Simon Sailer lockt seine Figuren und Leser kunstvoll in die Irre. - © Sarah Kanawin
Simon Sailer lockt seine Figuren und Leser kunstvoll in die Irre. - © Sarah Kanawin

Ich vermute, Umberto Eco hätte dieses Bändchen geliebt. Simon Sailer leistet in seinem zweiten Buch eine tragikomische Hommage an Zeichensysteme aller Art. Man muss kein Semiotiker sein, um diese Novelle zu entschlüsseln - ein solcher kann man jedoch werden.

Als Berufsleser neigt man dazu, Texten allgemein allerlei Anspielungen und unterlegte Bezüge zu attestieren. Bei Sailers "Die Schrift" kann der verbildete Leser gleich mit dem Namen der Hauptfigur eine solche Vermutung wagen. Dr. Leo Buri ist Ägyptologe und ein ausgewiesener Fachmann auf seinem Gebiet. Doch bereits zu Beginn streut der personale Erzähler Zweifel am Status des Wissenschafters. In der nordischen Mythologie ist Búri der Stammvater aller Götter. Die sprachliche Herkunft des Namens ist das urgermanische buriz, das Sohn oder auch Geborener bedeutet. Doch am Ende der Novelle weiß man nicht, ob Dr. Leo Buri tot ist oder womöglich nie gelebt hat.

Schuld an dieser unglückseligen Entwicklung trägt eine Schrift, die Buri in die Hände gelangt. Geschickt nutzt Sailer die geheimnisvolle Aura, die dieses Manuskript ausstrahlt, um sukzessive eine Atmosphäre der Paranoia zu entwickeln und sein Erzählvorhaben mit kriminalistischer Raffinesse zu unterfüttern.

Die Zugkraft dieser Entwicklung führt zu einer beispiellosen Auflösung der Hauptperson. Auf sozialer wie psychologischer Ebene verliert Buri mehr und mehr die Bezüge. Dieser offensichtliche Gegensatz zur Kernaufgabe des Zeicheninterpreten, der eben Entschlüsselung und Orientierung anstrebt, schafft beim Lesen keinen geringen Lustgewinn. Sailer versteht es, mit wenigen starken Bildern die Hauptfigur zu skizzieren: "Oder er entdeckte etwas, das ihn sichtlich überraschte: einen Aschenbecher, in dem eine Zigarette abbrannte, deren aschene Spitze herunterhing wie der Stab eines Seiltänzers."

Die Beobachtungsgabe und das Verbinden von Bedeutungen stellen zugleich Größe und Niedergang eines solchen Bewusstseins dar. Sailer übertreibt es aber nicht mit den Verweisen, die Geschichte spult flott ab, ohne durch Überfrachtung zu erlahmen. So fallen etwa die Namen der Künstler Marcel Broodthaers und Joseph Kosuth: Zweitgenannter wurde durch die Arbeit "One and three chairs" berühmt (1965). Dabei wurde plakativ die Trinität von Wort, Bild und dem Objekt selbst ins Verhältnis zueinander gesetzt.

Einmal sitzt Buri im Zug eine Frau gegenüber, die "Tausend Plateaus" liest, jene Abhandlung von Deleuze und Guattari, durch welche der Begriff des Rhizoms geprägt wird: eine These, wonach alles mit allem verbunden ist. Für einen vom Verfolgungswahn Gepackten, zu dem Buri auch aus berechtigten Gründen mutiert, sind diese Zeichen geradezu Treibstoff für seine Interpretationen. Obwohl allem Anschein nach die ominöse Schrift die Ursache für die Zerrüttung des Protagonisten ist, hütet er sie wie seinen Augapfel. Gleichzeitig erlebt er Missgunst und Anfeindungen und flüchtet über England schließlich in die Weite der US-amerikanischen Midlands.

Eine spannende Lücke eröffnet die Erzählperspektive. Der personale Erzähler ist auf die zuweilen fragwürdigen Quellen des besten Freundes von Buri, Peter Kneiff, angewiesen. Dieser ist offenbar verstorben, ohne dass wir über die Gründe für dieses Ableben etwas erfahren. Durch die Erzählkonstruktion verbinden wir sein Sterben mit dem unheimlichen Schicksal Buris. Gleichzeitig steht der Erzähler in intimer Nähe zum Protagonisten, wodurch passagenweise eine Intensität entsteht, die meist nur ein Ich-Erzähler zu erzeugen vermag. Formal und inhaltlich leistet damit "Die Schrift" die überzeugende Aussage, dass wahre Rätsel eben vor allem darin bestehen, sie nicht lösen zu können, wir aber zugleich in einem solchen stecken.

Das liebevoll gestaltete Buch beinhaltet tolle Illustrationen von Jorghi Poll und animiert mit Symbolen am Beginn jeder Seite zum ganzheitlichen Betrachten von Zeichen und Zu-Bezeichnendem.