Wie kann man über den Holocaust schreiben, wenn man ihn überlebt hat? Ist man als Überlebende überhaupt qualifiziert, das Grauen zu beschreiben? Ruth Klüger war sich da nicht sicher. Man könne ja als Lebende gar nicht aus der Sicht derer schreiben, die vergast wurden. Welchen Sinn mache das dann? Und doch war es Klüger, die einen der eindrücklichsten Berichte aus der Nazi-Todesfabrik geschrieben hat.

"weiter leben. Eine Jugend", ihre 1992 erschienene Autobiografie, erzählt ihre Jugend in Lebensgefahr. Sie schildert das Leben in Wien, wo sie 1931 geboren wurde, als junges Mädchen, dessen Lebensraum immer enger wird, weil sie als Jüdin immer weniger darf und immer mehr fürchten muss. Mit elf Jahren wird sie gemeinsam mit ihrer Mutter nach Theresienstadt deportiert, 1944 nach Auschwitz.

Ruth Klüger bei einer Rede im deutschen Bundestag 2016. - © APAweb, afp, John MacDougall
Ruth Klüger bei einer Rede im deutschen Bundestag 2016. - © APAweb, afp, John MacDougall

Es gehört zum beklemmendsten der deutschen Literatur, wie sie das stundenlange Stehen bei jedem Wetter, von Hunger und vor allem Durst geschwächt bei den Hof-Appellen beschreibt, überwabert vom Gestank der Krematorien. Oder wie sie dem sicheren Tod nur entkommt, weil sie im zweiten Anlauf die rettende Lüge über die Lippen bringt, sie sei drei Jahre älter und somit zur Zwangsarbeit im Lager Christianstadt brauchbar.

Herausragend macht "weiter leben" auch die schonungslose Beschreibung der komplexen Beziehung zu ihrer Mutter. Klüger war der trockenen Meinung, dass man unter extremen Bedingungen kein besserer Mensch wird. Am Dienstag ist Ruth Klüger mit 88 Jahren in Kalifornien gestorben.

Erinnerungs-Mahnerin

Klüger überlebte den Krieg mit ihrer Mutter, weil sie bei einem Todesmarsch fliehen konnten. 1947 ging sie in die USA. Als Germanistin lehrte sie sowohl in Princeton, in Irvine, Kalifornien als auch in Göttingen. Sie schrieb literaturwissenschaftliche Bücher: "Frauen lesen anders" (1996), "Katastrophen. Über deutsche Literatur" (1997), "Was Frauen schreiben" (2010). Ihre Studienfreundschaft mit Martin Walser zerbrach öffentlich nach seinem umstrittenen "Tod eines Kritikers".

2008 veröffentlichte Klüger mit "unterwegs verloren" eine Fortsetzung ihrer außergewöhnlichen Lebensgeschichte. 2013 erschienen erstmals ihre seit 1944 gesammelten Gedichte.

Dass "weiter leben" oft als versöhnliches Dokument empfunden wurde, hat Klüger immer verwundert. "Wir Überlebende sind nicht zuständig für Verzeihung", sagte sie einmal in einem Interview. Tatsächlich versöhnliche Töne hat sie aber bei ihrer Rede im deutschen Bundestag 2016 zum Jahrestag der Auschwitz-Befreiung angeschlagen. Sie erzählte damals in ihrer so wichtigen Rolle als Erinnerungs-Mahnerin von den unsäglichen Bedingungen für Zwangsarbeiter wie sie. Und sie, eine ehemals Geflohene und Emigrantin, sagte über Angela Merkels Flüchtlingspolitik: "Ich bin eine der vielen Außenstehenden, deren Haltung von Verwunderung zu Bewunderung umgeschlagen ist." Das Land habe den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner offenen Grenzen.

Mit Wien ging sie ein Jahr zuvor, als ihr die Ehrendoktorwürde verliehen wurde, noch härter ins Gericht. Es blieb beim "Versöhnungsversuch".