Endlich, möchte man sagen. Endlich, mit 80 Jahren, hat Annie Ernaux, die in Frankreich zu den bedeutendsten Autorinnen des Landes zählt, auch im deutschen Sprachraum eine verlegerische Heimat gefunden, nämlich im Suhrkamp Verlag. Der "weibliche Proust", wie Ernaux gern genannt wird, ist also genau dort angekommen, wo ihr männlicher Kollege schon länger zu Hause ist.

"Écrire la vie" heißt eine vorläufige Gesamtausgabe ihrer Texte in Frankreich, das Leben schreiben. Genau das tut Ernaux in immer wieder neuen Anläufen, seit 1974 ihr erster Text erschien - wie alle Bücher von ihr ohne jede Gattungsbezeichnung. Natürlich ist es ihr eigenes Leben, das da geschrieben wird, aber es ist auch das ihrer Umgebung, ihrer Familie, ja einer ganzen Generation. Ernaux’ Projekt einer "kollektiven Autobiographie" hat immer auch eine soziale Komponente, die das Ich in seine Zeit stellt. Und die dieses Ich als in gesellschaftliche, politische, kulturelle Zusammenhänge eingebunden betrachtet.

Der Text einer Welt

"Um meine damalige Lebenswirklichkeit zu erreichen, gibt es nur eine verlässliche Möglichkeit, ich muss mir die Gesetze und Riten, die Glaubenssätze und Werte der verschiedenen Milieus vergegenwärtigen, Schule, Familie, Provinz, in denen ich gefangen war und die, ohne dass ich mir ihrer Widersprüche bewusst gewesen wäre, mein Leben beherrschten. Die verschiedenen Sprachen zutage bringen, die mich ausmachten, die Worte der Religion, die Worte meiner Eltern, die an Gesten und Gegenstände geknüpft waren, die Worte der Fortsetzungsromane, die ich in Zeitschriften las (...). Mich dieser Worte bedienen, von denen manche noch immer mit der damaligen Schwere auf mir lasten, um den Text der Welt, in der ich zwölf Jahre alt war und glaubte, wahnsinnig zu werden, anhand der Szene eines Junisonntags zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen."

Das Ereignis jenes Junisonntags im Jahr 1952 ist eine Art Urszene der Schriftstellerin Annie Ernaux, ein poetischer Urgrund, aus dem ihr Schreiben bis heute erwächst. Was ist damals passiert? Die Eltern, Betreiber eines Ladens mit angeschlossener Kneipe, waren beim Mittagessen in Streit geraten. Der Vater, der zu den Vorwürfen der Mutter lange geschwiegen hatte, fing plötzlich an zu zittern und zu keuchen, packte die Mutter und schleifte sie in die Vorratskammer. Die Tochter Annie floh zunächst panisch in den ersten Stock, doch als ihre Mutter nach ihr rief, lief sie wieder nach unten und sah, wie ihr Vater die Mutter mit der einen Hand an der Schulter oder am Hals gepackt hatte. In der anderen hielt er ein Beil.

Ein Nullpunkt

Die Sache ging zum Glück ohne Blutvergießen aus. Am Ende saßen alle drei wieder in der Küche. Und über den Vorfall, den Beinahemord des Vaters an der Mutter, wurde nie wieder gesprochen. "Es war der 15. Juni 1952. Das erste präzise und eindeutige Datum meiner Kindheit. Davor gibt es nur aufeinanderfolgende Tage und das Datum an der Schultafel oder oben in meinem Heft."

Zwei Fotos (fast unvorstellbar in Zeiten der Digitalfotografie) sind der Autorin geblieben aus diesem Jahr 1952: eines, das sie im Kommunionskleid zeigt, ein anderes, auf dem sie mit ihrem Vater an der Strandpromenade von Biarritz zu sehen ist. Sie zeugen zusammen mit dem traumatischen Elternerlebnis vom Ende der Kindheit und von dem, was diesem Buch den Titel gibt: der Scham über die Welt, aus der sie kommt.

"Es war normal, sich zu schämen, als wäre die Scham eine Konsequenz aus dem Beruf meiner Eltern, ihren Geldsorgen, ihrer Arbeitervergangenheit, unserer ganzen Art zu leben. Eine Konsequenz der Szene des Junisonntags. Die Scham wurde für mich zu einer Seinsweise. Fast bemerkte ich sie gar nicht mehr, sie war Teil meines Körpers geworden. (...) Die Scham ist die letzte Wahrheit. Sie vereint das Mädchen von 1952 mit der Frau, die dies jetzt gerade schreibt."

Das Ich von einst

Ernaux’ Buch über die Scham ist, wie all ihre Bücher, kein erinnerungsseliges Eintauchen in die Vergangenheit, sondern der zutiefst reflektierte, auf äußerste Genauigkeit bedachte Versuch, die Welt der damals zwölfjährigen Annie zu beschreiben. Die Autorin nennt ihr Schreiben "écriture factuelle", eine nichts ausschmückende, manchmal spröde wirkende Annäherung an das Ich, das sie einmal war - immer in dem Bewusstsein: "Es gibt keine wirkliche Erinnerung an sich selbst."

Dieses im Original bereits 1997 erschienene, wie immer bei Ernaux schmale Buch ist ein Schlüsseltext für das Verständnis dieses einmaligen uvres, das hoffentlich irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft auch auf Deutsch gesammelt zu lesen sein wird.