Auch der derzeitige, 45. Präsident der USA hat in diesem Buch seinen Auftritt. Und zwar im Jahr 1988, als der damalige Bau- und Immobilienmagnat Donald Trump - ausgerechnet er - auf einen Fake hereinfällt. Vor dem Trump Tower in New York schüttelt er vermeintlich Michail Gorbatschow die Hand - allerdings handelt es sich dabei um dessen Doppelgänger. Trump will das - natürlich - sofort durchschaut haben, aber auf den Fotos und Filmaufnahmen wirkt es gar nicht so . . .

Aber nicht um Trump, und auch weniger um das Gorbi-Double (ein bissl aber doch) geht es in Clemens Bergers neuem Roman, "Der Präsident", sondern um den Doppelgänger des 40. US-Präsidenten, Ronald Reagan, nämlich den aus dem Burgenland gebürtigen, in Chicago lebenden Jay Immer.

Politischer Eigensinn

Die Geschichte dieses Mannes und Ex-Polizisten, der mit 55 Jahren aufgrund seiner frappanten Ähnlichkeit mit dem ehemaligen Schauspieler und Republikaner von einer Agentur zum offiziellen Doppelgänger gekürt wird, ist teils skurril, teils rührend, immer großartig - und nur semi-fiktiv. Sie beruht auf der wahren Geschichte des ebenfalls gebürtigen Burgenländers Julius, später Jay Koch, der 25 Jahre lang Ronald Reagan dargestellt hat. Oder wie es im Buch treffend heißt: "Ich bin ein Polizist, der einen Schauspieler spielt, der einen Präsidenten spielt."

Clemens Berger, ebenfalls Burgenländer, hat Koch in dessen letzten Lebensjahren in den USA besucht und sich dessen Geschichte erzählen lassen. Im Roman bilden die Auftritte von Koch, der nun eben Jay Immer heißt (abgeleitet vom ursprünglich magyarischen Namen Julius Imre) bei diversen Veranstaltungen, seien es Burger-Wettessen oder Autohaus-Eröffnungen, wo er den Präsidenten mimt (und von vielen als jener verkannt wird), das Grundgerüst. Aber bei Berger bekommt der gute Mann - und das ist zum Teil wirklich (gut) erfunden - politischen Eigensinn.

Er beginnt sich früh für Umweltschutz zu engagieren - und er nimmt privat einen TV-Spot auf, in welchem er sich für jene Fluglotsen einsetzt, die vom echten Reagan gekündigt worden waren. Das löst allerlei Verwicklungen aus, die dazu führen, dass einerseits Agenten auf ihn angesetzt werden, um ihn mundtot zu machen, und andererseits Reagans politisch abtrünnige Tochter, Patti Davis, sich brieflich an ihn wendet, mit u.a. folgender Botschaft: "Ich wünschte, mein Vater wäre zumindest hin und wieder mehr wie Sie. Machen Sie bitte weiter. Dieses Land braucht einen anderen Reagan. Ich verneige mich vor Ihnen."

Auch mit dem eingangs erwähnen Gorbatschow-Lookalike, einem sehr lustigen Amerikaner (mit dem kuriosen Namen Ronald V. Knapp), gibt es schrille gemeinsame Gipfeltreffen-Auftritte (und Aufrufe), die natürlich großes mediales Aufsehen erregen.

Aber nicht die - in keiner Szene unglaubwürdig überzogene - Dramatik dieser Begebenheiten macht den Reiz dieses Buches aus, sondern die solide Lebenspragmatik, gestandene Klugheit und empathische Menschlichkeit dieses Mannes - und vor allem seiner Frau Lucy, der First Lady, wie sie von ihm huldvoll genannt wird. Dieses Paar bleibt in all der Künstlichkeit, zu der es durch die Gesamtinszenierung gezwungen ist, auf eine erstaunliche Weise bei sich selbst, bei (s)einem gesunden Realismus und Mutterwitz. Bei ihnen gibt es eben doch ein richtiges Leben im falschen.

Demente "First Lady"

Eine tragische Pointe (die wohl kaum erfunden sein kann) will es, dass im Fall der beiden - nicht wie beim "echten" Präsidentenpaar, wo Reagan an Alzheimer erkrankte - sie, also Lucy, der pathologischen Vergesslichkeit anheimfällt. Jay weicht bis zum Schluss (und er stirbt schließlich knapp vor ihr) nicht von ihrer Seite, kümmert sich aufopfernd um seine schwer demente Frau, was zu den rührendsten Stellen im Buch gehört.

Aber auch hier übertreibt es Clemens Berger nicht, trifft wie im gesamten Roman den richtigen Ton, macht kein Wort zu viel und erspürt - wie schon in seinen früheren Romanen, etwa in "Das Streichelinstitut" - treffsicher und schon im Ansatz die Situationskomik, die in vielen menschlichen Begegnungen steckt. Daher kann man dem Fazit der österreichischen Autorin Vea Kaiser nur zustimmen, wenn sie über "Der Präsident" meint: "Wer dieses wunderbare Buch nicht liest, verpasst was."