Wie bereitet man als Kinderbuchautor den Boden für eine Geschichte, in der es um Freundschaft, Vertrauen und Fantasie gehen soll? Nun, als erstes verpflanzt man einmal den Hauptdarsteller aus seiner gewohnten, geborgenen Umgebung irgendwo anders hin, wo er sich total fehl am Platz fühlt. In diesem Fall ist es der zwölfjährige Luis Waldemar Kessler, der aus dem geliebten Berlin nach der Trennung der Eltern mit seiner Mutter irgendwo in einem bayrischen Kaff landet, weil sie dort einen neuen Job findet. Und während er sich daheim als Mathematik- und Astronomie-Nerd unter seinesgleichen recht kommod eingerichtet hatte, bekommt er es jetzt mit der örtlichen Dorfjugend zu tun, die Eishockey auf dem zugefrorenen Weiher spielt (gefährlicher geht's gar nicht mehr, findet seine übervorsichtige Mutter) und Luis, nachdem er wegen seines zweiten Vornamens geneckt wurde, in Folge eines peinlichen ersten Auftritts in der neuen Klasse, bei dem sein Fahrradhelm und sein ihm peinlicher dicker Anorak eine wichtige Rolle gespielt haben kurzerhand den Spitznamen Helmtrude verpasst. Und als ob das nicht alles schon schlimm genug wäre, muss er in der Schule ausgerechnet neben der als eigenartig geltenden Außenseiterin Lena sitzen und wird daheim von einer Zahnfee terrorisiert. Luis hat es nämlich doch irgendwie geschafft, zu den Wildschweinen (wie sich die Eishockeymannschaft nennt) aufs Eis zu kommen, um schon in der ersten Minute einen Zahn ausgeschlagen zu bekommen. Der liegt nun aber im Vereinsheim am Weiher, sodass ihn die Zahnfee nicht bekommt.

Reichlich absurd, das Ganze, zugegeben. Aber ungeheuer lustig geschrieben. Und mit dieser Ausgangsbasis hat Autor Thomas Winkler die Grundlage für eine Geschichte geschaffen, in der Freundschaft eine ebenso große Rolle spielt wie Fantasie. Für Letztere sorgt die Zahnfee, die übrigens neben Luis auch Lena sehen (aber nicht wie er hören) kann, für Erstere sind neben Lena natürlich auch die Wildschweine zuständig. Denn auf den zweiten Blick entpuppt sich die Gang als wilder, aber liebenswerter Haufen (der den Spitznamen Helmtrude übrigens gar nicht böse gemeint hat).

200 Seiten lang stolpert Luis also durch irrwitzige Situationen, wobei ihm Lena mehrmals aus der Patsche hilft, bis es an ihm ist, sie zu verteidigen. Und ja, hier ist der moralische Zeigefinger des Autors recht weit oben in der Luft - aber weil er gleichzeitig die verbale Ghettofaust für Luis und die Wildschweine macht, fällt es nicht so sehr auf. Dazu kommt noch das Thema Familie und Trennung. Und weil auch der Humor nicht zu kurz kommen darf, ist einerseits die Zahnfee herrlich abgedreht und andererseits Luis einfach zu bemitleiden, wenn er im Umgang mit ihr seine ganze Rationalität zusammenzupacken versucht und sich mit der Frage auseinandersetzt, wie das physikalische Prinzip von Schallwellen mit dem Fakt zusammengeht, dass nur er sie hören kann. Vernunft scheitert hier an Fantasie, könnte man sagen. Und zum Ende hin wird es dann noch richtig aufregend, wenn Luis und Lena seinen Zahn stehlen, damit die penetrante Zahnfee endlich ihren Seelenfrieden hat.

Zeichner Daniel Stieglitz umrahmt das Ganze in comichaften Illustrationen, die mindestens genauso viel Witz haben wie Thomas Winklers Text. Bleibt die Frage, was am Ende eigentlich aus Luis' Zahnlücke wird. Aber das ist eine andere Geschichte, die vielleicht in einem Folgeband erzählt wird.