Egon könnte eigentlich schon in Rente sein, doch weil er über die Jahre kaum etwas in die Versicherung eingezahlt hat, muss er auch mit über 70 noch seinem Beruf als Bestatter nachgehen. Eines Tages werden er und der Sohn seiner aktuellen Lebensgefährtin zur Kohlenzeche gerufen: Dort hat man tote Bergleute aus der Erde geholt, die vor über 70 Jahren verschüttet worden waren. Sie sind aufgrund der Bedingungen dort unten bestens erhalten, "wie Mumien", und unter ihnen ist auch Egons Vater, der damals umkam, noch bevor sein Sohn das Licht der Welt erblickte. "Der über siebzigjährige Egon fuhr seinen Vater durch das Schneegestöber nach Hause. Seinen dreiundzwanzigjährigen Vater."

Ralf Rothmann, der selbst im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, hat sich den Ruf erarbeitet, der Dichter der kleinen Leute zu sein. Seine Romane - allen voran "Milch und Kohle" und "Junges Licht" - schildern Milieus, die man einst der "Literatur der Arbeitswelt" zugerechnet hätte, aber er tut das mit unerhörter sprachlicher Finesse und vor allem mit einem ungeheuren Maß an wohlwollender, nie verklärender Empathie.

Die ganze Bandbreite seines literarischen Könnens aber zeigt sich in den kurzen Prosatexten. Nun liegt ein neuer Band mit elf Geschichten vor, und in allen wird auf je eigene Weise davon erzählt, wie fragil das menschliche Leben ist. Der Tod ist nie weit in Rothmanns Geschichten, und in der ergreifenden Titelgeschichte hat ihn Wassili Blochin sogar zum Beruf gemacht. Im Auftrag Stalins tötet er in einem Moskauer Hotel im Akkord "Abweichler", unter ihnen auch den Schriftsteller Isaak Babel. Doch weil der Henker auch ein Literaturliebhaber ist, lässt er sich zuvor noch ein Exemplar der "Geschichten aus Odessa" von ihrem Verfasser signieren - mit den Fingerabdrücken, weil Babel aufgrund brutaler Folter keinen Stift mehr halten kann. In dieser Geschichte ist der Tod allgegenwärtig - und ist doch gebannt durch die Größe, mit der Isaak Babel, der Mann des Wortes, ihm als körperliches Wrack entgegentritt.

Nach fast jeder dieser Erzählungen verspürt man "ein leises Ziehen in der Herzgegend", wie der abschließende kurze Text betitelt ist. Das schafft nur große Literatur.