Der Ton kommt aus dem Nichts, baut sich langsam zu einer Melodie auf und verklingt allmählich im Äther - nur ein Stück verbindet diese Sanftheit und Fragilität: Gustav Mahlers "Adagietto" (5. Sinfonie, 1902). Es ist kaum vorstellbar, dass sich ein derartiges Dahinschwelgen in Literatur übersetzen lässt. Und doch scheint dies nun gelungen. Auch wenn der Roman "Der letzte Satz" von Robert Seethaler, der 2012 mit "Der Trafikant" einem größeren Publikum bekannt wurde, nie explizit die Partitur erwähnt, liest sich sein Buch wie dessen Konzertierung - als Bewegung des Hinübergleitens ins Jenseits.

Im Zentrum steht der Komponist während seiner letzten Reise. Nach einem gefeierten Konzert in New York reist Mahler auf einem Schiff zurück nach Europa. Auf den weiten Ozean blickend und eingewickelt in Decken, ziehen innerlich noch einmal Stationen seines Lebens an ihm vorüber: die Geburt seiner Kinder und der frühe Tod seiner Tochter Maria, seine Liebe zu Alma und deren späte Entfremdung, und schließlich seine großen Konzerte, seine eiserne Disziplin als "Höllenhund am Pult".

Tatkraft und Verfall

Seethaler entwirft ein dichtes und differenziertes Porträt eines Genies, das ein tragischer Widerspruch prägt: Auf der einen Seite begegnen wir Mahler mit seiner gesamten Verve, seiner Arbeitswut, seiner Reformfreude als Operndirektor. Auf der anderen Seite werden wir eines Mannes im permanenten Zerfallsprozess gewahr: "Er war noch nicht einmal fünfzig Jahre alt und eine Legende: der größte Dirigent seiner Zeit und vielleicht aller Zeiten, die noch kommen mochten. Doch diesen Ruhm bezahlte er mit dem Desaster eines sich selbst verzehrenden Körpers."

Fieber, Husten, Hämorrhoiden und zuletzt Herzprobleme zehren an den Kräften des Musikers. Mit ungeahntem Tatendrang an der Begrenzung der eigenen Konstitution zu scheitern - hierin besteht die in der Literatur verhandelte Tragik des Intellektuellen. Von Eduard Mörikes Künstlernovelle "Mozart auf der Reise nach Prag" (1855) bis zu Thomas Manns ebenfalls an Gustav Mahler angelehnten Protagonisten in "Der Tod in Venedig" (1912) reicht die Riege jener einschlägigen Geschichten der großen Untergänge.

Dass sich der Roman des 1966 in Wien geborenen Robert Seethaler nun auf der Longlist des Deutschen Buchpreises wiederfindet, dürfte wohl weniger seinem gesellschaftspolitischen Gehalt als vielmehr seiner existenziellen Grundierung geschuldet sein. Es ist ein Werk über die condition d’humaine, ein Werk über Abschied und Bilanz. Und vor allem ein Werk über die Schaffenskraft des Menschen gerade im Angesicht der Vergänglichkeit.

Der Autor legt sowohl eine berührende und von Intensität und Reife gezeichnete Annäherung an eine Legende vor als auch ein sprachmächtiges Stück Gegenwartsliteratur. Immer wieder entwickelt er treffende Bilder für den im Text allgegenwärtigen Tod. So etwa in einem Gespräch über das schillernde Treiben fliegender Fische: "Es ist das Schönste, was man hier draußen zu sehen kriegt", so ein Schiffsjunge zu Mahler. "‚Ich dachte, das ist der Sonnenaufgang.‘ ‚Der Sonnenaufgang und die fliegenden Fische (...) Die Älteren sagen, es sind die Seelen der Ertrunkenen. Sie können sich nicht mit der Dunkelheit abfinden und suchen das Licht.‘" Und zeugen von diesem Versuch nicht auch Mahlers Kompositionen? Von diesem unentwegten Streben nach Helligkeit, mithin Erlösung?

Als metaphysisch sollte man das Buch dennoch nicht bezeichnen. Dem Leiden kommt keinerlei erhebende Funktion zu. Und doch verfällt der Text nicht in larmoyanten Nihilismus: Stattdessen macht er deutlich, dass die Reflexion von Schmerzen im literarischen Rahmen die Chance zulässt, für das innere Chaos eine Ordnung zu finden. Sprache ermöglicht es, das Bodenlose und ungreifbar Destruktive zu fassen und dadurch anzunehmen.

Leid wird Literatur

In dieser Hinsicht reiht sich "Der letzte Satz" in ein seit Jahren anwachsendes, neues Genre ein: jenes des Krankheitsromans. Thomas Melle, David Wagner, Angela Krauß, Klaus Merz, Arno Geiger und andere thematisieren ein breites Spektrum physischer oder psychischer Leidenswucht - von Krebs bis zur Depression. Wir erleben Protagonisten am Rande des Wahnsinns, oftmals gefangen in einer Wechseldynamik zwischen Müdigkeit und Schlaflosigkeit, Ohnmacht und Übereifer.

Nun also ein Werk mit einer beinahe meditativen Ruhe, weit wie der Horizont, dessen Ende keine Angst einflößt. Mahlers Verdämmern ereignet sich im Einvernehmen mit dem Lauf des Daseins und bietet, wie wir mit Staunen vernehmen, Anlass zu zeitlos gültiger Literatur. Oder um es mit Worten des Romans zu sagen: "Es ist eine Auflösung. Ein Verstummen in der Ewigkeit."