Wenn Ken Follett einen Roman fertiggestellt hat, verordnet er sich erst einmal zwei Wochen Urlaub. Durchgehalten, so erzählt er im Interview, hat er diese 14 Tage nie. Nach spätestens zehn Tagen zieht es ihn wieder an den Schreibtisch. Bei seinem diese Woche auf Deutsch erschienenen Roman "Der Morgen einer neuen Zeit", einer Art Vorspiel zu seiner Kingsbridge-Trilogie, ging es Follett nicht anders. Was auf die Vorgeschichte der "Säulen der Erde" folgen wird, darüber will der 1949 in Wales geborene Bestsellerautor noch nicht sprechen. Dafür aber über die Grenzen von historischer Soziologie und Fiktion, den Lockdown in England und warum für ihn Restaurants schlicht die beste Erfindung der Menschheit sind.

"Wiener Zeitung": Auch imaginierte Orte scheinen eine Anziehungskraft zu haben. Warum zieht es Sie immer wieder nach Kingsbridge?

Ken Follett: All diese kleinen Geschichten und großen Ereignisse, die dort in meinen Büchern geschehen, die passieren auch in der englischen Gesellschaft. Kingsbridge ist dadurch zum Symbol für England geworden - mit allen seinen Problemen und Erfolgen, Stärken und Schwächen. Aber es macht nicht nur mir Freude, über diesen Ort zu schreiben, Kingsbridge hat unglaublich viele Fans unter meinen Leserinnen und Lesern!

Diesmal springen Sie rund 120 Jahre vor den ersten Teil ins Jahr 997. Warum?

Mich hat beschäftigt, wie Kingsbridge wohl war, bevor es eine bedeutende Stadt wurde, wie es gewachsen ist. Also habe ich es mir als winziges Dorf vorgestellt und mich gefragt, was passieren musste, um so einen Ort zu verändern. Diese Entwicklung erzeugt Konflikte. Da sind Leute, die wollen Brücken, Marktplätze und Kathedralen. Und solche, die wollen, dass alles bleibt, wie es ist. Das ist normal - bis heute. Das hat mich fasziniert: vergangene Konflikte aufzuzeigen, die noch immer aktuell sind.

Wie war die Recherche? Über die Zeit um 1000 gibt es ja wenig Quellen ...

Ja, die Angelsachsen haben nicht viele Spuren hinterlassen. Sie haben kaum geschrieben, wenig gemalt und selten Steinhäuser gebaut. Es war also hart, Belege zu finden. Es gibt nur zwei gute Quellen: den Teppich von Bayeux, eine Stickarbeit auf Leinen. Er ist wie ein Comic-Strip, nur 68 Meter lang. Jedes der 58 Panelle zeigt eine Szene der Invasion der Normannen in England 1066. Neben Gefechtsszenen ist auch das tägliche Leben abgebildet. Leute beim Essen, beim Kirchgang, beim Bäumefällen, Leute mit ihren Hunden und Vögeln. Eine kleine Reproduktion davon lag jetzt zweieinhalb Jahre lang auf meinem Schreibtisch und hat mich durch das Buch begleitet. Und da ist dann noch das Wikinger-Museum in Oslo. Dort gibt es Wikingerschiffe, die im Schlamm gut erhalten blieben. Der Besuch dort war sehr inspirierend. Die Schiffe sind unglaublich schön, aber ebenso furchteinflößend.

Wie kann man sich Ihre Arbeit vorstellen? Als die des soziologischen Archäologen oder blumigen Dichters?

Historische Romanschreiber können etwas, was Historikern nur beschränkt möglich ist: Auch wir halten uns an historische Eckdaten. Aber wir dringen dabei in die Gedanken und Gefühle der Menschen ein. Da haben wir beim Schreiben kaum Grenzen. Ich hatte aber auch immer wieder Debatten, bei denen diese imaginierte Innensicht schließlich Historiker überzeugt hat, manche Dinge anders zu sehen. Auch die Imaginationskraft bringt mitunter einiges an historischem Wissen zutage.

Sie starten jedes Projekt mit einem Satz. Wie lautete er diesmal?

Es war diesmal eine Zeit, ein Wendepunkt. Das Jahr 1000 ist das Ende des dunklen Zeitalters und der Beginn des Mittelalters. Eine schreckliche Zeit! Wendepunkte sind immer tolle Momente für einen Roman. Es gibt Konflikte zwischen Altem und Neuem, es gibt Zufriedene und Unzufriedene. Davor gab es ja 500 Jahre keinen Fortschritt. Die Römer hatten immerhin Steinhäuser mit Fußbodenheizung. Die Anglosachsen haben neben diesen Villen Holzhäuser gebaut. Das Mittelalter schließlich ist die Erweckung des heutigen Europas.

Leben wir auch an einem Wendepunkt?

Ich habe viel über Menschen geschrieben, die Freiheiten verlangt haben. Dabei habe ich gesehen: Wir machen Fortschritte. Aber wir gehen dabei zwei Schritte nach vorne und wieder einen zurück. So wie in den 1960ern, da wurde alles liberaler. Da gab es echten Fortschritt. Aber dann wurden Robert Kennedy und Martin Luther King ermordet und wir hatten Nixon als Präsidenten. Es sah aus, als wäre alles umsonst gewesen. Das war es aber nicht. Es war nur ein kleiner Schritt zurück. Ich hoffe, dass wir auch gegenwärtig so eine Phase erleben: einen kleinen Rückschritt. Ist es das nicht, haben wir ein Problem.

Können Sie sich vorstellen, ein Buch in der Gegenwart spielen zu lassen?

Sicher. Das Problem beim Schreiben über heutige Krisen ist nur: Wir kennen das Ende nicht. (lacht) Ein Roman ist von Spannungen getrieben, die gelöst werden müssen. Es muss kein Happy-End sein, aber ein Ende. Ein Buch, das etwa ein imaginäres Ende des Nahostkonfliktes zum Thema hätte, würde 50 Prozent der Menschen vor den Kopf stoßen.

Was reizt Sie an Ihrem Stamm-Genre, dem Historischen Roman?

Er zeigt auf, wie gewöhnliche Menschen Geschichte mitgeschrieben haben, und macht historische Begebenheiten erfahrbar. Es sind ja nur selten Naturkatstrophen, die Geschichte schreiben, meist sind es Menschen. Der Historiker sagt, eine Schlacht wurde verloren. Der Romanschreiber zeigt auf, wie das aus dem Blickwinkel der Kämpfenden ausgesehen hat. Das ist der Charme eines Romans gegenüber einem Geschichtsbuch.

Dienen Ihnen heutige Figuren als Vorlage für die historischen Charaktere?

Menschen haben sich in 1000 Jahren nicht so stark verändert. Sie trugen im Mittelalter die selben Gefühle tief in ihren Herzen. Ihre Hoffnungen und Ängste müssen auch um Liebe und Heirat, Familie und Kinder, den Lebensunterhalt und Macht gekreist sein. Was das betrifft, waren Menschen einander heute und vor 1000 Jahren sehr ähnlich. Und auch wenn die Regeln von Gesellschaften sich stark gewandelt haben, eines gab es immer: Frauen und Männer, die gegen diese Regeln rebelliert haben. Sie sind die Helden meiner Bücher.

Haben Sie schon einmal versucht, eine Kurzgeschichte zu schreiben?

Ein oder zwei, es ist nicht meine stärkste Form. Eine dieser Geschichten ist auf Französisch erschienen. Es ist ein Märchen und niemand möchte es im Rest der Welt veröffentlichen.

Wie ist die Stimmung in England?

Wir sind dem Virus nicht so erfolgreich begegnet wie andere. Der Grund: Es ist ein wissenschaftliches Problem, bei dem man logisch denken muss, basierend auf Fakten. Wir haben ein Parlament, das den Brexit durchgezogen hat, indem es Fakten ignoriert hat. Es wird weniger Bürokratie geben, die Wirtschaft wird profitieren: Experten haben gesagt, das wird alles nicht passieren. Aber die Brexiters meinten: Wir mögen keine Experten. Expertise zu ignorieren, hat unsere Regierenden an die Macht gebracht. Mit dieser Haltung lässt sich keine Pandemie bekämpfen.

Wie haben Sie den Lockdown erlebt?

Mein Tagesablauf war der selbe wie die vergangenen 40 Jahre.

Gehört Social Distancing also zur DNA eines Schriftstellers?

Ja, ich rede nicht gerne mit Menschen (lacht). Ich habe im hektischen Newsroom einer Zeitung angefangen, ich kann überall schreiben. Aber normalerweise sitze ich in meiner Bibliothek. Was mir fehlt, ist mit Freunden ins Restaurant zu gehen - eine der genialsten Erfindungen der Menschheit. Man sitzt an einem Tisch, mit Freunden oder Familie und bekommt Flaschen mit Wein und Teller mit Essen gebracht. Ist das nicht großartig?

Vermissen Sie Ihre Blues-Band?

Und wie. Kurz vor dem Lockdown hatten wir noch ein Band-Konzert. Es kamen 25 statt 200 Zuhörer. Ein Horror für jede Band, aber wir haben sie alle niedergespielt.