Für eine Buchreihe, die den schönen Titel "Österreichs Eigensinn" trägt, kann es kaum einen passenderen Autor geben als den Dichter Ernst Herbeck, der am 9. Oktober 2020 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Verstorben ist Herbeck im September 1991 als langjähriger Insasse des "Hauses der Künstler" auf dem Gelände der psychiatrischen Landesklinik in Gugging.

In den 1970er und 1980er Jahren war das Interesse an seinen in der Irrenanstalt entstandenen lyrischen Notaten beachtlich stark. Schriftsteller wie Gerhard Roth, André Heller, Ernst Jandl und Friederike Mayröcker oder Elfriede Jelinek pilgerten ins "Haus der Künstler", um den unscheinbaren Mann zu besuchen, der unter der fördernden Aufsicht seines Arztes, Primar Leo Navratil, so wunderliche wie wundersame Texte schrieb.

Rand und Zentrum

W.G. Sebald, der einige bestechende Essays über Herbeck verfasste, stellte zutreffend fest, dass die lyrischen Gebilde des schizophrenen Herbeck "den Ort unserer Hoffnung genauer bestimmen als der geordnete Diskurs. Was wir für ein Randphänomen unserer Kultur zu halten geneigt sind, wäre damit von zentraler Bedeutung, zumal angesichts der stets zunehmenden Digitalisierung unseres Artikulationsbedürfnisses."

Nota bene wurden diese Zeilen 1990 geschrieben, und mit jedem Jahr, in dem der Siegeszug der digitalen Verblödung unserer Kultur fortschreitet, gewinnen sie an trauriger Prägnanz.

Insofern ist erfreulich zu sehen, dass der Verlag Jung und Jung sich unverändert darum bemüht, die Erinnerung an den Ausnahmedichter Herbeck wachzuhalten. Denn: "Die Texte Ernst Herbecks sprechen als poetische Zeugnisse für sich, und sie sprechen im Leser etwas an, was sich nicht so leicht erschöpft und auch nicht beruhigt", konstatiert die Herausgeberin Gisela Steinlechner treffend in ihrem Nachwort zu "Der Hase!!!!".

Der Jubiläumsband ist eine Neuausgabe der gleichnamigen Auswahl aus dem Jahre 2013. Erstmalig finden sich in der Fassung von 2020 kleine, postkartengroße Zeichnungen von Herbeck, zumeist ausgeführt mit Buntstiften. Die einfachen bildnerischen Arbeiten erweisen sich als zwingendes Pendant der freilich nur scheinbar simplen Texte von Herbeck, deren unnachahmliche Stärke aber gerade darin liegt, dass hier jemand spricht, der - im Sinne Schillers - gänzlich "naiv" ist, indem er Sprache, anders als die approbierten Lyriker, ohne Kenntnis der dichterischen Tradition benutzt.

In Anlehnung an den Begriff der art brut darf man Herbecks Dichten als ein "rohes Schreiben" bezeichnen. Oder um eine Herleitung von Sebald zu bemühen: als "mindere Literatur" im selben Sinne, wie Deleuze/Guattari dieses Konzept auf die Schriften von Franz Kafka angewendet haben, operierten doch der schizophrene Dichter aus Gugging wie der deutschsprachige Autor aus Prag aus einer Minderheitenposition. Beide arbeiten nicht auf den Zeitpunkt der Publikation ihrer Texte hin, sondern gehen ganz im Prozess des Schreibens auf, denn was allein für sie zählt, ist der schöpferische Moment des Ausdrucks - weshalb die Schreibsituation so auch wiederholt zum Thema des Dichtens werden kann, wie etwa im Gedicht "Ein Text": "Ein Gedicht ist eine / Voraussagung. / Das Gedicht ist ein / Varum. Der Dichter / ordnet die Sprache / in kurzen Sätzen. / Was über ist, ist das / Gedicht selber."

Verblasstes Interesse

Welche eigentümlichen, eigensinnigen Textverfahren Herbeck benutzt, erläutert für alle, die mit dessen Notaten noch nicht vertraut sind, das kompetente Nachwort von Steinlechner, der das große Verdienst zukommt, in Form ihrer 1989 erschienenen Dissertation die erste und zugleich definitive literaturwissenschaftliche Studie über Herbeck vorgelegt zu haben. Dass im Verlauf der letzten 30 Jahre das Interesse an ihm nicht nur vonseiten der Germanistik, sondern ebenso der literarisch interessierten Öffentlichkeit wie der literarisch tätigen Schreibenden beständig zurückging, erscheint als bezeichnend für die derzeitige kulturelle Position der Literatur, zumal die bildnerischen Arbeiten der Gugginger Mitpatienten von Herbeck, ganz im Gegensatz dazu, mittlerweile hochgehandelte Werke auf dem Kunstmarkt sind.

Als die Grazer Autorenversammlung den im bürgerlichen Sinne unmündigen Herbeck 1978 in ihre Reihen aufnahm, war dies nicht nur eine Anerkennung seiner literarischen Bedeutung, sondern vor allem ein Akt der Solidarität gegenüber einem sozial Schwachen; einem Mit-Menschen, der an den brutalen Zeitläuften und den Anforderungen der Gesellschaft gescheitert war.

Heinar Kipphardt hat das Werk wie die Krankengeschichte von Herbeck in seinen verschiedenen "März"-Texten verklärend appropriiert, indem er ihn, dem antipsychiatrischen Zeitgeist folgend, als "Schizo" stilisierte. Leo Navratil hat sich vehement gegen diese Vereinnahmung seines Schützlings gewehrt. Allerdings dokumentierte sich bei Kipphardt zumindest eine Parteinahme für die Interessen einer Randgruppe, die im derzeitigen identitätspolitischen Wettrangeln um Minderheitenschutz und Opferstatus keine Rolle mehr spielt.

Frische Sichtweise

Unter den Gegenwartsautoren scheint allein Clemens J. Setz sich noch für die "genialische" Literatur aus Gugging zu interessieren. Setz hat sich nicht nur eindringlich mit den Schriften von Herbecks zumeist vernachlässigtem Mitpatienten Edmund Mach beschäftigt, sondern für die Jubiläumsausgabe von "Der Hase!!!!" ein lesenswertes Vorwort beigesteuert. Darin wird nach langer Zeit erstmals wieder eine frische Sicht auf die Texte ermöglicht und neue Perspektiven werden eröffnet, so etwa, wenn Setz anhand des Gedichts "Die Kälte" feststellt: "Herbeck berichtet uns von Dingen, von denen sonst nur Gespenster etwas verstehen, im geduldigen Tonfall eines Eingelesenen, der all diese Phänomene leider schon zur Genüge studiert und durchgefühlt hat."

Kenntnisreich und überzeugend verortet Setz die eigentümliche Kurzlyrik Herbecks in einer Matrix, welche die Songtexte des art-brut-Musikers Daniel Johnston, die Avantgardelyrik der Beat-Poeten um Allen Ginsberg, den Twitter-Lyriker @lunaticabsturz und die hymnischen Fragmente von Hölderlin umfasst. Erkennbar wird so, in welchem kulturellen Hallraum die Gedichte von Ernst Herbeck in einen wahrlich irren Dialog mit anderen Stimmen aus dem (populär-)kulturellen Archiv treten.