Wie findet man Freiheit, Heimat, Identität? Einfache Antworten gibt es keine bei Sandra Gugić. - © APAweb / Dirk Skiba
Wie findet man Freiheit, Heimat, Identität? Einfache Antworten gibt es keine bei Sandra Gugić. - © APAweb / Dirk Skiba

Biljana Banadinović heißt jetzt Billy Bana, ist erfolgreiche Künstlerin und Fotografin, viel unterwegs, eine moderne Nomadin, und lebt mit ihrer Galeristin in einer lesbischen Beziehung. Mit der Welt ihrer Herkunft hat sie nicht mehr viel zu tun - sie stammt aus einer Gastarbeiterfamilie, die irgendwann Ende der 1970er Jahre aus dem damaligen Jugoslawien nach Wien kommt und sich dort mühsam eine Existenz aufbaut.

Ihr Vater Sima findet Arbeit bei der Wiener Stadtgärtnerei, die Mutter Azra schuftet als Köchin und in einer Reinigung, und aus dem Überleben wird nur ganz allmählich ein Leben: "Azra und er hatten gespart und über die Jahre Rate für Rate bezahlt, um sich die Wände leisten zu können, die sie heute umgaben. Diese Räume, die sie gemeinsam gewählt, renoviert und eingerichtet hatten. Sie hatten sich jeden dieser Räume erarbeitet. Die Freiheit, Türen zu haben, die man hinter sich schließen konnte."

Familienbegräbnis

Biljanas Freiheitsvorstellungen sind freilich andere. Mit 16 reißt sie von zu Hause aus, weil sie ihr eigenes Leben führen will, und bricht sogar den Kontakt zu ihrem jüngeren Bruder Jonas Neven ab. Der macht sich irgendwann auch davon, in dem Glauben, irgendwo in Serbien sein wahres Ich zu finden, und ist seither verschollen. Nun ist auch der Vater gestorben, Billy ist unterwegs nach Belgrad, wo er bestattet werden will, und dort werden sich die beiden Überlebenden der Familie, Mutter und Tochter, treffen.

Sandra Gugić, die 2015 mit "Astronauten" als Roman-Autorin debütierte, hat einen Generationenroman geschrieben, den man dem derzeit boomenden Genre der "Migrantenliteratur" zurechnen könnte (man denke nur an die jüngst sehr erfolgreichen Bücher von Saša Stanišić oder Marko Dinić), aber das würde dieses sehr kluge, sehr elegant geschriebene Buch allzu sehr verkürzen.

Natürlich geht es um Zugehörigkeit und Integration, um die Frage nach Identität und dem Leben zwischen den Welten. Und natürlich spielt die Geschichte Jugoslawiens dabei eine besondere Rolle: der Zerfall dessen, was für die Eltern Heimat war, die plötzliche Aufteilung in ethnische Raster (wenn plötzlich wildfremde Menschen anrufen und fragen: "Seid ihr Serben oder Kroaten?"), der erbitterte "Nachkrieg um Erinnerung und Bewältigung". Oder kurz gesagt: "Was heißt es, aus einem Land zu kommen, das es nicht mehr gibt?"

Gugić verlegt all diese Fragen gekonnt in die familiäre Geschichte und Konstellation, und ihr gelingt damit ein Familienroman, der seine enorme Vielschichtigkeit nie zur Schau stellt, sondern ganz subtil vermittelt. Das gelingt auch deshalb, weil Gugić aus der Perspektive aller vier Familienmitglieder erzählt (wobei der Bruder nur im Medium von Tagebuchaufzeichnungen selbst zu Wort kommt). Zudem laufen verschiedene Zeit- und Erinnerungsebenen kunstvoll ineinander.

"Wir leben alle in unserer eigenen Version der Wahrheit", erklärt Billy ihrem Bruder, doch auch sie selbst, deren Sicht den Roman insgesamt dominiert, hat mit den eigenen Lebenslügen zu kämpfen. Es gibt in dieser Familiengeschichte keine Guten und Bösen, keine fröhlichen Großeltern oder versagenden Eltern, keine Kinder, die es endlich geschafft haben. Zorn und Stille sind eine Art Yin und Yang der Banadinovićs, entgegengesetzte Kräfte, die mal gegeneinander, mal miteinander arbeiten und die bei allen Beteiligten vor allem nach einem streben: nach Freiheit und Glück. So wie die Eltern Freiheit und Glück in Wien suchten, weit weg von den Prügeln und den verweigerten Träumen der Heimat, so suchen die Kinder ihr Glück fern dieser Welt: die Tochter im Bruch mit den Traditionen und der Sohn am vermeintlichen Herkunfts- und Sehnsuchtsort Serbien.

Glücklich werden

"Alles, was wir machen, absolut alles, machen wir nur, um glücklicher zu werden. Auch wer sich umbringt, macht es, weil er glaubt, im Tod glücklicher zu sein." Jonas Neven sagt das zu seiner Schwester, als er sie einmal, kurz vor seinem Verschwinden, in Berlin besucht, und wir ahnen am Ende, wohin er sich aufgemacht hat. Es ist ein kleines, brüchiges Glück, das den Menschen in diesem Roman zuteilwird, nie endgültig erreicht und doch das Einzige, was das eigene Leben vorantreibt.

Sandra Gugić erzählt eindringlich und doch ohne das oft überbordende Sprachgetöse ihres Erstlings vom "Schmerzgedächtnis der Fragen". Dass sie die Antworten auf diese Fragen nicht gibt, ist die vielleicht größte Leistung dieses Romans. Dass er weder beim Österreichischen noch beim Deutschen Buchpreis den Weg auf die Longlist gefunden hat, ist deshalb nicht wirklich zu verstehen.