Was hat es auf sich mit dem schmalen Büchlein von Richard Russo, das mit dem merkwürdigen Titel "Sh*tshow" und einer grünschillernden, auf den Rücken gefallenen Schmeißfliege auf dem Cover daherkommt? Es ist eine Geschichte über David und Ellie, ein wohlhabendes älteres Ehepaar im Westen Amerikas, dem ärgerliche Dinge passieren. "Fassungslos" nach der Wahl des unsäglichen Präsidenten, haben sie das "Bedürfnis nach tröstender Gesellschaft" und laden zwei gleichaltrige Paare ein.

So der Auftakt zu "Sh*tshow", das als "eindringliche politische Parabel" beworben wird und als erzählerischer Kommentar zur "Trump-Show", der Performance des gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten, verstanden werden will.

Der Abend der beiden Paare wird nicht groß erzählt. Er geht als "unkompliziertes Abendessen in entspannter Runde" vorüber, und genauso schreitet ein joviales Erzählen, reich an Klischees und Banalitäten, voran. So erstaunlich rollenkonservativ wie Ellie David "hinausscheucht", als er ihr beim Einräumen der Spülmaschine helfen will, so wird auch der mögliche Umzug der in Kalifornien lebenden Tochter besprochen, der anstünde, wenn "ihr Mann ein Jobangebot" woanders bekäme.

Vollends merkwürdig aber wird das Geschlechterverhältnis, als Ellies Vorwurf an David nach der gemeinsamen Reise zur Tochter lautet: "Ich will darauf hinaus, dass du ein Mann bist. Was bedeutet, dass du nicht mitkriegst, was sich vor deiner Nase abspielt ..." Soll konkret heißen: David ist ebenso schwer von Begriff, wenn es um Eheglück oder -unglück der Tochter geht, wie dann, wenn der scheußliche Gestank im Haus, den Ellie deutlich wahrnimmt, laut ihr nicht mehr ignoriert werden kann.

Nein, natürlich will niemand Exkremente in seinem Whirlpool herumschwimmen haben, wie es David und Ellie nach dem Besuch der Freunde passiert war. Und den bestialischen Gestank, der sich nach Rückkehr von ihrer Reise im Haus ausgebreitet hatte, ist auch etwas, das man lieber nicht erleben würde. ",Was für ein Geruch?‘, frage ich - eine typisch männliche Antwort auf eine typisch weibliche Frage."

Es wird nicht klar, was dieses aufdringliche und zugleich langweilige Männer- und Frauenrollen-Gezanke soll - und so wartet man umso gespannter auf die Lösung des Geruchs-Rätsels, ist man von einem großartigen und feinsinnigen Erzähler wie Richard Russo, der zuletzt in "Jenseits der Erwartungen" die Geschichte um eine alte Freundesclique sich überraschend entwickeln ließ, doch komplexes Erzählen gewohnt.

Aber leider lässt auch die Auflösung des Geruchs-Geheimnisses die Leserin selbst "fassungslos" zurück. Diese Lösung fällt einem aus dem Nirgendwo vor die Füße und hat mit den entwickelten Handlungsfäden rein gar nichts zu tun. Wo also soll sich in dieser reichlich platten, auf knapp 70 Seiten skizzierten Ehekrise voller Klischees eine politische Parabel verstecken? Vielleicht: Das Haus stinkt, und wir merken es nicht - wobei es die Frauen ja doch merken? Oder: Das Haus stinkt, und wir meinen, es hätte nichts mit uns zu tun? Aber auch diese Lesart löst die Geschichte nicht ein.

Nein. "Sh*tshow" wirkt, durchaus befremdlich, wie der sehr rohe Rohbau eines Romans, aus dem, mit viel Arbeit an den Figuren und der Herausarbeitung eines Themas, vielleicht etwas werden könnte. Dass ein Meister der Zusammenhänge wie Richard Russo diesen Rohbau zur Lektüre freigibt, erstaunt. Vielleicht drückt die große Fassungslosigkeit über den derzeitigen Präsidenten ja auch unter den Intellektuellen mitunter auf die Inspiration.