Geht ein Ehemann zum Psychologen . . .

So könnte ein schlechter Witz beginnen. Oder aber ein gutes Buch. Zum Beispiel der gedruckte Erstling des Kabarettisten Paul Pizzera, der den Corona-Lockdown dazu genutzt hat, eine alte Idee wieder aufzugreifen und zu Papier zu bringen: "Ich habe vor vier, fünf Jahren eine Phase gehabt, in der ich alles hatte, was man zum Glücklichsein braucht", erzählt er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" – aber er war damals nicht glücklich. "Darüber kann man natürlich mit Freunden oder der Familie reden, aber ich habe mich dazu entschlossen, zu einem Psychologen zu gehen. Und der hat mich die richtigen Sachen gefragt, sodass ich mir dann nach ein paar Sitzungen die Frage, warum ich nicht glücklich bin, selbst beantworten konnte."

Weil ihm dieses Setting, "dass örtlich wenig passiert, aber zwischen den Menschen sehr viel", aus künstlerischer Sicht stark zusagte, nahm er die selbst erlebte Situation zum Ausgangspunkt für einen fiktiven Dialog auf der Therapiecouch: In "Der hippokratische Neid", soeben erschienen im Verlag Ueberreuter, treibt den Klienten um, dass seine Frau die Scheidung will, weil er sie mit ihrem Bruder betrogen hat. Nach diesem schwarzhumorigen Einstieg zieht Pizzera das volle Programm ab: Er baut auf 80 Seiten ein Männerleben auf, das vor patriarchalischen und archaischen Geschlechterrollenbildern nur so trieft, er watet tief durch Klischees – und zückt am Ende zwar nicht den Pointenhammer, aber doch das Satireflorett und dreht das Ganze einmal durch den Fleischwolf.

Denn am Ende gibt es "einen ziemlich überraschenden Twist", wie es Michael Niavarani nennt, "einen literarischen Kniff, um alles, was in diesem Dialog bis dahin gesagt wurde, noch einmal neu zu bewerten". Was der Simpl-Chef mit dem Buch zu tun hat? Sehr viel. Weil er nämlich gemeinsam mit Pizzera dessen Buch in seinem Etablissement eingelesen hat. Das 70-minütige Hörbuch gibt es für die Leser via Download-Code als Bonus dazu. Was dafür sorgen könnte, dass viele Exemplare ungelesen im Regal landen werden. Denn Hand aufs Herz: Wer will sich schon selbst durch Pizzeras Schriftdialekt mühen, wenn er sich das Ganze von zwei solchen Künstlern vorlesen lassen kann?

Satire mit ernstem Hintergrund

Aber zurück zur Handlung: Pizzera baut seinen Dialog behutsam auf, der Patient geht in der Therapiesitzung nach und nach immer mehr aus sich heraus, öffnet sich tatsächlich immer mehr – auch wenn er eine gewisse Grundskepsis dem Ganzen gegenüber beibehält und auch offen ausspricht. Und auch immer wieder vergeblich versucht, selbst das Heft in die Hand zu nehmen. Wer da große Schenkelklopfer sucht, wird nicht fündig, auch wenn sehr viel Satire im Text steckt. Und viel Feingeist. Pizzeras Humor funktioniert hier vor allem zwischen den Zeilen.

Sein Buch soll natürlich die Leser unterhalten, aber es hat eben auch wie eingangs erwähnt einen ernsten Hintergrund, wie der Autor selbst erklärt: "Es soll die meiner Meinung nach in Österreich noch immer zu weit verbreitete Angst vor therapeutischen Gesprächen nehmen und die Wichtigkeit von psychischer Gesundheit unterstreichen." Für Pizzera ist sein Buch auch ein Anlass für seine Leser, "sich selbst am Krawattl zu nehmen". Oder, wie es Niavarani formuliert: "Es ist auch ein Text über die großen Lebenslügen, die man vor sich herträgt. Man glaubt ja immer, es ist etwas Großes, dass man zum Beispiel bei einer Versicherung arbeitet und in Wirklichkeit Geheimagent ist. Aber es reicht schon, wenn man sich denkt: Jetzt werde ich wirklich abnehmen, und das passt schon, mein Gewicht ist eh halbwegs okay. Das ist in meinem Fall schon eine Lebenslüge", meint der Mann mit dem Waschbärbauch, der im Hörbuch den Klienten spricht. "In Pauls Stück bezieht es sich hauptsächlich auf Sexualität, ist aber im Grunde eine Metapher für jede Art von Lebenslüge, wo man sich einredet, dass das, was man lebt, eh okay ist – obwohl man drunter leidet."

"Glücklich machen kann man sich nur selbst"

Hat Pizzera nicht die Sorge, dass manche Fans vielleicht am Ende enttäuscht sein könnten, weil ihnen sein Buch nicht lustig genug ist? "Nein, so wie auch manche Lieder oder Witze nicht gefallen. Damit muss man leben. Sonst hätte man den falschen Beruf, wenn man an die Öffentlichkeit geht." Und auch Niavarani ist vom Text überzeugt: "Es ist ein großartiger Dialog und eine lustige Geschichte."

Zwischen deren Ausgangspunkt und dem Erscheinen des Buches liegt also ein halbes Jahrzehnt, das für Pizzera (gemeinsam mit Otto Jaus) künstlerisch höchst erfolgreich war. Auch privat? "Ich meine, dass ich heute sehr zufrieden und dankbar bin. Ich habe so wie jeder Ups und Downs, aber ich versuche, so gut es geht, frei drauflos zu leben. Ich bin gesettelter. Ich bin auch heute manchmal unglücklich, aber zumindest kann ich mir heute besser erklären, warum." Damals, in seiner Lebenskrise, war er in einer Beziehung, und auch jetzt ist er in einer, jedoch in einer anderen. Wobei er dazu feststellt: "Ich glaube, glücklich machen kann man sich nur selbst. Die Partnerin oder der Partner kann das nur positiv oder negativ beeinflussen."

Neues Album im nächsten Jahr

Weil ein Buch selten allein kommt, gibt es nicht nur die von Niavarani und Pizzera gesprochene Audio-Einspielung, sondern die beiden wollen das Ganze auch irgendwann auf die Bühne bringen. In der aktuellen Länge von 80 Seiten wäre es ein Einakter, weshalb Pizzera an einer abendfüllenden Fassung arbeitet. "Da geht noch einiges", meint Niavarani, der sich schon darauf freut, das Stück dramaturgisch umzusetzen. Man darf also gespannt sein.

Jetzt ist aber erst einmal eine dritte Single-Auskoppelung von Pizzera gemeinsam mit Otto Jaus geplant. Die beiden werken, während sie sehnsüchtig auf Live-Auftritte warten, derzeit an ihrem dritten gemeinsamen Album, das allerdings wohl erst im kommenden Jahr erscheinen dürfte. "Unter den Christbaum wird man es heuer also noch nicht legen können, da sollte eher mein Buch landen", meint Pizzera schmunzelnd.