Aus Anlass des 50. Todesjahres von John Dos Passos ist die USA-Trilogie in der Neuübersetzung von Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl im Rowohlt Verlag erschienen.
Aus Anlass des 50. Todesjahres von John Dos Passos ist die USA-Trilogie in der Neuübersetzung von Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl im Rowohlt Verlag erschienen.

"USA" - so lautet der Titel der monumentalen Romantrilogie von John Dos Passos. Die drei Romane dokumentieren die konfliktgeladene Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika im frühen 20. Jahrhundert. Sie protokollieren die rasante Entwicklung des Landes zur politischen, technischen und kulturellen Großmacht vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg. Ihr Fokus liegt auf den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Spannungen in der Zeit des industriellen Aufstiegs und demokratischen Verfalls der amerikanischen Nation.

Die Einzelbände - "Der 42. Breitengrad" (1930), "1919" (1932) und "Das große Geld" (1936) - erschienen im Laufe von sechs Jahren und wurden erstmals 1938 gemeinsam in Buchform veröffentlicht. Bis heute gilt die USA-Trilogie nicht nur als ein Meilenstein der modernen amerikanischen Literatur, sondern auch als das Hauptwerk des vor 50 Jahren verstorbenen Schriftstellers.

John Roderigo Dos Passos wurde am 14. Jänner 1896 in Chicago geboren. Dorthin hatte sich Lucy Addison Sprigg Madison, eine Witwe aus einer wohlhabenden Familie in Virginia, begeben, um ihre außereheliche Schwangerschaft zu verheimlichen. John Randolph Dos Passos war ein verheirateter Jurist portugiesischer Abstammung, der es durch seine erfolgreiche Vertretungs- und Vermittlungstätigkeit für mächtige Kapitalgesellschaften zu beträchtlichem Einfluss, Ansehen und Vermögen in New York gebracht hatte.

Kindheit in Europa

Um der sozialen Ächtung in der Heimat zu entgehen, verbrachte Lucy mit ihrem Sohn die nächsten zehn Jahre in Brüssel und London. Nach ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten 1907 besuchte John die private Choate School in Connecticut. Seinem Vater war es erst drei Jahre später möglich, Lucy zu seiner rechtmäßigen Frau zu nehmen und John als seinen leiblichen Sohn anzuerkennen.

Im Anschluss an eine Bildungsreise durch Europa und den Mittleren Osten wurde John Dos Passos 1912 zum Hochschulstudium in Harvard zugelassen. Gegen den väterlichen Wunsch, Rechtswissenschaften zu studieren, belegte er Kurse in Literatur und Architektur. Auf dem Campus verkehrte er in dekadent-ästhetizistischen Studentenkreisen, schloss lebenslange Freundschaft mit dem Studienkollegen Edward Estlin Cummings und verfasste Kritiken und Kurzgeschichten für das Universitätsmagazin "Harvard Monthly".

Als seine akademische Ausbildung beendet war, brach er zu einer mehrmonatigen Studienreise nach Spanien auf. Statt sich ungestört der iberischen Kunst und Kultur zu widmen, wurde er durch zeitgenössische Berichte über den blutigen Stellungskrieg im Nachbarland erschüttert. Aus innerer Betroffenheit meldete er sich schließlich im Juli 1917 zum freiwilligen Sanitätsdienst an die französische Front.

Die Erlebnisse im Ersten Weltkrieg hinterließen bleibende Eindrücke bei John Dos Passos. Im Laufe seiner Einsätze für das Norton Harjes Ambulance Corps in Frankreich und Italien lernte er nicht nur das Leben und Sterben der kämpfenden Soldaten im Feld, sondern auch die Willkür und Gewalt der befehlshabenden Offiziere im Hinterland kennen.

Die massive Brutalität der modernen Kriegsmaschinerie veranlasste ihn zu öffentlich geäußerter Kritik, die ihm eine Haft in einem französischen Gefängnis und eine Verwarnung durch ein amerikanisches Militärgericht eintrug. Aus dieser Erfahrung heraus entstanden später in kurzer Folge zwei autobiographisch gefärbte Antikriegsromane, die beredte Anklage gegen die Erniedrigung und Entmenschlichung durch die Armee in Zeiten eines industriell geführten Krieges erheben. Während "One Man’s Initiation: 1917" (1920) vollkommen unbeachtet blieb, machte "Drei Soldaten" (1921) den Autor über Nacht bekannt.

Freund Hemingways

In den frühen 1920er Jahre lebte und arbeitete John Dos Passos abwechselnd in Europa und Amerika. Mit Ernest Hemingway verband ihn eine enge Freundschaft, seit sich die beiden während ihrer Rettungstätigkeit in Italien begegnet waren. Nach dem Krieg reiste er mit ihm und anderen Exilamerikanern zum Stierkampf nach Pamplona, zum Sonnenbaden nach Cape d’Antibes und zum Skifahren nach Schruns.

John Dos Passos (hier ein Bild aus den 1930er Jahren) war ein aufmerksamer Beobachter seiner Zeit. - © picturedesk.com/Everett Collection
John Dos Passos (hier ein Bild aus den 1930er Jahren) war ein aufmerksamer Beobachter seiner Zeit. - © picturedesk.com/Everett Collection

In New York pflegte er indes Umgang mit den führenden linken Intellektuellen und Künstlern seiner Zeit. Die marxistischen Journalisten Max Eastman, Emma Goldman und Michael Gold verhalfen ihm zur Überzeugung, dass der Schriftsteller eine wichtige politische Funktion in der Gesellschaft zu erfüllen habe. Bald schrieb er nicht nur sozialkritische Essays, Pamphlete und Reportagen für die Monatszeitschrift "New Republic", sondern entwickelte den ehrgeizigen Plan, einen zeitgemäßen Roman über den modernen Überlebenskampf in der amerikanischen Großstadt zu verfassen.

Die Veröffentlichung von John Dos Passos’ "Manhattan Transfer" (1925) sorgte für enormes Aufsehen in der damaligen Literaturszene. Je nach Gesinnung der Leser reichte ihre Reaktion von überschwänglichem Lob bis zu regelrechter Verdammung. Im Mittelpunkt des modernistischen Großstadtromans steht die urbane Atmosphäre von New York. Die drei Abschnitte spiegeln die chronologische Entwicklung der Metropole von der Jahrhundertwende bis zur Mitte der 1920er Jahre.

Jedem der zwölf Kapitel ist eine kurze Einleitung vorangestellt, die mit dem folgenden Textteil thematisch-assoziativ verbunden ist. Auch wenn einige der eingeführten Figuren wiederholt auftauchen, entsteht daraus keine durchgängige Handlungsstruktur. Vielmehr unterstreicht die Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms die Anonymität und Atomisierung unter den Stadtbewohnern. Die eingestreuten Schlagzeilen, Liedtexte und Reklamesprüche vermitteln den wachsenden Einfluss der Massenmedien in der amerikanischen Alltagskultur.

Die späten 1920er Jahre bewirkten eine politische und künstlerische Radikalisierung bei John Dos Passos. Auslöser dafür war der sich zuspitzende Arbeitskampf in der amerikanischen Gesellschaft. Die gewaltsame Unterdrückung von Unruhen in den Fabriken und Betrieben führte dazu, dass sich der Schriftsteller mit der Arbeiterschaft solidarisierte und zusehends als Sozialrevolutionär begriff. So beteiligte er sich an der Neugründung des Politmagazins "New Masses" und arbeitete als Leiter, Autor und Bühnenbildner des expressionistischen New Playwrights Theatre.

Sacco & Vanzetti

Bartolomeo Vanzetti (links) und Nicola Sacco, 1923. - © CC/Boston Public Library
Bartolomeo Vanzetti (links) und Nicola Sacco, 1923. - © CC/Boston Public Library

Im Zentrum seiner Bemühungen stand die Auseinandersetzung rund um den politisch motivierten Prozess gegen die italienischstämmigen Anarchisten Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, die 1921 für vermeintlich begangene Raubmorde zum Tode verurteilt worden waren. Bis zu ihrer Hinrichtung im Staatsgefängnis von Charlestown 1927 engagierte sich John Dos Passos tatkräftig für die Revision des Urteils. Dabei nahm er nicht nur an Streiks vor dem Justizgebäude teil, sondern arbeitete den Gerichtsfall und das Fehlurteil in seiner kontroversiellen Streitschrift "Facing the Chair: Story of the Americanization of Two Foreignborn Workers" (1927) auf.

Eine revolutionäre Grundstimmung beherrschte John Dos Passos’ Denken und Handeln, als er 1928 an die Konzeption seiner avantgardistischen Romantrilogie ging. Während die antikapitalistische Systemkritik in "Der 42. Breitengrad" noch verhalten formuliert ist, verschärft sie sich deutlich in "1919" und findet ihren vehementesten Ausdruck in "Das große Geld".

In ihrer Gesamtheit ergeben die drei Bände ein vielstimmiges Sittenbild der amerikanischen Gesellschaft von 1890 bis 1930. Zwölf Haupt- und unzählige Nebenfiguren treten in verschiedenen Konstellationen an unterschiedlichen Schauplätzen in Amerika und Europa auf. Strukturell ist der radikal innovative Aufbau aus vier komplementären Textsorten bemerkenswert: Neben den narrativen Teilen gibt es collageartige Wochenschauen aus authentischen Zeitungsberichten, impressionistische Betrachtungen eines Ich-Erzählers und satirische Kurzbiographien bedeutender Persönlichkeiten der Epoche.

Konservative Wende

Mit dem Erscheinen der USA-Trilogie trat eine allmähliche Veränderung im Leben und Werk von John Don Passos ein. Noch 1931 hatte er den Ausstand der Kohlearbeiter in Harlan County aktiv unterstützt und 1935 am ersten Schriftstellerkongress der kommunistischen League of American Writers prominent teilgenommen. Doch nach einer Studienreise in die UdSSR, dem Bekanntwerden der stalinistischen Schauprozesse in Moskau und den Enttäuschungen mit der sowjetisch dominierten Volksfront im Spanischen Bürgerkrieg wandte er sich zunehmend konservativen Positionen zu. Statt seine Stimme wie bisher für progressive Kandidaten im Wahlkampf zu erheben, warb er fortan für die republikanischen Präsidentschaftskampagnen von Barry Goldwater und Richard Nixon.

Auf die ideologische Neupositionierung des Autors folgte eine schöpferische Umorientierung. Bereits die Romanbände seiner "District of Columbia"-Trilogie - "Adventures of a Young Man" (1939), "Number One" (1943) und "The Grand Design" (1949) - belegten die Abkehr von experimentellen Ausdrucksformen und den Einsatz konventioneller Darstellungsmittel. In späteren Romanen, Historien, Biographien und Essays griff er auf bekannte Themen und Personen aus der amerikanischen Geschichte zurück.

Auch wenn Kritiker die nachlassende Originalität seiner Literatur beklagten, wurde er 1948 in die American Academy of Arts und Letters aufgenommen und 1967 für sein Lebenswerk mit dem renommierten Antonio-Feltrinelli-Preis ausgezeichnet. Schriftstellerisch tätig blieb John Dos Passos bis zu seinem Tod am 28. September 1970 in Baltimore.