Ob es das Kleid aus dem Second-Hand-Geschäft ist, das einen grusligen Hintergrund hat, oder das erste edle Duchesse-Kleid, das genau einen Abend überlebt hat, oder das Kleid, das sie gekauft hat, um es wie ein Bild aufzuhängen - denn passen würde es niemals: Mit Kleidung verbindet Elke Heidenreich eine Menge Emotionen und Erinnerungen. Einige davon hat die Autorin nun in dem Buch "Männer in Kamelhaarmänteln" (Carl Hanser Verlag) niedergeschrieben. Den Titel gab dem Buch übrigens die modische Vorliebe ihres Vaters.

Elke Heidenreich (l.) mit ihrer alten Schaufensterpuppe aus Zeiten, in denen diese noch Charakter hatten. - © Hanser/Heidenreich
Elke Heidenreich (l.) mit ihrer alten Schaufensterpuppe aus Zeiten, in denen diese noch Charakter hatten. - © Hanser/Heidenreich

"Wiener Zeitung": Was haben Sie denn gerade an, Frau Heidenreich?

Elke Heidenreich: Ich trage Jeans und einen kornblumenblauen Pullover, der gegen das schlechte Wetter anleuchtet.

Warum haben Sie ein Buch über Kleidung geschrieben?

Ich habe bemerkt, dass mich immer so beschäftigt, was Leute anhaben: Warum wird man, je älter man wird, immer bequemer, warum putzt man sich, wenn man jung ist, so auf, welche Erlebnisse hat man damit, over- oder underdressed zu sein, welche Erlebnisse hat man mit Männern, die so entsetzlich angezogen sind, dass man mit ihnen auch nicht ins Bett will. Mir waren Kleider nie wichtig. Als ich im Fernsehen meine erfolgreichste Sendung gemacht habe, "Lesen!", da hatte ich sechs Jahre lang dieselbe Jacke an, extra, ich wollte diesen Kleiderzirkus nicht mitmachen, diese Modeafferei, jede Woche was Neues, das fand ich immer idiotisch.

Emotionen und Erinnerungen, die mit Kleidung verbunden sind, spielen im Buch eine große Rolle. Etwa ein Hut, den Sie sich gekauft haben, nachdem Sie Ihr erstes Buch fertiggestellt hatten. Gibt es den noch?

Den gibt’s nicht mehr, ich weiß gar nicht, wo der geblieben ist, vielleicht im Fasching verloren. Ich weiß noch, wie er sich anfühlte, der war so samtig, mit Feder dran. Ich hatte damals das Gefühl, ich hab mich jetzt verändert, ich bin jetzt erwachsen, ich bin jetzt Schriftstellerin. Ich brauchte unbedingt irgendwas Schönes, ich hatte Lust auf was Verrücktes, weil ich schon verrückt fand, ein Buch geschrieben zu haben.

Elke Heidenreich hat eine wichtige Botschaft an alle Frauen betreffend Leggings. - © apa/Hans Klaus Techt
Elke Heidenreich hat eine wichtige Botschaft an alle Frauen betreffend Leggings. - © apa/Hans Klaus Techt

Sie schreiben auch über die Ausmist-Päpstin Marie Kondo und ihr Mantra, nur das, was einen glücklich macht, soll man behalten . . .

Ich habe eine Jacke, meine allererste Armani-Jacke, die hab ich vor 35 Jahren gekauft, für mich damals unerschwinglich - die geht nicht mal mehr über den Busen, geschweige denn zu, aber wenn ich sie anhabe, sieht es immer noch an den Schultern und am Kragen so edel aus, dass ich mich nicht trennen kann. Die hängt im Schrank, ich guck sie an und denke, oh Armani! Ich hatte auch jahrzehntelang ein Kleid meiner Mutter, ein altes Seidenkleid, über den Krieg gerettet, über den Tod meiner Mutter gerettet, das hab ich sehr geliebt, aber irgendwann ist es einfach zerfallen und jetzt ist es weg.

Das ist ja mal nachhaltig.

Ich bin sonst nicht so nachhaltig, ich bin oft sehr unüberlegt. Wissen Sie, wenn man auf Lesereise ist, dann hat man so langweilige Tage in so kleinen Städten und da kauft man schon mal sinnlose Sachen, da denk ich nicht sehr an Nachhaltigkeit. Aber jetzt im Laufe der Zeit lernen wir ja, dass ein T-Shirt für neun Euro nicht sein muss.

Eine ziemliche Abneigung haben Sie gegen Overknee-Stiefel . . .

Das find ich ganz furchtbar, warum braucht man Stiefel, die übers Knie reichen, spielen wir Eishockey? Das fand ich immer etwas nuttig. Vielleicht, wenn man 15 ist, aber danach nicht mehr.

Es gibt da aber auch das Phänomen, dass man etwas zwar scheußlich findet, aber je länger einem eingeredet wird, dass es schön ist und je mehr Leute es tragen, desto mehr kann man sich doch selbst drin vorstellen. Wie zum Beispiel bei Leggings . . .

Ich möchte ganz deutlich bitte allen Frauen sagen: Leggings sind keine Hosen, Leggings sind Strümpfe ohne Füße, die zieht man unter ein Kleid oder einen Rock an, wenn die zu kurz sind oder wenn man seine hässlichen Kniekehlen verbergen will, aber Leggings sind bitte keine Hosen! Ich möchte nicht mehr auf diese Riesenhintern gucken, das ist doch entsetzlich, das geht auch nur mit 15, danach nicht mehr.

Also diesem Mode-Phänomen fallen Sie nicht zum Opfer?

Ich ärgere mich so, wenn ich einen weinroten Pullover kaufen will und die Verkäuferin sagt zu mir: Weinrot ist out, jetzt ist alles olivgrün. Da könnte ich die Wände hochgehen. Man muss das ja nicht mitmachen - aber sie zwingen uns. Dann gibt es plötzlich überall nur mehr weiße Netzhemden, das ist doch verrückt. Oscar Wilde hat gesagt, man muss die Mode alle sechs Monate ändern, weil sie so hässlich ist, vielleicht ist es auch das.

Gegen sinnlose Mode haben Sie auch etwas, Kapuzenpullis zum Beispiel . . .

Alle tragen immerfort Kapuzenpullover! Das sehe ich ein, wenn man mit dem Hund in den Wald geht und es regnet. Aber erklären Sie mir mal, warum jemand mit Kapuzenpullover in die Oper geht. Die Musiker haben sich alle feingemacht im schwarzen Anzug, und ich latsch da rein im Kapuzenpulli, ich finde das respektlos. Manche Dinge tut man nicht, man geht nicht auf eine Beerdigung im Supermini mit Superausschnitt. Warum sitz ich dann im Kapuzenpulli im Café und esse Torte? Das muss doch nicht sein. Ich seh da keinen Sinn drin.

Finden Sie, dass Umkleidekabinen gegen die Genfer Konvention verstoßen?

(lacht) Nein, das tun sie nicht. Aber sie sind schrecklich, oft haben sie keine Haken, nur so einen Hocker, von dem alles runterfällt, und wenn sie keinen Spiegel haben und einen zwingen, auf Socken in einem nicht passenden Kleid rauszugehen und sich vor allen Leuten in einem Spiegel draußen zu betrachten, dann finde ich das ziemlich empörend.

Vor einiger Zeit gab es einmal eine feministische Debatte darüber, dass zugenähte Taschen bei Frauenhosen diskriminierend seien. Können Sie mit solchen Interpretationen etwas anfangen?

Warum soll das denn sein, damit die Frau dünner erscheint? Vielleicht sind die Frauen auch zu doof, das aufzutrennen? Heutzutage soll ja alles diskriminierend sein, und das ist schon lächerlich.

Immer öfter nutzen Männer mit bunten oder wildgemusterten Socken die Chance auf ein wenig Individualismus unter der Anzug- oder Jeans-Uniform. Gefällt Ihnen das?

Ich habe einen Freund, der ist so zerstreut, dass er immer zwei verschiedene Socken anhat und manchmal sogar zwei verschiedene Schuhe. Ich finde das auch egal, ich schau auch nicht, wenn ich in den Schrank greife, ob die zusammenpassen, das ist doch ganz lustig, wenn sie verschieden sind, es muss doch nicht immer alles so brav sein.

Bei der Sendung "Shopping Queen", in der man mit einem bestimmten Budget ein Outfit zusammenstellen muss, war das erste Motto nach der Corona-Lockdown-Pause: "Stay safe, stay stylish." Man sollte einen Look rund um die Gesichtsmaske kombinieren. Finden Sie das doof oder gut?

Man sieht das ja überall, manchmal ist es witzig und sieht nett aus, mal ist es blöd. Ich habe eine gesehen mit so aufgemalten Wulstlippen - wenn man mit sowas rumlaufen will... Ich persönlich würde es nicht tun, ich bevorzuge die medizinischen, einfachen Masken, weil ich immer gegen Schnickschnack bin. Aber wer das machen will, soll es machen, Hauptsache, sie tragen eine Maske.

Das bereits eingangs erwähnte Kleid Ihrer Mutter haben Sie getragen, als Sie die Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele 2008 gehalten haben.

Ja, aus Dankbarkeit. Die waren dort alle sehr schick und aufgemotzt, und ich fand mich viel stimmiger. Da hatte ich übrigens die Armani-Jacke drüber an, damit man die Mottenlöcher am Rücken nicht sieht. Ich hatte nicht gewusst, wie groß der Anlass ist, bei dem ich spreche. Im Nachhinein denk ich, ich habe alles richtig gemacht.

Wäre Ihre Mutter denn stolz auf Sie gewesen?

Nein, die wäre nicht stolz auf mich gewesen, die konnte ich nie beeindrucken. Die hätte wahrscheinlich sogar gesagt: "Was hast du denn da für ein Kleid an, hättest du dir nichts Gescheites kaufen können?"