Das Telefon klingelt, mitten in der Nacht. Sie nehmen ab und mit Ihnen spricht ein Toter, der Sie bittet, ihm Zigaretten zu besorgen. War diese Begegnung der besonderen Art nun Halluzination oder Wirklichkeit? Zumindest dem Ich-Erzähler in Antonio Fians neuer Zusammenstellung von Kurzprosa passieren gleich mehrere solcher surrealer Geschehnisse. Einmal bekommt ein Mann ein Kind samt einschießender "Vatermilch", ein andermal schmiegt sich ihm abseits einer Geburtstagsfeier eine freundliche Riesenschlange um seinen Hals. Was der 1956 in Klagenfurt geborene Schriftsteller mit seinen "Nachrichten aus einem toten Hochhaus" vorlegt, ist kafkaesk im klassischen Sinne. Stets beginnen seine Geschichten im wahren Leben, um dieses dann binnen weniger Sätze mehr und mehr zu verfremden.

Nicht selten steht dabei er selbst als fiktionalisierte Schriftstellerfigur im Vordergrund. Warum? Weil es bei all dem Spuk, all den Verschiebungen und Überzeichnungen, doch immer um eines geht: die Funktion des Schreibens. Es soll die Realität nicht bloß abbilden, sondern sie permanent überwinden. Oder, wie es ein gleich mehrfach zitierter Satz des von Fian verehrten Werner Kofler ausdrückt: "Kunst muss die Wirklichkeit zerstören, so ist es, die Wirklichkeit zerstören, statt sich ihr zu unterwerfen."

Indem die Miniaturstorys häufig von Treffen mit Toten oder deren nicht verebbenden Stimmen erzählen, sprengen sie insbesondere die Grenze zum Jenseits. Literatur avanciert dadurch zu einem Möglichkeitsmedium. In ihr wird erfahrbar, was das alltägliche und profane Dasein ansonsten nicht zulässt - allen voran die Integration des Todes, der in einer nach ewiger Jugend und permanenter Optimierung des Körpers strebenden Gesellschaft zu einem kläglichen Tabu geworden ist. Fian zeigt auf tröstliche Weise, dass das Ende der physischen Existenz nicht den Sturz in den dunklen Orkus bedeutet. Auf das Sterben folgt lediglich ein Anderssein.

Damit die Verbindung mit den Toten gelingt, bedarf es eines aktiven Gedächtnisses. Nicht zuletzt aus diesem Grund versammelt der Autor in seinen Texten auch bereits verstorbene Schriftsteller. So zum Beispiel Elfriede Gerstl. Bereits 2009 verschieden, teilt sie dem Ich-Erzähler in einer Menschenansammlung mit, dass lediglich ihr "Wasserlaib" die Welt verlassen habe und sie sich nun mit dem großen Abschied noch etwas Zeit lassen könne. Es sind diese liebenswerten Würdigungen und die traumwandlerischen Erzählungen, die "Nachrichten aus einem toten Hochhaus" zu seiner bestechenden Wirkung verhelfen.

Schade nur, dass sich zwischen diesen verführenden Lektüreeinladungen auch oftmals banales Gerede findet. Seiten über einen Konferenzstreit zur Frage, ob "Obama" nun aus zwei oder drei Silben bestünde, oder eine sexuelle Begegnung, die in einer gigantomanischen Ejakulation mündet, hätte man sich sparen können. Nichtsdestotrotz: Antonio Fians Werke versprechen Intensität und einen so erhellenden wie weitreichenden Blick auf die menschliche Existenz.