Jules Verne und Wernher von Braun, das sind wohlvertraute Namen. Der Name des Franzosen ist untrennbar verbunden mit berühmten Science-Fiction-Romanen; der Name des Deutschen mit der Geschichte der Raumfahrt und dem ersten Flug zum Mond. Bei Hermann Oberth ist die Suche nach unübersehbaren Spuren im kollektiven Gedächtnis der Menschheit schon schwieriger. Wofür genau ist der eigentlich bekannt? Und in welchem Land wurde er geboren?

Daniel Mellem hat nun einen Roman über den Raketenpionier Hermann Oberth geschrieben, der 1894 im heutigen Sibiu in Rumänien geboren wurde, das damals noch Hermannstadt hieß und zu Österreich-Ungarn gehörte. Es ist ein packendes Porträt geworden, in dem Oberth als logisches Verbindungsglied zwischen Jules Verne und Wernher von Braun dargestellt wird, und darüber hinaus ein eindrucksvolles Panorama des beschleunigten 20. Jahrhunderts, in dem nicht nur die namenlosen Akteure der Weltgeschichte, sondern auch deren Protagonisten immer wieder von der explosiven Kraft des Fortschritts auf den Boden geschleudert und zerschmettert werden.

Gefährliche Versuche

Max Valier etwa, so wie Oberth ein Pionier der Raketentechnik, verliert 1930 bei der Explosion eines Versuchstriebwerks sein Leben, das er zuvor schon als Pilot von Raketenautos aufs Spiel gesetzt hatte. Und auch Oberth, der nie als Passagier ein Raketenfahrzeug besteigt, kommt nicht ungeschoren davon: Mehrmals versengen ihm Explosionen bei seinen Experimenten das Gesicht. Und es trifft ihn noch schlimmer: Eine seiner Töchter stirbt, als ein Raketenprüfstand explodiert. Oberths Leben scheint mehr von Rückschlägen und Katastrophen geprägt als von Erfolgen gekrönt.

Schon der Auftakt der Laufbahn misslingt geradezu symptomatisch: Die selbst gebastelte und am Friedhof vor aufdringlich neugierigen Mitschülern gezündete Rakete explodiert bereits beim Start, Grabschmuck fängt Feuer, und die jungen Zuschauer amüsieren sich: "Der Hermann hat den Friedhof abgefackelt!"

Oberth, Sohn eines angesehenen Arztes, ist schon als Kind ein Einzelgänger, die Gemeinheiten der Massen sind ihm ein Graus, er liest lieber Romane von Jules Verne, hängt eigenen Träumen nach, bleibt von seinen Zeitgenossen meist unverstanden. Auch während seines Studiums in Deutschland, Anfang der 1920er Jahre in Göttingen, findet er keinen Doktorvater für seine Dissertation. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als ohne Abschluss nach Rumänien zurückzukehren und dort am Gymnasium zu unterrichten. Eine Arbeit, der er ohne erkennbare Ambition nachgeht: Er überlässt seine Schüler oft sich selbst, stellt sich ans Fenster und schaut in den Himmel.

Dort sind, nach wie vor, auch seine Gedanken und seine Hoffnungen. Seine nicht angenommene Doktorarbeit hat er 1923 auf eigene Kosten drucken lassen. Und dieses Buch, "Die Rakete zu den Planetenräumen", findet auch Beachtung. Während der junge Familienvater in Rumänien als Lehrer sein Brot verdient, seine Frau und seine Kinder vernachlässigt und unter primitivsten Bedingungen weiterhin eifrig an seinen Raketen bastelt, etabliert sich in Deutschland eine kleine Gesellschaft von Gleichgesinnten, die Oberth als Pionier anerkennen.

Arbeit für den Film

Als dann Ende der 20er Jahre der berühmte Regisseur Fritz Lang "Die Frau im Mond" plant, einen der letzten Stummfilme der UFA, engagiert er Oberth als Berater. Er soll dabei helfen, einen realistisch wirkenden Raketenstart auf Zelluloid zu bannen - und außerdem, zu Werbezwecken, eine echte Rakete bauen und in den Himmel steigen lassen. Im Film gelingt der Raketenstart glänzend. Lang hat, aus dramaturgischen Gründen, eigens dafür eine neue Zählweise erfunden: den Countdown.

Die echte Rakete, die zur Premiere des Filmes starten soll, wird hingegen nicht fertig. Oberth, der Tag und Nacht daran gearbeitet und auch sein eigenes Geld verpulvert hat, muss, zum zweiten Mal als Gescheiterter, nach Rumänien zurück. Folgenlos bleibt sein Aufenthalt in Deutschland aber auch dieses Mal nicht. Ein junger Student, der Oberth beim Bau der Rakete eifrig unterstützt hat, macht sich diese Erfahrungen zunutze: Wernher von Braun. Er wird, nur wenige Jahre später, nicht einmal 30-jährig, technischer Direktor in der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde. Und entwickelt dort "Aggregat 4", jene Rakete, die im Juni 1944 erstmals eine Höhe von über 100 Kilometer erreicht. Ab September 1944 werden diese Raketen, von Joseph Goebbels in "Vergeltungswaffe 2" umgetauft, dann auf London und Antwerpen gefeuert.

NS-Verstrickungen

Hermann Oberth (vorne) und Wernher von Braun (2.v.r.) 1956 in der Army Ballistic Missile Agency in Huntsville, Alabama. - © Nasa
Hermann Oberth (vorne) und Wernher von Braun (2.v.r.) 1956 in der Army Ballistic Missile Agency in Huntsville, Alabama. - © Nasa

Welche Rolle hat Hermann Oberth, der von 1941 bis 1943 unter dem Decknamen Fritz Hann in Peenemünde tätig war, bei der Entwicklung dieser Waffe gespielt? War er in die Verbrechen der Nazis verstrickt? Warum sind er und von Braun ab 1943 wieder getrennte Wege gegangen? Und weshalb haben sich 1955 in Alabama, im "Army Ballistic Missile Center" in Huntsville, einer der Vorläuferorganisationen der Nasa, ihre Wege wieder gekreuzt?

Daniel Mellem, der den Spuren von Hermann Oberth von dessen Kindheit bis ins Jahr 1969 folgt, bis zum Start der Apollo-11-Mis-sion zum Mond, beleuchtet in seinem klug konzipierten Roman die Motive seines zeitlebens in allen Kontexten - beruflich, privat und politisch - zwischen Idealismus und Pragmatismus hin und her gerissenen Protagonisten. Und er stellt dabei, ohne erhobenen Zeigefinger, nicht nur ein-, sondern vielmehr unzählige Male die Frage nach dessen Verantwortung.

Diese beharrliche und behutsame Herangehensweise besticht. Sie legt allerdings auch nahe, dass es, um die Summen der Verdienste und Verfehlungen eines einzigen Menschen präzise zu bestimmen, mehr als nur des Rechenaufwandes eines bemannten Fluges zum Mond samt sanfter Landung auf diesem bedarf.