Vor zwei Jahren erschien "Was ein Mann ist", ein opulenter Roman, der anhand verschiedener Geschichten demonstrierte, was es bedeutet, in der heutigen Welt Mann zu sein. Und der freilich viel mehr war als bloße Männerliteratur. Es ging eher um die Frage: "Was ist das Leben und was soll ich daraus machen?"

David Szalays neues Buch ist deutlich schmaler, und doch stellt es ähnlich grundsätzliche Fragen an das menschliche Dasein. "Turbulenzen", das klingt nach kurzen, vorübergehenden Störungen im Betriebsablauf des Lebens, meint aber doch weit mehr, wie eine Frau auf dem Flug von London nach Madrid erfahren muss.

"In diesem Augenblick erbebte das Flugzeug zum ersten Mal. Eine leichte Turbulenz, doch sie fand es entsetzlich, dass die Illu-sion der Sicherheit auf einmal dahin war, dass sie sich nicht mehr einbilden konnte, ihr könne nichts passieren. (...) Die nächste ließ sich nicht mehr so leicht ignorieren, und die übernächste war so heftig, dass ihrem Nachbarn die Cola in den Schoß flog. Und dann ertönte plötzlich wieder die Stimme des Piloten, er sagte in furchtbar ernstem Ton: ‚Cabin crew, take your seats!‘"

Die ältere Dame hat ihren krebskranken Sohn in London besucht und ist auf dem Heimweg nach Spanien. Kurz vor der Landung verliert sie das Bewusstsein, eine Folge ihrer Diabetes, und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Ende der Geschichte.

Wir begegnen diesem Leben genauso flüchtig wie den anderen elf in diesem Reigen kurzer Erzählungen, und genauso punktuell berühren sich die Protagonisten dieses Bandes. Die zweite Geschichte erzählt die des Sitznachbarn, dem die Cola über den Anzug lief. Er fliegt von Madrid weiter in den Senegal, und auch er wird urplötzlich mit der Endlichkeit des Daseins konfrontiert. Nach der Landung erfährt er, dass einer seiner Söhne bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Ausgerechnet der Sohn, der ihm vor Jahren das Rauchen ausgetrieben hatte, aus kindlicher Sorge um die Gesundheit des Vaters.

"Turbulenzen" ist eine Art globaler Kettenroman. Die zwölf Kapitel sind mit den international gängigen Flughafenkürzeln betitelt und führen von London Gatwick über São Paulo, Seattle, Bangkok, Doha und Budapest wieder zurück nach London. Unterwegs berühren die Biografien der fliegenden Männer und Frauen einander jeweils kurz: Ein erzählerischer Staffelstab wird, ohne dass sie selbst davon wissen, weitergegeben, bis die Erde am Ende einmal umrundet ist und sich auch der Personenkreis wieder schließt. Klingt konstruiert, ist es aber ganz und gar nicht.

All diese Leben sind in mehr oder weniger heftigen Turbulenzen, wirklich glücklich ist keiner der Protagonisten, und über dem Erzählten liegt eine große existenzielle Unbehaustheit. Beziehungen bleiben temporär oder drohen aus den unterschiedlichsten Gründen zu zerbrechen. Die Endlichkeit lauert allerorten, und wir erleben sämtliche Personen in Momenten, die ihr Leben nachhaltig verändern.

David Szalay, 1974 in Kanada geboren und seit ein paar Jahren in Budapest lebend, verhandelt erneut die großen Fragen: Was heißt es, glücklich zu sein? Wie führt man ein wahrhaftiges Leben? Wie geht man mit Krankheit und Tod um? Und er tut das erneut in einem ganz besonderen Ton: gegenwärtig, schnörkellos, vieles nur andeutend und stets ein wenig traurigkeitsumflort.

Henning Ahrens hat diesen Sound, der leicht süchtig machen kann, wieder großartig ins Deutsche übersetzt. Am Ende wünscht man sich eigentlich nur, auch dieser Roman hätte 500 Seiten.