missglücken von Komponisten-Romanen, weil Mann ja auf Arnold Schönberg nur anspielt, in Wahrheit aber völlig frei und genial künstlerisch gestaltet.

Anders verhält es sich etwa mit dem Schostakowitsch-Roman "Der Lärm der Zeit" von Julian Barnes. Der Brite ist ein fulminanter Autor, keine Frage. Aber es stellt sich die Frage: Was soll ein Roman über einen Künstler, der real existiert hat, im besten Fall erreichen?

Moment - zuerst einmal ganz grundlegend: Was sind die zentralen Themen eines Romans? Der deutsche Star-Kritiker Marcel Reich-Ranicki hat einmal apodiktisch festgestellt: Liebe und Tod. Zu eng gezogen? - Keineswegs. Denn ein Roman beispielsweise über ein Fußballspiel wird seine Spannung, seine auch bei diesem Thema mögliche Tiefenschau nur dann erzielen, wenn er das Spiel so transzendiert als ginge es um Leben oder Tod. Oder um eine Amour fou.

Zurück zu Barnes‘ Schostakowitsch-Roman, der in nahezu allen Feuilletons über die Maßen gepriesen wurde. Barnes referiert drei Stationen im Leben des Komponisten, die man in jeder neueren Biografie inklusive der umstrittenen "Zeugenaussage" längst nachlesen konnte. Wozu der Roman? Sollte ein Roman über einen real existierenden Komponisten nicht doch versuchen, die Biografie zu interpretieren?

Robert Seethaler hat das in "Der letzte Satz" jüngst mit Gustav Mahler versucht. Wie klug! - Es genügt für die Triebkräfte von Seethalers Erzählung (oder kann man 126 Seiten schon "Roman" nennen?), dass Mahler ein seelisch zerrüttetes Musikgenie ist. Seethaler verzichtet auf erzählte Musik, auf Inspirationskitsch. Liebe - Tod, das erfährt ein Komponist namens Gustav Mahler. Ob es zum realen Gustav Mahler Parallelen gibt, ist ohne Belang.

Die Regel ist das freilich nicht. Friedrich Buchmayr etwa hat in "Mensch Bruckner!" das frustrierende Liebesleben des oberösterreichischen Komponisten - ja, wozu gemacht? Weder Sachbuch-Fisch noch Roman-Fleisch ist das Buch. Der Versuch der Vermischung ist interessant und zeitigt ein gut lesbares Ergebnis, das immerhin höher steht als diverse Mozart-, Bach- und Beethoven-Romane.

Anbiederungen

Ja, sind wir denn wieder im 19. Jahrhundert, oder gerade im 20. angekommen? Damals biederten sich Franz-Schubert-, Richard-Wagner-, Hugo-Wolf- und auch da schon die unvermeidlichen Mozart-, Bach- und Beethoven-Romane in tränenverschwommener Sprache den Tonsetzern, ihren lustvollen Lieben und tristen Toden, an. Fast muss man von einem Wunder sprechen, wenn solch ein Komponistenroman nicht dem hemmungs- und musikalisch ahnungslosen Kolportagekitsch verfällt. Franz Werfels Verdi-Roman steht auf der Haben-Seite. Doch sonst?

Überhaupt: Was soll‘s? Romane sind keine Quelle der Informationsbeschaffung. Und reale Menschen taugen nicht als Romanfiguren - es sei denn, der Autor erzählt sie so um, dass er an ihnen seine Idee exemplifizieren kann. Nur hat dann der Roman-Rossini nichts mit dem Rossini zu tun, den man durch Biografien kennenlernt. Wie ja auch Seethalers Mahler nicht der reale Mahler ist, sondern ein erfundener Mahler, der mit dem realen Mahler ein paar Berührungspunkte hat. Barnes‘ Schostakowitsch hingegen ist der Schostakowitsch der Biografien. Darin besteht die Misere des Buchs.

Umerzähltes Leben

Wozu sich also als Autor an den großen Namen eines Komponisten anhängen, wenn die geschilderte Gestalt doch vor allem der Fantasie entspringt? Wäre es nicht besser, statt einen großen Namen umzuerzählen, eine quasi-fiktive Gestalt mit erkennbaren Zügen auszustatten, wie es Thomas Mann mit seinem Adrian Leverkühn gemacht hat? Oder Hans Ulrich Treichel in "Tristanakkord", der es dem Leser überlässt, hinter dem eitlen Hans Bergmann Hans Werner Henze zu vermuten?

Thomas Bernhard hat in seinem Skandal-Roman "Holzfällen" sogar Gerhard Lampersberg in der Gestalt des Auersberger so deutlich porträtiert, dass jeder, der die zeitgenössische Musikszene Österreichs kannte, wusste, wer gemeint war. Aber Bernhards "Holzfällen" ist naturgemäß kein Künstlerroman, sondern ein Roman über Künstler. Das Ergebnis ist - bedeutende Literatur. Eben, weil Bernhard wohl einen Schlüsselroman geschrieben hat, aber keinen biografischen Künstlerroman.

Und doch . . .

Und doch kann es mit dem biografischen Roman in Ausnahmefällen grandios funktionieren. "Du sagst es" von Connie Palmen ist ein Meisterwerk, das man nicht genug loben kann. Bloß schreibt die Niederländerin nicht über einen Komponisten, sondern über ihre eigene Zunft, konkret über die Katastrophenehe des Dichterpaars Sylvia Plath und Ted Hughes. Da kommt keine verflixte Musik dazwischen, mit der sich ein Schriftsteller vielleicht doch weniger auskennt, weil’s halt nicht sein ureigenstes Fach ist. So über Autoren schreiben, dass ihre Werke eine Rolle spielen, ohne eine Rolle zu spielen - das kann nur jemand, der selbst ein Autor ist. Sobald die fremde Disziplin dazukommt, will man entweder zeigen, was man sich angelesen hat, oder man klammert furchtsam alles aus, wobei man einen sachlichen Fehler machen könnte.

Gerade noch Seethaler, der die Kurve gekriegt hat. Weil Gustav und Alma Mahler eben doch irgendwie Figuren sind, die einem Roman entsprungen sein könnten und im Grunde nur dorthin zurückgeschrieben werden müssen. Hieße das Protagonisten-Ehepaar Seethalers Alina und Guntram Müller - die Geschichte würde ebenso funktionieren. Und wäre noch um einen Tick sympathischer.