Wäre es nicht ganz offensichtlich eine wahre Geschichte, bei der die Autorin laut eigener Aussage nur die meisten Namen ausgetauscht hat, man könnte es auch für das Skript eines schlechten Hollywood-Dramuletts oder einer Rosamunde-Pilcher-Schmonzette halten. Denn in ihrer beeindruckenden Autobiografie "Wild Game" erzählt Adrienne Brodeur von einer 14-Jährigen, deren Mutter sie mitten in der Nacht weckt, um ihr zu erzählen, dass sie soeben den besten Freund ihres Ehemannes geküsst hat. Dazu muss man wissen, dass Adriennes Mutter Malabar damals in zweiter Ehe mit einem Mann verheiratet ist, der körperlich schlaganfalbedingt mehr oder weniger ein Wrack ist, während sein alter Freund Ben Souther nur so vor Lebensenergie strotzt, allerdings mit einer in jungen Jahren vom Krebs fast zerstörten schwachen Ehefrau geschlagen ist (zumindest in Malabars Augen). So treffen also zwei (scheinbar) starke Menschen aufeinander, die an zwei (scheinbar) schwache gekettet sind und sehnlichst den Tag herbeisehnen, an dem sie sich endlich offen zu ihrer Beziehung bekennen können.

Zwischen den (lange Zeit unsichtbaren) Fronten steht Adrienne, die als Teenager von ihrer Mutter in die Affäre mit hineingezogen wird und immer öfter für Alibis und Ablenkungen sorgen muss, wenn ihre Mutter und Ben wieder einmal "zufällig" gemeinsam in der Speisekammer verschwinden oder einander später zu einem Tête-à-Tête an Adriennes Studienort treffen. Zunächst - und hier kommt der Buchtitel ins Spiel - liefert ihnen ein gemeinsames Projekt der beiden Familien einen perfekten Vorwand für gemeinsame Unternehmungen und Küchenabenteuer. Denn Malabar ist nicht nur eine exzentrische und durchaus atemberaubende Frau, sondern auch eine begnadete Köchin, während Ben als passionierter Jäger alle möglichen und unmöglichen Wildtiere anschleppt, für die Malabar dann Rezepte entwirft, die eines Tages in einem Kochbuch veröffentlicht werden sollen, dessen Titel jetzt schon feststeht: "Wild Game" - und während die beiden mehr oder weniger offen miteinander flirten, sitzen ihre jeweiligen Ehepartner daneben und lächeln freundlich dazu. Wobei Adrienne lange Zeit vermutet, aber nicht sicher weiß, dass zumindest Bens Frau ahnen muss, was hier Übles gespielt wird, während ihr Stiefvater ohnehin in seiner eigenen Welt versunken scheint.

Je weiter man liest, umso erstaunlicher wird Adrienne Brodeurs Familiengeschichte. - © Droemer / Julia Cumes Photigraphy
Je weiter man liest, umso erstaunlicher wird Adrienne Brodeurs Familiengeschichte. - © Droemer / Julia Cumes Photigraphy

Scheidungen als roter Faden

Apropos Stiefvater: Hier kommt ein weiterer roter Faden, der sich durch das Buch und auch durch Adriennes Familien- und Lebensgeschichte zieht: Ihre beiden Eltern sind mehrfach geschieden, und auch sie selbst wird später mehr als einmal heiraten. Die Basis für die verkorkste Mutter-Kind-Beziehung, die Adrienne Brodeur über mehrere Jahrzehnte hinweg schildert, hat wohl ihre Großmutter gelegt, die ihre Tochter vielleicht schon liebte, aber ihr nicht die Liebe gab, die sie gebraucht hätte. Kein Wunder also, dass Malabar die Bestätigung (und Erfüllung) anderweitig sucht, könnte man meinen. Dazu kommt die familiäre Erinnerung an einen älteren Bruder, der als Zweijähriger gestorben ist - und mit dem sich Adriennes ausgerechnet den Geburtstag teilt. Zu ihrem anderen älteren Bruder Peter hat sie nie ein wirklich inniges Verhältnis aufbauen können.

Stoff genug also für eine Jugend und ein Erwachsenenleben, die von Lug und Trug und einer leicht pervertierten Mutterliebe überschattet sind. Dass Adrienne Brodeurs Buch genau jetzt auf den Markt kommt, liegt wohl daran, dass wesentliche handelnde Personen entweder nun schon gestorben sind oder der Demenz anheim gefallen sind und ihr somit nicht mehr widersprechen können, wenn sie ihr Leben und das ihres engsten Umfeldes Revue passieren lässt. Es ist eine schonungslose Abrechnung, auch mit sich selbst und der eigenen Rolle, die sie in der ganzen Affäre, die sich über Jahrzehnte hingezogen hat, gespielt hat. Mehr als einmal übt sie sich in Selbstzerfleischung und Selbstgeißelung, lässt aber auch ihre Mutter nicht so einfach davonkommen.

Kein Schwarz/Weiß, sondern viel Grau

Gleichzeitig gibt es aber - eben wie im richtigen Leben - auch kein Schwarz oder Weiß, sondern viele Grautöne. Keiner der direkt Beteiligten kommt bei der ganzen Sache wirklich gut weg, andererseits fällt es der Tochter aber auch schwer, ihrer Mutter und deren Liebhaber wirklich Vorwürfe zu machen. Weil sie eben die Umstände, unter denen ihr Ehebruch passiert ist, aus nächster Nähe kennt. Licht und Schatten wechseln einander also ab, auch in Adriennes Erzählung. Sie nimmt den Leser mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt, in der es einmal hoch hinauf geht, nur um auf der nächsten Seite umso tiefer zu fallen. Das Schlimme dabei ist, dem Mädchen beziehungsweise der heranwachsenden jungen Frau dabei zuzusehen, wie sie und ihre Psyche immer mehr zerstört werden durch die Dummheit zweier verliebter Erwachsenen, die offenbar wirklich glauben, man könne einfach eine aufrechte Ehe führen und dabei eine zweite, heimliche Partnerschaft führen, ohne dass dabei Porzellan zu Bruch ginge. Dem Fass die Krone auf setzt eine Szene, in der Ben anscheinend seiner Ehefrau erklären will, dass er bei ihr bleiben werde, obwohl er Malabar liebe, und dabei ihr duldsames Einverständnis erwartet oder zumindest erhofft.

Das Ganze ist eingebettet in eine Liebeserklärung an die Landschaft der Küstenregion von Cape Cod in Massachusetts, wo sie aufgewachsen ist und wo es sie auch im Alter immer wieder hinzieht. Insofern enthält diese wahre Geschichte tatsächlich alle Zutaten, die auch eine Rosamunde Pilcher für diesen Roman zusammengemischt hätte. Nur dass das wahre Leben eben jede Fiktion bei weitem in den Schatten stellt. Und das sie schreiben kann, beweist Adrienne Brodeur mit "Wild Game": Zunächst fragt man sich, was man da eigentlich in Händen hält; dann überlegt man, ob man diesen leicht absurden Schmarrn überhaupt weiterlesen soll; und kurz darauf hat er einen dermaßen gepackt, dass man nicht anders kann, als mit der 14-jährigen Adrienne bei der Heimlichtuerei in der Küche mitzufiebern, mit der 23-jährigen Adrienne bei ihrer Hochzeit (mit einer Person, die hier nicht gespoilert wird), mit der 39-jährigen Adrienne, als sie selbst Mutter wird. Es steckt jedenfalls letztlich viel mehr in ihrer Erzählung, als man ihr zunächst zutrauen würde.