"Schuld ist ein Lebensthema. Es ist nicht das Lebensthema, und es ist auch nicht das Thema meiner Bücher, sondern nur eines", hat Bestsellerautor Bernhard Schlink vor zwei Jahren in einem Interview erklärt. Und doch geht es in den Erzählungen des Bandes "Abschiedsfarben" genau darum: um Schuld, wie sie oft aus Missverständnissen entsteht, um Erinnerungen und um Abschiede in all ihren Facetten - mit Schmerz, Trauer und verletzten Gefühlen.

Lügen, Selbstbetrug und Probleme mit dem Älterwerden ziehen sich wie rote Fäden durch die neun Texte. Lebensetappen gehen zu Ende, die Figuren finden sich an Weggabelungen, Beziehungen stehen auf dem Prüfstand. "Wenn man liebt, braucht man den anderen zum Glücklichsein, nicht zum Überleben", bilanziert ein Senior von über siebzig seine Liaison mit einer vierzig Jahre jüngeren Partnerin. Als Leser denkt man da an Vladimir Nabokovs "Lolita", und dieser Roman taucht dann auch in einem der Texte auf: Eine Mutter liest ihn während des gemeinsamen Urlaubs mit ihrem Sohn; er findet das Buch und liest es ebenfalls. Ein erotisches Knistern entsteht in den Köpfen, aber es bleibt beim dezenten Funkenschlag.

Generell wird in den Erzählungen des inzwischen 76-jährigen Bernhard Schlink viel zurückgeschaut, und schon der erste Satz des Bandes verströmt eine durchgängig melancholische Hintergrundmelodie: "Sie sind tot - die Frauen, die ich geliebt habe, die Freunde, der Bruder und die Schwester und ohnehin die Eltern, Tanten und Onkel. Ich bin zu ihren Beerdigungen gegangen, vor vielen Jahren oft, weil damals die Generation vor mir starb, dann selten und in den letzten Jahren wieder oft, weil meine Generation stirbt."

Unvorhergesehenes widerfährt den Figuren dieses Bandes nicht; auch sind sie alle etwas zu kopflastig angelegt, zu selbstkritisch und zu reflektierend. Es fehlt ihnen das Feuer der Spontaneität, eine Prise irrationale Verrücktheit. Schlinks Protagonisten sind alle verdammt klug und abgeklärt, vielleicht so, wie wir gerne wären, aber nicht sind. Der langjährige Jurist moderiert höchst ausgewogen diese Geschichten, in denen es um die großen Themen des Lebens geht: Liebe, Trennung, Schuld, Erinnerung, Trauer, Hoffnung und vor allem Abschiede.

Dabei geht es ziemlich harmonisch und gesittet zu. Der emotionale Super-GAU findet nicht statt, stattdessen gibt es mitunter eine große Portion Zuckerguss. Kein Zufall, dass der letzte Satz des Bandes lautet: "Ich kann mein Glück nicht fassen."