Es war in der sechsten oder siebenten Klasse Gymnasium, ich hatte gerade begonnen, Gedichte zu schreiben - oder vielmehr das, was ich dafür hielt -, da entdeckte ich in der Schulbibliothek ein schmales Bändchen. Sein Titel: "Vögel die ohne Schlaf sind". Der Lyrikband einer mir unbekannten Autorin: Doris Mühringer. Auf dem Schutzumschlag kein Foto, stattdessen eine karge biographische Notiz: "Geb. 1920 in Graz. Universitätsstudien in Wien. 1969 Lese- und Vortragsreise durch die USA. Lebt als freie Schriftstellerin in Wien."

Dass ein Dichterleben sich in so wenige Worte fassen ließ, beeindruckte mich. Ich borgte mir den Band und las ihn, besser gesagt: Ich versuchte, ihn zu lesen. Ich hatte einige Mühe damit, sah ich mich hier doch mit Texten konfrontiert, die meiner damaligen Vorstellung von Lyrik so gar nicht entsprachen: kein Schwelgen in Stimmungen, kein Baden im Weltschmerz, kein großer Gesang, stattdessen erratische Anrufungen und Beschwörungen, eine alltagsferne und doch zugleich ungemein nüchterne Sprache ohne jeden Schmuck und Prunk, wie Gebetsformeln einer verschollenen Religion:

"Im Regen/ bin ich gekommen/ ich/ Im Regen/ bin ich gegangen/ ein anderer// War/ der dazwischen im Grünen ging/ ich/ Bin/ der vom Grünen herausgeht/ ein anderer// Fing eine Hindin im Grünen/ heckte und herzte sie:/ ich/ Schlacht’ sie/ teilte und aß sie:/ ein anderer// Aus dem Regen/ bin ich gekommen/ ich/ In den Regen/ bin ich gegangen/ ein anderer"

Ein ferner Klang

Ich gestehe, dass mich diese Verse damals eher befremdeten als begeisterten, und doch war irgendetwas an ihnen, das mich gefangen nahm, ohne dass ich es hätte benennen können, irgendein Ton, ein ferner Klang, der mich aufhorchen ließ, ohne dass ich hätte sagen können, was daran das Besondere war.

Mein Interesse jedenfalls war geweckt, ich verlor die Autorin nie mehr ganz aus dem Blick. Unmittelbar nach der Matura kaufte ich den Band "Reisen wir". Er war 1995, zu Mühringers 75. Geburtstag in ihrem Stammverlag Styria erschienen und bot einen repräsentativen Querschnitt durch alle ihre bis dahin veröffentlichten Gedichtsammlungen - lediglich vier an der Zahl. Was mir im ersten Anlauf nicht gelungen war, das glückte mir nun: einzutauchen in den poetischen Kosmos dieser Autorin, die auf das Weiße zwischen den Zeilen, die Stille hinter den Silben so viel Gewicht legt, dass ihre Worte schwerelos werden.

Zwar könnte ich keines der Gedichte, die in "Reisen wir" versammelt sind, aus dem Stand fehlerlos rezitieren, einzelne Wendungen aber haben sich mir ins Gedächtnis eingeprägt: "Ach, wie war das Leben sonderbar,/ Als ich einmal eine Staatskarosse war", oder, in ganz anderer Tonlage: "Neben mir./ Was atmet?/ Ein Mensch./ Unerreichbar", oder, von einem ähnlichen verhaltenen Pathos getragen: "Nimm deine Traurigkeit, Bruder,/ Hand voller Traurigkeit,/ blase sie über das Meer.// Nimm deine Fröhlichkeit, Bruder,/ Hand voller Fröhlichkeit/ schicke sie hinterher." Verse, die man nicht vergisst, die einem im Ohr bleiben, auch wenn man sie nie gehört, sondern immer nur leise gelesen hat.

Die Prosa Doris Mühringers entdeckte ich erst sehr viel später für mich. In irgendeiner Wühlkiste, ich weiß nicht mehr, wann und wo es war, stieß ich auf den Band "Tanzen unter dem Netz", eine Sammlung von Prosaminiaturen, von Tag- und Nachtstücken, die 1985, just in dem Jahr, in dem die Dichterin den Literaturpreis des Landes Steiermark erhielt, herausgekommen ist. Sämtliche Qualitäten ihrer Lyrik - die Schlichtheit des Ausdrucks, die Reduktion auf nur wenige Worte, die seltsame, spannungsgeladene Mischung aus Gegenwartsferne und wacher Zeitgenossenschaft - lassen sich auch an ihrer Prosa erkennen, nur geht die Autorin hier um einige Schritte weiter, bis an jene Grenze, wo der Schrecken in Gelächter umschlägt und das Gelächter in Schrecken.

Kirchliche Vokabel

Sie spielt mit sprachlichen Webmustern, liefert Übermalungen vertrauter Bilder, bedient sich aus uraltem Formelvorrat. Aus dem Glaubensbekenntnis der katholischen Kirche etwa wird unter ihrer Hand die lakonische Grabrede für einen Künstler:

"Geboren. Nicht von einer Jungfrau. Sehr oft abgestiegen zur Hölle. Hin und wieder aufgefahren in den Himmel, von wo er stets - und stets bald - wieder abstürzte auf die Erde. Schon längst an nichts mehr glaubend, glaubte er zuletzt auch nicht mehr an sich selbst. Und richtete sich im fünfzigsten Jahr seines Lebens. Abgeschieden mit Ehren und Auszeichnungen überhäuft, stand er auf von den Toten."

Eine Renaissance erlebte Doris Mühringers Werk zehn Jahre nach ihrem Tod, im vergangenen Jahr: Überraschend wurde die Ausgabe ihres gesammelten Werks, die Helmuth Niederle 2005 unter dem Titel "Es verirrt sich die Zeit" in einem niederösterreichischen Kleinverlag veröffentlicht hat und die inzwischen längst vergriffen ist, unter die "Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945" aufgenommen, eine von Kurt Neumann und Klaus Kastberger initiierte Buch- und Veranstaltungsreihe, die es sich zum Ziel setzt, den literarischen Kanon der Zweiten Republik kritisch zu durchforsten und seine Ränder neu zu bestimmen.

Doris Mühringer stand zeitlebens immer am Rande und machte nie viel von sich reden, nun aber ist ihre Dichtung plötzlich wieder im Gespräch. Andrea Grill ließ jüngst in einem Essay über die verstorbene Kollegin für die Juli-Ausgabe von "Literatur und Kritik" mit der Bemerkung aufhorchen, Mühringer sei in der Furchtlosigkeit ihres Schreibens eine Autorin für die 2020er Jahre. Man darf also wohl noch manches von ihr erwarten . . .