Mit dem aus Rom ins Aostatal versetzten Vicequestore Rocco Schiavone (nennen Sie ihn nicht Commissario!) ist der italienische Krimiautor Antonio Manzini in große Fußstapfen getreten. Denn Ähnlichkeiten zu Andrea Camilleris Salvo Montalbano, was die Persönlichkeitsstruktur angeht, sind durchaus sichtbar. Wobei Schiavones Liste, was ihm alles auf den Sack geht (dass Camilleri seinerzeit nicht bereits auf diese Idee gekommen ist!), sicher um einiges länger ist als jene Montalbanos, denn der Römer ist noch einmal eine ganze Spur grantelnder als der Sizilianer. Allerdings lebt er auch gefährlicher, denn in den ersten Bänden wurden nun schon zwei ihm nahestehende Frauen ermordet.

Im fünften Schiavone-Roman "Die schwarze Stunde" macht Manzini nun einen zeitlichen Sprung zurück und lässt seinen Protagonisten sich zurückerinnern (oder besser gesagt: er wird durch aktuelle Ereignisse geistig zurückkatapultiert) an seine Zeit in Rom und jene widrigen Umstände, die ihn von dort in den Norden vertrieben haben. Es ist der bisher persönlichste Schiavone-Krimi, in dem wir viel erfahren darüber, wie er zu dem geworden ist, der er heute ist. Und in dem wir auch viel über die Frau erfahren, die er geliebt hat wie keine andere - und die dann ermordet wurde.

Mehr darüber wird an dieser Stelle nicht verraten, nur so viel: Breiten Raum nehmen in der Geschichte auch Schiavones alte (zwielichtige) Freunde aus Rom ein, mit denen er eine Art Kleeblatt bildet. Und die vielleicht nicht ganz unschuldig daran sind, dass der Staatsbeamte, der eigentlich für Recht und Ordnung sorgen sollte, nicht nur mitunter recht unorthodoxe Ermittlungsmethoden anwendet, sondern sich sogar klar gesetzwidrig verhält, wenn er etwa in seiner Schreibtischschublade Joints hortet und sich diese auch in seinem Büro anzündet.

Aber wie es nun einmal in einem guten Polizistenkrimi so ist: Letztlich gilt das alte Sprichwort, dass der Zweck die Mittel heiligt. Und ganz ehrlich: Ein vollkommen gesetzeskonformer, kreuzbraver Ermittler würde seine Fans sicher bald langweilen. Insofern tut Manzini schon gut daran, seinem Kultermittler (der Schiavone inzwischen zweifelsfrei ist) ordentlich Ecken und Kanten zu verpassen. Das fand übrigens auch sein im Vorjahr 93-jährig verstorbener Autorenkollege Camilleri, der befand: "Rocco Schiavone ist ein einzigartiger Ermittler." Und man kann nur sagen: Die Lücke, die Camilleri an nicht mehr geschriebenen Montalbano-Geschichten hinterlässt, dürfte Manzini mit Schiavone ganz gut füllen können.