Maria ist eine Stille. Als sie plötzlich fehlt, am Tisch und im Bett des reichen Mannes, ist ihm nicht klar, ob sie ihm wirklich gefehlt hat. Ist es dieselbe Maria, von der einige Geschichten weiter in "Maria wiederzusehen" die Rede ist? Hier freut sich die Ich-Erzählerin, auf Geschäftsreise in ihrer alten Stadt unterwegs, auf die Begegnung und sucht Maria an allen alten Orten - ohne sie zu finden. "Maria hat sich immer gern versteckt", erinnert sich die Erzählerin, und war sie ihr nicht auch damals schon, als sie endlich auftauchte, mit Gleichgültigkeit begegnet? "Wie ich Maria hasse."

Ungreifbare Menschen

Menschen, die für andere nicht zu greifen sind, sondern ewig rätselhaft bleiben, durchwandern die Geschichten von Ilse Helbich. Auch stille, verborgene Menschen, deren leise Leben völlig unspektakulär zu verlaufen scheinen und die vielleicht innerlich um einen einzigen Moment der hellen, ausschweifenden Freude kreisen.

Da ist die Kollegin, Frau Helmer, mit der der Ich-Erzähler viel geschäftlich unterwegs war. Nun sitzen sie beide erschöpft von den hektischen Tagen der Frühjahrsmesse auf dem Flughafen von Florenz, und mitten in die Freude über einen Anruf ihres Freundes streut Lene Helmer beiläufig die Information, dass zuhause ein Krebsbefund auf sie wartet. In die Verstörung des Kollegen hinein - der früher einmal um ihre Hand angehalten hat - erzählt sie von der Sorge um die kleine Tochter, vor allem aber davon, wie sie selbst vor Jahren ihre Freundin Käthe in deren Krebstod begleitet hat.

Unmittelbar vor dem Abflug erlebt der Erzähler die ihm schon vertraute Befürchtung, Lene Helmer könnte in Panik aufspringen und davonstürzen, "aber da schloss die Stewardess die Stahltür und befestigte sie mit drei Riegeln; und wie immer, wenn ich neben dieser Frau sitzen musste, fühlte ich, was sie jetzt fühlte: dass wir alle miteinander gefangen sind und ausgesetzt einem bösen Schicksal, und nur unser andressierter Stolz hält uns davon ab, einander in die Arme zu fallen und zusammen unsere schreckliche Angst hinauszuschreien." Es ist hier, in Lene Helmers Angststarre während des Fluges, dass sich die Aspekte dieser starken und intensiven Geschichte "Jonas und der Walfisch" verdichten.

Tod spielt überhaupt eine große Rolle in Helbichs Geschichten, die von Melancholie gefärbt und von einem abschiedlichen Grundton getragen sind. In ihnen schaut die betagte Autorin aus großem Abstand auf das Leben in seiner Gesamtfigur; sie mutet Unaufgelöstes zu, das mitunter auch tatsächlich zu unerklärt daherkommt.

Verbunden in Hass

Franz Schuh umreißt in seinem Nachwort klug, was es mit der Härte dieser verstörenden, teils schwer aushaltbaren Geschichten auf sich haben könnte. Dass das "geteilte Leben selten hält, was einem die Konventionen und ihre Propaganda vorgaukeln", könne bedeuten, dass Zusammensein für Menschen, "für diese im Letzten unteilbaren Individuen, nicht zuletzt ein Angebot (ist), einander zu verachten, zu hassen, ja, zu töten - und sei dies nur aus Gründen der Selbstachtung und Selbstbehauptung."