Es ist eine ganz schöne Falle, die Ayad Akhtar in seinem Roman "Homeland Elegien" da ausgelegt hat. Der kommt nämlich wie eine herkömmliche Autobiografie, wenn auch mit hohem Essay-Anteil, daher. Aber das vorangestellte Zitat "Ich kann mir nur etwas über Dinge ausdenken, die schon geschehen sind . . ." lässt einen dann doch stutzig werden. Geschmeidig verzahnt der Dramatiker hier Episoden seines Lebens, der Biografie seiner Eltern und seiner Familie mit frei erfundenen Elementen.

Ayad Akhtar ist bekannt für provokante, zeitkritische Theaterstücke wie "Geächtet" und "The Who and the What". Beide waren in Wien zu sehen. - © Vincent Tullo
Ayad Akhtar ist bekannt für provokante, zeitkritische Theaterstücke wie "Geächtet" und "The Who and the What". Beide waren in Wien zu sehen. - © Vincent Tullo

Die Unterscheidung zwischen den beiden Ebenen fällt schwer und Akhtar ist im Gespräch wenig überraschend nicht gewillt, dabei zu helfen. Warum hat er sich für diese Technik entschieden? "Ich wollte einen Weg finden, von der bröckelnden Situation unseres Landes zu erzählen, die sich seit vielen Jahren entwickelt. Ich wollte heutige Leser erreichen, die zwischen Fakten und Fiktion nicht mehr unterscheiden können. Leser, deren Aufmerksamkeitsmonopol nur dem Klappern der Breaking News Benachrichtigungen gilt und den Sozialen Medien."

Dass man in dem Zusammenhang schnell Donald Trump assoziiert, ist ein Symptom unserer Zeit. Und tatsächlich spielt der US-Präsident bereits auf den ersten Seiten von "Homeland Elegien" eine Rolle. Und zwar als (fiktiver?) Patient von Akhtars Vater, der auch im echten Leben ein renommierter Kardiologe war. Die Episode spielt noch lang vor der Wahl, Trump könnte die seltene, fatale Herzrhythmusstörung Brugada-Syndrom haben, für die Akhtars Vater Spezialist ist. Die daraus resultierende Bekanntschaft mit dem Millionär illustriert, wie sich der Vater vom dollarstrotzenden American Way of Life verführen lässt.

Eine neue Trump-Staffel

Die Realität hat die Fiktion bekanntlich vor kurzem eingeholt: Trump geriet wegen seines Gesundheitszustandes in die Schlagzeilen und machte wie üblich eine bizarre Show daraus. Wie beurteilt der Theatermann Akhtar diese Performance - inklusive Auftritt am Balkon des Weißen Hauses mit "Maskenbefreiung"? "Jemand hat geschrieben: Er verliert seine Stimme, sein Make-Up verabschiedet sich, sichert euch jetzt Tickets für die letzte Vorstellung! Nun, es ist natürlich ermüdend, dass das amerikanische Projekt zu dieser Scharade verkommen ist. Er scheint sich in einer sehr schlechten Reality-TV-Show zu wähnen, er will die Quoten hoch halten, damit er eine neue Staffel bekommt."

Doch die USA sind nicht erst seit Trump ein gespaltenes Land. In "Homeland Elegien" steht der Erzähler, der auch Ayad Akhtar heißt, als Metapher für eine der vielen Trennlinien, die sich durch die USA heute ziehen. Als Sohn pakistanischer Einwanderer, als nicht-praktizierender Muslim und nicht zuletzt als Künstler. Seine zerrissene Identität speist sich stark aus den unterschiedlichen Einstellungen seiner Eltern: der Vater sieht sich als waschechter Amerikaner, während die Mutter immer noch gern in die alte Heimat schielt - besonders nach 9/11.

Kreuz als Schutzschild

Die Attacken auf das World Trade Center sind denn auch eine Schlüsselstelle in Akhtars Roman. Er beschreibt eindrücklich, wie er durch die Straßen irrt, während ihm langsam dämmert, welche Folgen dies für Menschen, die "braun" aussehen wie er, haben wird. In einem Geschäft lässt er schlafwandlerisch ein Kreuz-Halskettchen mitgehen, um sich fortan damit als Schutzschild zu camouflieren. Ist das eine wahre Geschichte? "Es ist eine gute Geschichte, oder?" Das ist sie in der Tat, verdeutlicht sie doch, wie tief die - bedrohliche - Vorstellung vom christlichen Amerika in Muslimen sitzt.

Hat sich die Situation als Muslim in den USA verändert seit 9/11? "Die Pandemie beendet gerade die 9/11-Ära. Die hat fast 19 Jahre angedauert. Die Folgen für unsere Welt kann man nicht unterschätzen. Wir sehen Kriminelle an der Macht überall in der Welt, einen Zusammenbruch der Weltordnung, überwacht und gestärkt von amerikanischen Institutionen. Das internationale Rahmen werk wurde zum Teil dadurch zerstört, wie wir auf die Angriffe vom 11. September reagiert haben. Wir zogen um die Welt und zerstörten Gesellschaften, aus Rache. Die Auswirkungen, zum Beispiel die Flüchtlingskrise, sind ein Vermächtnis der Post-9/11-Ära."

Doch die "zerbröckelnde" Situation der USA hat noch andere Gründe. Einen davon spricht Akhtar in einem halben Absatz in seinem Buch an. Da erwähnt sein Erzähler beiläufig, dass er seit langem Bibliotheken finanziell unterstützt. "Alles Kommunale, Bürgerbetreute, Öffentliche hat vor allem im Bildungs- und Kunstbereich große Probleme, finanziert zu werden. Bibliotheken schließen, Kunst- und Literaturabteilungen auf Universitäten schließen, die politische Klasse scheint kein Interesse daran zu haben. Man kann nur spekulieren, warum. Aber wenn Menschen trainierter sind, zu denken, dann haben sie vielleicht eher ein Problem mit allem, was passiert. Und dann wundern wir uns, wenn jemand so idiotischer wie Donald Trump unser Präsident wird. Das hat alles eine Verbindung."

Lächerliche Scharade

Seine analytische Gabe wendet Akhtar aber nicht nur für die Lage der USA an, sondern auch bei seinem eigenen Unterbewusstsein. Lange Jahre führte er akribisch Traumtagebuch - und dokumentierte nicht selten auch visionäre Inhalte. Nicht nur der Terror von 9/11 erschien ihm vorab im Traum, vor Ausbruch der Covid-Pandemie träumte er von einem gefährlichen Nebel. "Wer weiß schon, was das bedeutet, aber es ist schwer, es nicht ernst zu nehmen, wenn es einem öfters passiert. Ich denke, solche Erlebnisse geben uns ein tieferes Verständnis der Ganzheit unseres Lebens, für die uns unsere Orientierung auf das Bewusste nicht offen macht."

Den Ausgang der US-Wahl kann Akhtar aber (noch?) nicht vorhersagen: "Ich würde gerne denken, dass es nach den Regeln der Physik keinen wie auch immer gearteten Grund geben kann, dass Trump wieder gewinnt. Er treibt jeden in den Wahnsinn mit seiner Verrücktheit. Und die Medien machen so viel Geld mit seiner lächerlichen Scharade, indem sie sich entweder lustig machen oder sich empören über ihn. Wir wurden zu einer Gesellschaft, die von Donald Trump verzückt ist, obwohl wir ihn nicht ausstehen können. Aber er scheint sich allen Regeln der Folgerichtigkeit widersetzen zu können. Man weiß nicht, was passieren kann in diesen Tagen."

Akhtar würde gerne Optimist sein: "Bin ich auch, wenn es um die wunderbaren Dinge im Leben geht, Familie, Freunde, meine Liebe zur Literatur, ein guter Grüner Veltliner. Aber momentan brennt der ganze Westen des Landes - ist es da wirklich angebracht, ein Optimist zu sein? Ich finde es verwirrend, hoffnungsvoll zu sein, wenn die Welt auseinanderbricht."

Einer, der "mit depressiven Rollen berühmt geworden ist", hat übrigens auch einen Auftritt in "Homeland Elegien": James Stewart im vor allem zu Weihnachten beliebten Film "Ist das Leben nicht schön" - hier als Utopie einer USA, wie sie heute nicht mehr denkbar ist. Der Schauspieler James Stewart, einst als Prototyp des guten Amerikaners gefeiert, würde heute wohl im lauten Reality-Starlet-Geknatter untergehen. Würde er, eine Art Anti-Trump, die Wahl zum Präsidenten heute gewinnen können? "Ich fürchte, er würde gar nicht erst antreten."