Mouhanad Khorchide möchte die Deutungshoheit der konservativen Gelehrten und der Vertreter des politischen Islams brechen. Dazu präsentiert er uns in seinem neuen Buch mit dem Titel "Gottes falsche Anwälte. Der Verrat am Islam" eine neue Interpretation der islamischen Geschichte. Der Islam der ersten Stunde unter dem Propheten Muhammad und seinen ersten vier Nachfolgern, den "rechtgeleiteten Kalifen" (610 bis 661) sei später missverstanden und missbraucht worden. Laut Khorchide begann der Verrat am ursprünglichen, "wahren" Islam mit der Errichtung der ersten "Diktatur" im Islam durch die Umayyaden (661 bis 750). Alles, was folgt, gilt ihm als unwahr und "eine manipulierte Version dieser Religion".

Die Gedankenfigur eines "wahren Islam" findet sich in verschiedenen Varianten von Reformern wie Muhammad Shahrur (1938 bis 2019) bis hin zu Extremisten wie Sayyid Qutb (1906 bis 1966), dem Vordenker des modernen Islamismus.

Ein Prophet "ohne Anspruch auf Machtposition"

Das Neue bei Khorchide ist allerdings die Behauptung, dass der Prophet "sowohl in Mekka als auch in Medina lediglich als Verkünder einer göttlichen Botschaft ohne den Anspruch auf eine Machtposition" aufgetreten sei. "Er war kein Staatsoberhaupt, weder in Mekka noch in Medina." Um diese These zu untermauern, muss der Autor allerdings einige Verrenkungen vollführen. So zitiert Khorchide nur ethisch-moralische Koranverse aus der mekkanischen Periode (z. B. Koran 88:21, 50:21 und 6:52), die bezeugen, dass der Prophet "nur Warner" bzw. Verkünder einer frohen Botschaft war. Das ist für diese Zeit unbestritten, doch wie sieht es für die folgende, medinensische Epoche aus?

Durch seine Auswanderung im Jahre 622 von Mekka nach Medina wurde der Prophet vom Verkünder einer göttlichen Botschaft sehr bald auch zum weltlich-politischen Führer einer allmählich wachsenden Gemeinde. Dass dieses Gemeinwesen kein "Staat" im modernen Sinne des Begriffes war, heißt nun aber nicht, dass der Prophet an der Spitze dieses Gemeinwesens nicht politisch agierte, wie Khorchide suggeriert. Schon die zwischen Muhammad als Sprecher der aus Mekka Ausgewanderten und den Stammesführern von Medina vereinbarte "Konstitution von Medina" ist ein historisches Zeugnis für die neue politische Rolle des Propheten. Zudem begann 624 in Medina eine Zeit der Gewaltmaßnahmen, in welcher der Prophet Abschied von seiner dialogorientierten Kommunikation mit den Nichtmuslimen nahm. Unterstützt durch autoritative Koranstellen ging er gewaltsam gegen seine Widersacher vor. Khorchide erklärt dies als Verteidigungskriege und Kämpfe gegen Ungerechtigkeiten in Medina selbst, doch das ist mit Blick auf die Quellen nicht zu halten. Als Beispiel erwähnt sei hier nur, dass Muhammad 630 ohne nennenswerten Grund an der Spitze einer Streitmacht gegen Mekka marschierte, obwohl er nur zwei Jahre zuvor einen zehnjährigen Frieden ausgehandelt hatte. Das Scheitern seiner Bekehrungsarbeit führte ferner zum Bruch mit den medinensischen Juden, doch über deren Vertreibung, Versklavung und Hinrichtung verliert Khorchide kein einziges Wort. Ähnlich erging es den arabischen Heiden und Dichtern. Zwar erkennt Khorchide, dass die Reduzierung des Dschihad, des "Heiligen Kampfes", auf den individuellen Kampf gegen die Triebseele nicht funktioniert. Doch will er den Dschihad als bewaffneten Kampf gegen die Nichtmuslime entmilitarisieren, indem er ihn als bloße Verteidigungsmaßnahme und sogar als einen Weg zum Frieden darstellt. Der juristisch-politische Koran der medinensischen Epoche, der als Grundlage für den politischen Islam des Propheten und den Heiligen Krieg dient, etwa in Form der sogenannten "Schwertverse" (Koran 2:191, 9:5, 9:29), wird von Khorchide schlichtweg ignoriert.

Und wie soll man die rasche Expansion des Islams unter den ersten vier Kalifen erklären? Als reine Verteidigungskriege?

"Theologischer Schönheitschirurg"

Trotz einiger mutiger Gedanken auch zur Reform des Islams betätigt sich Khorchide in seinem neuen Buch als "theologischer Schönheitschirurg", der alles entfernt, was einen Schatten auf das Leben des Propheten und die Frühzeit des Islams werfen könnte und seinem Bild vom barmherzigen Islam widerspricht. Und alles Spätere ist für ihn erst recht ein verfälschter und missbrauchter Islam. So schließt er sich letztlich der Heroisierung des Propheten und der Verleugnung der Gewaltgeschichte des Islams an, wie sie auch von seinen konservativen Kritikern gern betrieben wird. Den vermeintlich friedfertigen "wahren Islam" stilisiert er zum Opfer der Geschichte, wohingegen ihn die tatsächlichen Opfer dieser Epoche nicht im Geringsten zu interessieren scheinen.

Die Thesen Khorchides sind eine manipulative Umcodierung der arabisch-islamischen Geschichtsschreibung, die der Entstehung einer kritisch-reflektierenden Erinnerungskultur im Wege steht. Diese historisch unbegründete Inszenierung eines friedfertigen frühen Islams verleugnet die politische Verstrickung des Propheten und den politisch-juristischen Koran als Legitimation für sein Handeln. Der angebliche "Verrat am Islam" dient dazu, die Rolle der ersten Gemeinde des Islams unter der Führung des Propheten zu verschleiern und die Anfänge des politischen Islams als normative Grundlage aus dem kollektiven Gedächtnis der Muslime auszulöschen. Damit entwirft Khorchide zwar ein Gegenbild zum militanten "wahren Islam" der Salafisten, der sich allein auf den medinensischen Koran beruft, bedient sich aber wie sie derselben Methode, nämlich der willkürlichen Selektion von Quellen und der Verzerrung historischer Tatsachen.

So sehr es auch wünschenswert ist, einen friedfertigen Islam zu schaffen, der sich auf die ethisch-moralischen Lehren des Korans beruft, so falsch ist der Weg, das auf der Verleugnung seiner in den Anfängen angelegten Gewaltgeschichte und auf dem Rücken der damaligen Opfer aufzubauen. Khorchide lenkt unseren Blick auf die "guten Seiten" des Islams, wofür wir ihm dankbar sein können, doch benötigen wir heute eine islamische Erinnerungskultur im Rahmen einer aufklärerischen Reform des Islams, die erinnert und nicht verdrängt, die reflektiert und nicht verleugnet. Auf dem Weg zu einem zukunftsfähigen, toleranten Islam müssen wir auch den politischen Islam der Frühzeit auf die Anklagebank setzen und im öffentlichen Raum diskutieren.