Wieso Gebrüder Grimm? Die "Ge"-Vorsilbe scheint unausrottbar. Was wie eine eingebürgerte Altertümlichkeit wirkt, ist eine sprachliche Ungenauigkeit, die man gerade dann aufklären muss, wenn es um die Initiatoren des "Deutschen Wörterbuchs" geht. "Brüder" bezeichnet ein Verwandtschaftsverhältnis, "Gebrüder" eine Firmengründung von Brüdern. Beispielsweise hätten die Brüder Schmidt dieselben Eltern, die Gebrüder Schmidt hingegen obendrein denselben Laden für Schiffstaue und Zuckerwatte.

Wobei - in Zusammenhang mit den Brüdern Grimm bekommen die Gebrüder schon wieder einen vielsagenden Beigeschmack: Kein Familienunternehmen ohne schwarzes Schaf. Daraus ist manch eine Fernsehserie gemacht. Warum sollte es in der Märchenfabrik anders sein?

Im konkreten Fall war das schwarze Schaf Ferdinand Grimm. Geboren am 18. Dezember 1788 in Hanau, war er jünger als Jacob (am 4. Januar 1785 geboren) und als Wilhelm (am 24. Februar 1786 geboren) und älter als Ludwig Emil (am 4. März 1790 geboren). Ludwig Emil schlug eine Laufbahn als Maler ein, die anderen drei Brüder waren Germanisten und Sammler von Märchen und Sagen.

Die politische Seite der Märchen

Ferdinand Grimm, gezeichnet von seinem Bruder Ludwig Emil, der als Maler und Kupferstecher Karriere machte. - © wikipedia
Ferdinand Grimm, gezeichnet von seinem Bruder Ludwig Emil, der als Maler und Kupferstecher Karriere machte. - © wikipedia

Die Besinnung auf Volksgut lag im Zug der Zeit, war aber darüber hinaus durchaus auch von politischer Relevanz. Denn das Deutschland unserer Gegenwart besteht, nach einigen Vorläufer-Bündnissen, erst seit 1867. Bis dahin gab es das dominierende Königreich Preußen und zahlreiche zum Teil untereinander verfeindete Fürstentümer - und das Königreich Bayern, das auch als heutiger Freistaat eine Sonderrolle beansprucht.

Wer nun ein zum Reich vereintes Deutschland forderte, benützte als eines der Argumente die gemeinsame Sprache und Kultur der Königreiche und Fürstentümer. Deutsche Märchen und Deutsche Sagen zu sammeln, war damit ebenso ein politisches Bekenntnis wie das Verfassen eines Deutschen Wörterbuchs. Die Germanistik war Unterstützerin der Bestrebungen, ein Deutsches Reich zu bilden.

Nahmen es die Volksgut-Sammler wissenschaftlich ganz genau? Oder erklärten sie auch manches zum Deutschen Volksgut, was sie aus anderen Kulturkreisen zusammentrugen oder gar selbst erfanden? Gesichert ist, dass in der sogenannten Kinder- und Hausmärchen-Sammlung von Jacob und Wilhelm Grimm eine Menge französischer Märchen zu finden sind. Die Grimms gingen mit dem Bildungshintergrund ihrer Zuträgerinnen (es waren überwiegend Frauen) vielleicht sogar absichtlich sorglos um: Was ihnen in deutscher Sprache erzählt wurde, erklärten sie zum deutschen Volksmärchen, auch wenn die Erzählerinnen Städterinnen mit französischem Bildungshintergrund waren.

Immerhin dürften ihre Märchen echte Märchen sein - bei der Volkspoesie-Sammlung "Des Knaben Wunderhorn" dürften die Grenzen fließend sein, was Achim von Arnim und Clemens Brentano nur aufgezeichnet, was sie verfälscht und was sie gefälscht haben.

Doch das nur am Rande - und damit zurück zu den Grimms: Jacob und Wilhelm streifen durchs Land, suchen die kleinen Dörfer und die abgelegenen Bauernkaten auf und lassen sich Märchen erzählen. So werden sie in der Regel dargestellt. Der deutsche Literaturwissenschafter Heiner Boehncke rückt dieses Bild, das ein Spitzweg gemalt haben könnte, zurecht: Jacob und Wilhelm Grimm saßen die meiste Zeit zu Hause und schrieben auf, was ihnen in ihren vier Wänden zugetragen wurde. Sie nützten Zuträger, die man heute als Rechercheure bezeichnen würde.

Der Außenseiter

Einer davon war ihr Bruder Ferdinand. Sie hatten ihn, der immer knapp bei Kasse war, finanziell unterstützt. Im Gegenzug machte er für sie die Sammeltätigkeit vor Ort. Dennoch schweigen Wilhelm und Jacob ihn tot. Ferdinand nämlich war das schwarze Schaf der Familie.

Vielleicht war sein Auftritt beim familiären Weihnachtsfest 1810 auch gar zu drastisch ausgefallen - was kein Wunder wäre, denn im Grunde seines Herzens wollte Ferdinand ja Schauspieler werden. Dementsprechend hatte er sich den Zeitpunkt ausgesucht. Denn Weihnachten bei den Grimms war keine intime innerfamiliäre Feier, sondern ein rauschendes Fest, das bis auf die Straße getragen wurde. Ausgerechnet bei diesem Ereignis also eröffnete Ferdinand der Familie und damit zwangsläufig wohl auch der Öffentlichkeit, dass er homosexuell sei. Welch ein Knalleffekt!

Expressis verbis steht das natürlich nirgends. In den Briefen von Jacob und Wilhelm ist lediglich vom "sonderbaren" Bruder die Rede, der "anders lebte", und Ferdinand selbst klagt über Einsamkeit. Boehncke und der Historiker und Germanist Hans Sarkowicz sind dennoch überzeugt, aus den Andeutungen den richtigen Schluss gezogen zu haben: "Ferdinand war schwul." Für die biedermeierliche Grimm-Familie hätte das jedenfalls genügt, um das schwarze Schaf auszustoßen. Jedenfalls haben sie genau das gemacht - und es verstanden, seinen Namen so gründlich aus der Literaturgeschichte herauszuhalten, dass Germanisten ihn heute, sofern sie ihn überhaupt erwähnen, "den unbekannten Grimm" nennen.

Ferdinand vergolt es mit seinen eigenen Waffen: "Tante Henriette" ist eine Satire auf das Familienleben der Brüder Wilhelm und Jacob, verfasst voller Bizarrerien und Betulichkeiten. Jeder wusste, wer gemeint war. Selten hat eine Bloßstellung mehr Witz versprüht - und mehr Galle.

Jacob besuchte Ferdinand wenigstens, als dieser 1845 in Wolfenbüttel auf dem Sterbebett lag. Wilhelm indessen wollte mit Ferdinand nicht einmal mehr in dessen letzten Stunden etwas zu tun haben.

Heute gilt es, Ferdinand Grimm der Literatur zurückzugewinnen. Boehncke und Sarkowicz haben soeben eine Sammlung seiner Märchen und Sagen herausgegeben - und die lässt staunen. Ferdinand Grimm ist ein überragender Stilist. Seine Prosa ist knapp, geprägt von präziser Wortwahl. Sie wirkt moderner als die Erzählweise seiner Brüder - und schon sie müssen als Stilisten ersten Ranges gelten.

Ein Märchen von Kleist

Ferdinand begeisterte sich für Heinrich von Kleist und schrieb, als wollte er eine Sprache schaffen, die im Gegensatz zu seinem Idol steht und dieses dennoch spiegelt. Denn Grimm schreibt wohl ähnlich durchrhythmisiert wie Kleist, aber er verwendet fast ausschließlich kurze Sätze. Nur selten lässt er die Sprache zu einer Kleist’schen Periode ausschwingen. Über weite Strecken meint man, einen Autor des 20. Jahrhunderts zu lesen - ja, da blitzt auch Ironie und Distanz zum Thema auf. Dieser Grimm-Bruder erfindet einen neuen Märchen-Tonfall, der geradehin zum Symbolismus eine Brücke schlägt.

Und dann kann er’s doch nicht lassen: Er erzählt die Geschichte vom Michael Kohlhaas - eine Hommage, die obendrein einen Vergleich der Erzähltechniken zulässt. Immerhin, diesmal schreibt Grimm selbst. In seine "Volkssagen und Mährchen" hatte er als Reverenz Kleists "Bettelweib von Locarno" im genauen Wortlaut übernommen.

So kommt es, wie in den Fernsehserien: Am interessantesten ist immer das schwarze Schaf der Familie. Ferdinand Grimm - der Pfeffer in der Märchenfabrik der Gebrüder.