Feuer und Eis – dieses eigentlich sehr klischeehafte Wortpaar bedient die meisten Multimedia-Shows, TV-Dokus und Bildbände, die Island zum Thema haben, die von Vulkanen und Gletschern geprägte Insel am nordatlantischen Rand Europas.

Das aktuelle Buch des isländischen Literaturwissenschafters, Autors und Umweltschützers Andri Snær Magnason trägt hingegen ein anderes, weniger romantisch klingendes Wortpaar im Titel: Wasser und Zeit. Ist es angesichts des Klimawandels lediglich eine Frage der Zeit, bis Islands Eis als Wasser davonschwimmt? Der Autor ist davon überzeugt und untermauert dies mit sachlich fundierten Argumenten, die zwar weitgehend unaufgeregt, aber dennoch eindringlich rüberkommen. Er kann dabei auf familiäre Erfahrungen zurückgreifen, war doch einer seiner Großväter von Jugend an seit den 1950er Jahren engagiertes Mitglied beim Gletscherforschungsverein.

Andri Snaer Magnason ist Literaturwissenschafter, Autor und Umweltschützer. - © Ari Magg
Andri Snaer Magnason ist Literaturwissenschafter, Autor und Umweltschützer. - © Ari Magg

Familiär beginnt Andri Snær Magnuson den Bogen seiner Ausführungen, indem er seiner zehnjährigen Tochter in einem Rechenbeispiel vor Augen führt, dass sie über ihre Vor- und Nachfahren mit einer Zeitspanne von 1924 bis ins Jahr 2186 in Verbindung steht. Dann er lässt seine Großeltern anhand vieler Fotos erzählen, wie sie Gletscher und Hochland damals erlebten und erfuhren – inklusive Hochzeitsreise(!) auf den Vatnajökull. Und später, in jüngerer Vergangenheit die Zerstörung der intakten Umwelt im unbewohnten Landesinneren. So wurde zur Gewinnung von billigem Strom für die Aluminiumproduktion die Hochebene Kringilsárrani mit dem Kárahnjúkar-Staudamm "zugestöpselt" und so ein Megakraftwerk errichtet. Doch stelle die Alu-Fabrik nur einen Bruchteil dessen her, was Amerikaner an Alu wegwerfen, kritisiert er. Es lande allein durch Wegwerf-Dosen so viel Aluminium auf dem Müll, dass dieses für die vierfache Flugzeugflotte der USA reichen würde. Durch Dosen-Recycling ließen sich drei bis vier solcher Fabriken einsparen.

Verschwendung der Ressourcen als Grundübel

Für den Autor stellt die Verschwendung der seitens der Natur vorhandenen Ressourcen das Grundübel dar. So merkt er im Verlauf seiner Ausführungen an: "Ein Reisfeld zu vergrößern, um eine vielköpfige Familie zu ernähren, ist etwas anderes, als einen Teich mit Fischen und Blumen und Nistplätzen zuzubetonieren, um ein Einkaufszentrum oder einen Vergnügungspark zu bauen…"

Themenschwenk. Die zuerst für einen Scherz gehaltene Einladung, den Dalai Lama bei seinem Besuch in Island zu interviewen, nahm Magnuson zum Anlass, sich näher mit tibetischer und hinduistischer Mystik zu befassen; schließlich lebt das geistliche Oberhaupt der Tibeter im Exil in Nordindien. Hierbei ergaben die Recherchen, dass Mythen aus der Edda eine verblüffend ähnliche Entsprechung in Mythen aus dem Himalaya erfahren. Die Weltkuh Auðhumla, die die Welt mit vier Milchströmen nährt – und die Heiligen Kühe Indiens. Und die vier Heiligen Hauptflüsse: Indus, Satluj, Brahmaputra und Karnali, die aus dem Himalaya kommend die vier Himmelsrichtungen mit Süßwasser aus den Gletschern versorgen.

Wie Islands Politiker dem Dalai Lama auswichen

Magnuson lässt nicht unerwähnt, dass wichtige Politiker Islands während des Besuchs des Dalai Lama anderweitige Verpflichtungen vorschützten, um einer Begegnung mit ihm auszuweichen. Das Interview mit dem Dalai Lama erbrachte eine Einladung zu dessen Sitz in Dharamsala, wo sich für den Autor die Gelegenheit zu einem weiteren, noch ausführlicherem Gespräch ergab. In diesen Interviews konnte Magnuson erfahren, wie sehr dem Dalai Lama die Problematik der Klimaerwärmung wichtig ist: "…dass wir letztendlich von der Natur abhängig sind, egal, wie hochentwickelt unsere Technik ist …. Die Zukunft von sieben Milliarden Menschen ist abhängig von der Natur."

Als Klimaziel propagiert wird die Eindämmung des Temperaturanstieges um maximal zwei Grad. Doch was dies eigentlich bedeutet, erläutert der Autor anschaulich an einem Beispiel: "Für den Menschen wird das Leben unerträglich, wenn er ständig 39 Grad Fieber hat…" Und er warnt vor dem "Zusammenfallen des Ökosystems, wenn das Timing von Vogelzug, Schlüpfen und Knospen und Blühen durcheinander gerät … Es ist sinnlos, die Äpfel unter Naturschutz zu stellen, während der Baum gefällt wird… "

Auch am Beispiel von Islands größtem Gletscher Vatnajökull lassen sich die Auswirkungen gut veranschaulichen. Weil dieser im 20. Jahrhundert um zehn Prozent geschrumpft ist, verursachte dies einen Anstieg der Meeresspiegel um einen Millimeter. Das Schmelzen des gesamten Gletschers, dessen Wasservorrat der Niederschlagsmenge von 20 Jahren in ganz Island entspricht, hätte den Anstieg um einen Zentimeter zur Folge.

Kurzlebigkeit und Wegwerfgesellschaft

Auch Müll in all seinen Formen muss Vermeidung erfahren. Hier ortet der Autor im Zuge der technischen Entwicklung die Tendenz zu Schnelllebigkeit und somit auch Kurzlebigkeit, zur Wegwerfgesellschaft. "In Bezug auf die Atmospäre und die Erde sind die größten Entwicklungen der letzten dreißig Jahre Rückschritte."

Ein anderes Problem stellt CO2 dar. Der Ausstoß, veranschaulicht Magnuson am Beispiel des wohl bekanntesten Island-Vulkans, "ist weltweit so hoch, als ob ganzjährig Tag und Nacht 600 Eyarfjallajökulls ausbrechen." Und er kommt zu dem Schluss, "es sei sehr unwahrscheinlich, dass eine CO2-neutrale Welt ein Spiegelbild unserer alten Welt sein wird." Elektroautos hält er nicht für die Lösung. Aber "…wenn jeder sein Auto jeden zehnten Tag stehen ließe, wäre schon morgen eine Reduktion um zehn Prozent möglich, … einmal in der Woche sogar fünfzehn Prozent." Und er stellt die Frage nach zukünftigen Verkehrssystemen in Städten.

Es muss sich also vieles ändern, um die angestrebten Ziele zu erreichen. Diese Schlussfolgerung lässt sich aus Andri Snær Magnusons Ausführungen herauslesen. Denn: Seiner Hoffnung, dass es für unseren Planeten eine Zukunft gibt, verleiht er Worte mit einer Vision, in der seine Tochter im Jahr 2102 als alte Frau das eingangs erwähnte Rechenspiel mit ihren zwölfjährigen Enkelinnen wiederholt.