Der Deutsche Buchpreis 2020 geht an Anne Weber für ihren Roman "Annette, ein Heldinnenepos". Das wurde am Montagabend in Frankfurt/Main bekannt gegeben. Wegen der Corona-Pandemie gab es statt einer öffentlichen Veranstaltung nur einen Livestream. Neben Weber nominiert waren Bov Bjerg ("Serpentinen"), Thomas Hettche ("Herzfaden"), Deniz Ohde ("Streulicht"), Dorothee Elmiger ("Aus der Zuckerfabrik") und Christine Wunnicke ("Die Dame mit der bemalten Hand"). Bis auf Wunnicke, die aus dem Literaturhaus München zugeschaltet war, waren alle Nominierten ebenso wie die sieben Mitglieder der Jury persönlich im Kaisersaal des Frankfurter Römers anwesend.

Eine reale Figur als Romanvorlage

Das Buch, mit dem die 55-jährige Weber die Jury überzeugt hat, handelt von einer realen Person mit einer beeindruckenden Lebensgeschichte: Mit 16 tritt sie in die Résistance ein, rettet jüdische Kinder und wird Kommunistin. Später wird sie Medizinerin und geht im Kampf für ein unabhängiges Algerien in den Maghreb und dafür ins Gefängnis. Dann kommen Flucht und Trennung von Familie und Kindern. Heute lebt die 96-jährige Anne Beaumanoir im Süden Frankreichs. Ihrem außergewöhnlichen Leben hat die Schriftstellerin Anne Weber ihr Buch "Annette, ein Heldinnenepos", gewidmet, das den Deutschen Buchpreis gewonnen hat.

Die heute 96-jährige Französin Anne Beaumanoir im Jahr 1940. - © http://db.yadvashem.org/righteous/righteousName.html?language=en&itemId=4042784
Die heute 96-jährige Französin Anne Beaumanoir im Jahr 1940. - © http://db.yadvashem.org/righteous/righteousName.html?language=en&itemId=4042784

"Anne Beaumanoir ist einer ihrer Namen. Es gibt sie, ja, es gibt sie auch woanders als auf diesen Seiten, und zwar in Dieulefit, auf Deutsch Gott-hats-gemacht, im Süden Frankreichs. Sie glaubt nicht an Gott, aber er an sie. Falls es ihn gibt, so hat er sie gemacht."

Mit diesen Sätzen beginnt das Buch, für dessen literarische Form die 55-jährige Autorin das Epos gewählt hat: Ein antiker Referenzrahmen, in dem es traditionell um Götter und Helden geht, den Anne Weber auf ihre Weise gelungen ästhetisiert.

Der Stil ist rhythmisch, die Struktur der Verse erkennbar und die Spracharbeit von ungewöhnlicher Originalität. Wie auch in "Ahnen. Ein Zeitreisetagebuch", in dem sie sich auf die Suche nach den Spuren ihres Großvaters macht. Webers Texte zeichnen sich durch formale Experimentierfreudigkeit und sprachliche Beweglichkeit aus.

Die Heldin ihres Buchs, die am 30. Oktober 97 Jahre alt wird, hat Weber auf einer Podiumsdiskussion in Frankreich getroffen. Die Begegnung sei für Weber ein "Coup de foudre" gewesen, Liebe auf den ersten Blick, wie sie schreibt. Daraufhin folgten mehrere Begegnungen mit Anne Beaumanoir, auch Annette genannt.

Weber nimmt die entsubjektivierte Position der Protagonistin ein, die ihr Leben dem Kampf für Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit gewidmet hat. Sie erzählt deren Biografie, die geprägt ist von Widerstand, Gewalt, Tod, Verrat, Gefängnis, Flucht und Exil. Nur wenige Unterbrechungen gönnt sich Annette. So studiert sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Medizin, wird Professorin für Neurophysiologie und dreifache Mutter.

Nach ihrer Tätigkeit in der französischen Résistance wird sie in den 50er Jahren aktives Mitglied der Nationalen Befreiungsfront FLN mit dem Ziel der Unabhängigkeit und des Sozialismus Algeriens. Warum? "Annettes reger Geist und ihre rege Zunge brauchen das Tätigsein; nur durch Bewegung und durch Tat leuchten ihr auch die Theorien ein", schreibt die Autorin.

Für Frankreich wird Annette als FLN-Mitglied zur Terroristin und zu 10 Jahren Haft verurteilt. Sie flieht nach Tunesien, wo sie als Ärztin kranken Menschen hilft. Als Frankreich die ehemalige Kolonie in die Selbstständigkeit entlässt, baut Annette in Algerien das Gesundheitswesen auf. Nach dem Militärputsch im Jahr 1965 flieht sie nach Genf, wo sie ihre Amnestie in Frankreich abwartet. Eine ungewöhnliche Geschichte auf rund 200 Seiten.

Das Heldinnenepos schwankt zwischen Erzählung, Fakten und vielen Fragen, wie die, warum Revolutionäre später selber foltern und töten? Unter der achtjährigen Alleinherrschaft der FLN nach der Unabhängigkeit sollen ungefähr 19 000 Zivilisten umgebracht worden sein, über 16 000 von ihnen waren Algerier – Rivalen der FLN oder Andersdenkende.

Weber wurde am 13. November 1964 in Offenbach am Main geboren, lebt seit 1983 jedoch in Frankreich, wo sie an der Pariser Sorbonne französische Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft studierte. Sie selbst übersetzt ihre Bücher, sobald sie geschrieben sind. Anfänglich schrieb sie auf Französisch und übersetzte ins Deutsche. Inzwischen verfasst sie ihre Texte in deutscher Sprache, um sie danach ins Französische zu übertragen. Eine Besonderheit – ebenso wie ihre literarische Experimentierfreudigkeit und subtile erzählerische Vermittlung.

Die bisherigen Gewinner des Deutschen Buchpreises

Der Deutsche Buchpreis wird seit 2005 verliehen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zeichnet damit "den besten Roman in deutscher Sprache" aus. Der Preis ist mit insgesamt 37.500 Euro dotiert: Der Sieger erhält 25.000 Euro, die übrigen Autoren der Shortlist jeweils 2.500 Euro. Insgesamt haben die sieben Jurymitglieder 206 Titel gesichtet, die zwischen Oktober 2019 und September 2020 erschienen sind. Erst zweimal erhielten Österreicher den Preis: 2005 gewann Arno Geiger mit seinem Roman "Es geht uns gut", 2017 wurde Robert Menasse für "Die Hauptstadt" ausgezeichnet. Der Österreichische Buchpreis wird am 9. November vergeben. Bisher haben den Hauptpreis je acht Frauen und acht Männer gewonnen:

2020: Anne Weber für "Annette, ein Heldinnenepos"
2019: Sasa Stanisic für "Herkunft"
2018: Inger-Maria Mahlke für "Archipel"
2017: Robert Menasse für "Die Hauptstadt"
2016: Bodo Kirchhoff für "Widerfahrnis"
2015: Frank Witzel für "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969"
2014: Lutz Seiler für "Kruso"
2013: Terezia Mora für "Das Ungeheuer"
2012: Ursula Krechel für "Landgericht"
2011: Eugen Ruge für "In Zeiten des abnehmenden Lichts"
2010: Melinda Nadj Abonji für "Tauben fliegen auf"
2009: Kathrin Schmidt für "Du stirbst nicht"
2008: Uwe Tellkamp für "Der Turm"
2007: Julia Franck für "Die Mittagsfrau"
2006: Katharina Hacker für "Die Habenichtse"
2005: Arno Geiger für "Es geht uns gut"

(dpa)